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    RANDERSACKER

    Besuch an der Kegelbahn: Rollt bald die letzte Kugel?

    Stirbt das Kegeln aus? Besuch bei den Keglern der SG Randersacker. Foto: Thomas Obermeier

    Karl-Heinz Wegmann zupft an seiner Kniebandage und zieht sie etwas nach oben, dann geht er raus auf die Bahn. Drei Mal ist er in den vergangenen Jahren am Knie operiert worden, Mätzchen macht das Gelenk manchmal immer noch. Zum Training kommt er trotzdem jede Woche. Wegmann ist 69, heute ist er der Jüngste auf der Bahn. Die Randersackerer Kegelmannschaft braucht ihn, sie braucht jeden Mann.

    Die Bahnen stauben vor sich hin

    Vor 25, 30 Jahren, da konnten sich die Kegelclubs in der Region noch vor motivierten Mitspielern kaum retten, mussten auswählen, wer in den Kader kommt. Selbst kleine Clubs hatten mehrere Mannschaften in verschiedenen Ligen. Heute? Die komplette Kehrtwende: Reihenweise lösen sich ganze Vereine auf. Bahnen, die früher immer ausgebucht waren, stauben in den Kellern und Hinterräumen der Sportgaststätten vor sich hin. Und wo es einst noch mehrere Herren-, Damen- und Jugendmannschaften gab, muss heute gekratzt werden, um überhaupt noch vier Leute zusammenzubekommen, die beim Wettkampf antreten.

    Es ist ein typischer Dienstagabend im Vereinsheim der SG Randersacker: An der Tür schlägt dem Gast der Geruch von frischen Knoblauchkartoffeln und Feierabendbier entgegen, die Pacht hat ein griechischer Wirt. Weiter hinten, im Nebenraum, weicht der Dunst dem Geruch von altem Hartplastik und Gummi.

    Typisch Kegelbahn. Wo vorne entspannte Stammtisch-Stimmung herrscht, geht es hier hinten mit Disziplin zu: Obwohl der große Raum ziemlich kühl ist, haben Karl-Heinz Wegmann aus Theilheim, Wolfgang Hofmann aus Randersacker und Heinz Rüger aus Eibelstadt (alle Kreis Würzburg) kurze Sporthosen und T-Shirts an. Ihr vierter Mannschaftskollege fehlt heute, er ist krank. Bei ihrem Training kegeln immer zwei Spieler gegeneinander, 30 Wurf muss einer in zwölf Minuten schaffen, so die Regeln. Im Schnitt heißt das, alle 24 Sekunden eine Kugel zu schieben. Da kommt man schon mal ins Schwitzen.

    „Für uns ist Kegeln Sport, kein Hobby“

    „Für uns ist Kegeln Sport, kein Hobby“, sagt Wolfgang Hofmann. Der 73-Jährige hat gerade Pause, Rüger und Wegmann sind an der Reihe. Zeit, um zu Ulrich Scheckenbach an den Computer zu gehen und die Zahlen zu checken. Scheckenbach ist an dem Abend der Vierte im Bunde, kegeln darf er allerdings nicht mehr, seitdem ihm ein Teil der Lunge entfernt wurde. Stattdessen tippt er jetzt Ergebnisse ins Computersystem ein. Seit einigen Jahren gibt es eine Software vom Bayerischen Sportkegler- und Bowlingverband, in dem die Trainingsergebnisse erfasst und übermittelt werden. Für viele kleine Clubs ein Problem – weil keiner der Spieler im gesetzten Alter mehr einen Computer bedienen kann.

    Passionierte Kegler: (von links) Franz Lehnhardt, 1. Bezirkssportwart, Bezirksvorsitzender Werner Hahn und Werner Reiter, 2. Bezirkssportwart. Foto: Lara Meißner

    „Es geht uns wie allen Kegelclubs“, sagt Scheckenbach. „Uns fehlt der Nachwuchs. Die Alten sterben weg, aber es kommt niemand mehr nach.“ Er nickt in Richtung Eingangstür. Dort hängen die Ahnen des Vereins feinsäuberlich gerahmt nebeneinander. Über zwei Drittel ihrer Mitglieder hat die Kegelabteilung in den vergangenen 30 Jahren verloren. Von über 70 Keglern Ende der 80er sind 27 übrig geblieben. Acht von ihnen kegeln noch, regelmäßig zum Training kommen drei oder vier. „Früher waren wir genug Leute, so dass gekegelt werden konnte und die, die grad nicht dran waren, noch mindestens ein, zwei Schafkopfgruppen zusammengebracht haben,“ sagt Hofmann. Heute sind die Tischreihen vor der Bahn leer. Zu einem Wettbewerb kommen stets fünf Zuschauer: Die vier Frauen der Kegler und ein altes Urgestein des Vereins.

    „Wer nicht gekegelt hat, der war durstig“

    Auch Hobbykegler – die Cliquen, die sich sonst in regelmäßigen Abständen getroffen haben, um ohne Wettbewerbsambitionen, einfach nur zum Spaß, ein paar Stunden zu Kegeln – gibt es kaum noch. „Vor 30 Jahren und noch länger, da war jeden Abend was los. Da wurde immerzu gekegelt und wer nicht gekegelt hat, der war durstig,“ erzählt Wolfgang Hofmann von früher und lacht.

    Heinz Rüger in Aktion. Foto: Thomas Obermeier

    „Drei!“, er hebt die Finger, „In drei Wirtschaften gab es früher Bahnen hier in Randersacker.“ Eine ist davon geblieben – „und nur, weil der Verein sie finanziert und wir viel Eigenleistung reinstecken“, sagt Scheckenbach. „Privat vermietete Bahnen kann man heute vergessen.“ Denn ausgebucht ist die Bahn schon lange nicht mehr, es vergehen Wochen, wo überhaupt nichts los ist.

    Noch 1947 Mitglieder - von einst 4000

    Wie bei den Randersackerern sieht es fast überall aus: „Als ich 1998 Vorsitzender wurde, hatten wir im ganzen Bezirk Unterfranken noch 4022 Mitglieder. Und da waren die allerglorreichsten Phasen fast schon wieder vorbei“, sagt Werner Hahn. Der 76-Jährige aus Bad Kissingen ist seit 20 Jahren Vorsitzender des Sportkegel-Bezirksverbandes Unterfranken. Von den über 4000 Mitgliedern seien heute noch 1947 übrig. Woran das liegt? Für Werner Reiter aus Röthlein (Kreis Schweinfurt), stellvertretender Sportwart im Bezirk, ist es eindeutig: „Heute gibt es ein ganz anderes Freizeitangebot“, sagt der 60-Jährige.

    Früher, da ging man auf den Dörfern zum Fußball und zum Kegeln – „das war's“. Der Meinung ist auch Franz Lehnhardt, 60 Jahre, aus Haßfurt und erster Sportwart im Bezirk. „Die Kinder heute spielen zwei Instrumente, haben am Nachmittag Schule und schnuppern vielleicht mal hier und da in die verschiedensten exotischen Sportarten. Fest zu einem Verein geht kaum einer mehr, auch in anderen Sportarten geht überall der Nachwuchs aus. Sogar beim Fußball hört man immer öfter von Spielgemeinschaften, weil kein Verein mehr eine Mannschaft zusammenbekommt“, sagt er.

    Vor 20 Jahren war Lehnhardt Bezirksjugendwart, damals gab es über 600 jugendliche Mitglieder in unterfränkischen Kegelabteilungen. Heute sind es 190. „Und selbst wenn ein Verein mal ein paar junge Kegler gewonnen hat: Spätestens nach dem Schulabschluss sind die weg.“ Studium, Lehre, erste Jobs in ganz Deutschland, dazu die Landflucht – wer bleibt heutzutage noch seinem Dorf treu, geschweige denn seinem Verein?

    Ein Problem der Zeit

    Für die drei Herren aus der Verbandsspitze ist der Schwund – auch unter den Keglern, die nicht mehr ganz jung, aber auch noch keine Senioren sind – ein Problem der Zeit: „Die Leute zieht es immer mehr in die Städte, da gibt es viel mehr Freizeit-Möglichkeiten“, sagt Hahn. Die flexiblen Arbeitszeiten heute, so Reiter, tun ihr Übriges: „Der Eine arbeitet in Schichtdiensten, der Nächste pendelt jeden Tag 100 Kilometer, wer im Einzelhandel arbeitet, kommt vor acht Uhr eh nicht mehr raus – wie sollen da noch regelmäßige Trainings zustande kommen?“

    Karl-Heinz Wegmann mit Lehrbuchhaltung. Foto: Thomas Obermeier

    Eine Regelreform des Weltverbandes, die 2009 auch vom deutschen Keglerbund eingeführt wurde und den Sport eigentlich spannender und attraktiver machen sollte, hat die Kegler zusätzlich noch gespalten. Ein zweiter deutschlandweiter Verband hat sich gegründet, der nach den alten Regeln weiterspielt, allein im Kreis Schweinfurt sind acht Clubs zum neuen Verband gewechselt.

    Spaltung und keine neuen Mitglieder – „ganz schwarz malen sollten wir die Zukunft aber trotzdem nicht“, sagt Lehnhardt. Mehr Kegler werden es wohl nicht mehr werden, ganz aussterben wird der Sport aber auch nicht, da ist er sich sicher. „So lange Vereine viel für ihre Jugend machen und das nicht abreißen lassen, kommt auch immer mal wieder einer nach“, meint er. Dazu bräuchte es aber eben eine gewisse Vereinsgröße, Multiplikatoren in der Gemeinschaft und engagierte Mitglieder, die sich etwa auch zum Trainer ausbilden lassen.

    Zurück nach Randersacker: Die Voraussetzungen wären alle da. Trotzdem ist seit 15 Jahren kein jugendliches Mitglied mehr hinzugekommen. Immerhin: vor vier Jahren konnte Wolfgang Hofmann wenigstens Karl-Heinz Wegmann davon überzeugen, vom Hobby- zum Sportkegeln zu wechseln. Sonst wäre die Mannschaft nicht mehr zustande gekommen. Auch Heinz Rüger ist noch ein relativ junges Mitglied: Der 77-Jährige kam vor zehn Jahren aus Eibelstadt zu den Keglern aus Randersacker – weil sein Verein sich aufgelöst hat.

    Bowling ist einfach, Kegeln komplex

    „Dieses Jahr halten wir zum 25. Mal unser Ortsturnier ab. Und jedes Jahr hoffen wir, dass wir damit Mitglieder gewinnen können“, sagt Hofmann. Auch in der Tageszeitung und im Mitteilungsblatt hat die SG Randersacker immer mal wieder Anzeigen geschaltet – zwecklos. Das Kegeln scheint einfach niemand Neues mehr anzuziehen.

    Ganz anders ist es da beim Bowling, der amerikanischen Verwandten des Kegelns. In der Nachkriegszeit durch die Amerikaner in Deutschland immer populärer geworden, ist die Variante mit zehn statt neun Kegeln beziehungsweise Pins beliebt geworden. Auch wenn Sportbowler genauso wie Sportkegler immer weniger werden, „Bowlingarenen“ und „Bowlingcenter“ gibt es in der Region zu Hauf – mit gutem Zulauf.

    Pokale, Ehren – und ein Rekord: im Vereinsheim der Kegler der SG Randersacker. Foto: Thomas Obermeier

    Woran das liegt? „Es ist vielleicht moderner, es blinkt, macht schrille Töne“, mutmaßt Franz Lehnhardt. „Man trifft besser“, entgegnet Werner Hahn. Die Pins sind größer als die Kegel, es stehen zehn statt nur neun und die werden leichter getroffen, da die Bahn schmaler ist und die Kugel größer. „Kegeln ist komplex und man braucht Übung. Beim Bowling kann man einfach drauf los bowlen und meist wird es was“, so Hahn.

    Wie es weiter geht? Als perfekter Sport fürs Alter?

    Wie es weiter geht mit dem Kegeln? Weder die Verbandsspitze noch die Randersackerer Mannschaft weiß das. Fest steht nur, dass sie alle nächstes Jahr wieder ein Jahr älter sind. „Dramatisch ist das aber nicht so sehr“, sagt Heinz Rüger mit seinen 77 Jahren und legt sich grinsend zurück. Auch wenn er an beiden Knien Bandagen hat – „gut kegeln kann man bis ins hohe Alter.“ Und tatsächlich, anders als bei Fußball und Co. liegt das beste Kegelalter bei um 50 Jahren, das sagen auch die drei vom Verband. „Der Altersdurchschnitt der Aktiven im Bayerischen Verband liegt bei 48“, sagt Lehnhardt. „Die Leute werden immer älter. Da ist das doch eigentlich der perfekte Sport. Oder?“

    Bearbeitet von Lara Meißner

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