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    WÜRZBURG

    Boule: Mehr als ruhige Kugeln schieben

    Ihr Blick ist hoch konzentriert. Ihre Augen fixieren die silbrig-glänzende Kugel, die in etwa sechs Metern Entfernung liegt. Dann beugt Andrea Schneider die Knie, holt mit dem rechten Arm Schwung. Die Kugel, die sich in ihrer Hand befindet, fliegt über das Feld. Mit einem hellen, lauten Klacken prallt sie gegen die andere, schießt sie meterweit weg. Schneider nickt zufrieden – ein nahezu optimaler Wurf beim Boule-Spiel.

    Jetzt heißt es für das gegnerische Team: verteidigen. Ziel jeder Mannschaft ist es, die eigenen Kugeln möglichst nah am „Schweinchen“, einer kleineren Kugel, zu platzieren. Herbert Wimmer nimmt Maß, holt aus und trifft die „Sau“ so, dass die neue Anordnung auf dem Feld plötzlich wieder zum Vorteil seiner Gruppe ist. „Klasse Wurf“, freut sich Teamkameradin Renate Kimmel. „Nichts da, das heißt 'Entschuldigung‘“, ruft Andrea Schneider lachend und überlegt, wie sie die Partie wieder für ihre Mannschaft drehen kann.

    Turniere in verschiedenen Ligen

    Seit sieben Jahren ist die 57-Jährige Vorsitzende des Boule-Clubs Würzburg. Schneider selbst spielt schon seit 1983, auch auf Turnieren. Ähnlich wie in anderen Sportarten gibt es beim Boule verschiedene Ligen: So spielen zwei Würzburger Mannschaften in der Landesliga, eine in der Bezirks-, eine weitere in der Bezirksoberliga. Die dafür nötigen Lizenzen bekommen interessierte Vereinsmitglieder über den Bayerischen Pétanque Verband, zu dem auch der Würzburger Club gehört.

    Zwischen Boule und Pétanque wird in Deutschland in der Regel kein Unterschied gemacht. Beide Begriffe kommen aus dem Französischen – denn hier wurde das Spiel ursprünglich populär. „Boule“ bedeutet „Kugel“, „Pétanque“ heißt „geschlossene Füße“. Das hängt damit zusammen, dass beide Füße bei einem Wurf in einem vorgegebenen Kreis stehen bleiben müssen. Wer es genau nimmt, der müsste mit ersterem jedoch das Freizeitspiel und mit letzterem den Sport bezeichnen. Unter den Boule- oder eben Kugel-Sportarten ist Pétanque weltweit am weitesten verbreitet.

    Ausprobieren? Jederzeit!

    Trainiert wird in Würzburg eigentlich jeden Tag. Auf dem Bouleplatz im Ringpark (direkt am Kriegerdenkmal) ist nachmittags immer jemand zu finden. „Viele sind zufällig hier vorbeigelaufen und dann hängen geblieben“, erzählt Andrea Schneider. Wer Lust hat, kann den Sport unverbindlich ausprobieren, sich Kugeln bei den „alten Hasen“ leihen und eine Runde mitspielen.

    „So lernt man immer neue Leute kennen und der Erfolg kommt schneller als man denkt“, sagt die Würzburgerin. Denn nicht nur die Konzentration ist beim Boule wichtig, auch die Beschaffenheit des Bodens muss berücksichtigt werden. Und Technik ist ebenfalls nie verkehrt – die Kugeln sollten zum Beispiel nicht „gekegelt“ werden. Gerne stehen die Spieler Neulingen unterstützend zur Seite.

    „Probier‘ mal, eher hierhin zu treffen“, rät Schneider. Leichter gesagt als getan. Auf halber Strecke verhungert die Kugel kläglich. „Etwas fester!“, ruft sie. Also gut. Den Arm schwingen, die Kugel loslassen – und mit ansehen, wie sie im hohen Bogen über das „Schweinchen“ fliegt. Das war wohl zu fest. Doch mit ein bisschen Übung werden die Würfe immer besser.

    Beim Nachwuchs hapert es

    Schon zwanzig Minuten später nickt Herbert Wimmer anerkennend. „Deine Kugel liegt so gut, da beißen wir uns die Zähne aus“, lobt er. Ha! Der anfängliche Spielstand von 10:1 ist schnell zu einem 11:11 gedreht. „Boule kann jeder machen, in jedem Alter“, sagt die Vereinsvorsitzende. „Man bewegt sich draußen, es ist eine Ablenkung und ein schönes Miteinander.“

    So zählt der Club zurzeit 68 Mitglieder: In Schneiders Amtszeit sind über 20 Neulinge dazugekommen. Eine positive Entwicklung, die sich bayernweit zeigt: Der Bayerische Pétanque Verband hat derzeit 1550 Mitglieder, gut 350 mehr als 2003. Zwölf Mitgliedsvereine des Verbands kommen aus Unterfranken – von Marktheidenfeld über Schweinfurt bis nach Bad Kissingen. Sie stellen zusammen 28 Mannschaften, die in verschiedenen Ligen spielen.

    Allerdings: Die meisten Neuanmeldungen kommen von älteren Semestern, beim Nachwuchs hapert es ganz schön. Die jüngsten Spieler im Würzburger Club sind elf und 13 Jahre alt, „ein Glücksfall“ wie Schneider sagt. Dabei halten sich die Ausgaben für den Sport in Grenzen: In Würzburg kostet eine Mitgliedschaft mit Lizenz 42 Euro im Jahr. Wer sich einen Satz mit drei Kugeln anschaffen möchte, der muss einmalig mit 80 bis 300 Euro rechnen.

    Spannend bis zum Schluss

    „Es ist einfach ein ganz wunderbares Spiel“, findet Renate Kimmel, die seit 14 Jahren dabei und seitdem fast jeden Tag auf dem Platz ist. „Während einer Runde kommt es immer auch auf die Taktik an, das macht es so spannend.“ Ist es sinnvoll, eine Kugel wegzuschießen? Oder sollte die eigene, gute Position verteidigt werden? Abwägen vor jedem Wurf. Da kann es schon mal passieren, dass achteinhalb Stunden unbemerkt verstreichen. „Wir haben einmal um 20 Uhr angefangen und erst um 4.30 Uhr in der Nacht bin ich müde, aber glücklich nach Hause gewankt“, erinnert sie sich.

    Dann nimmt Renate Kimmel noch einmal eine Kugel in die Hand. Schaut sich die Ausgangssituation auf dem Feld an. Es ist der letzte Wurf in dieser Partie. Sie könnte den Sieg perfekt machen. Nimmt Maß. Wirft. Und trifft so exakt, dass die Stahlkugel genau neben dem „Schweinchen“ liegen bleibt. Auf zur nächsten Runde – denn Langeweile kommt noch lange nicht auf.

    Spielformen beim Boule

    Beim Boule gibt es insgesamt drei verschiedene Spielformen: das Tete-a-Tete, bei dem zwei Spieler mit jeweils drei Kugeln direkt gegeneinander spielen. Bei der Doublette stehen sich hingegen zwei Mannschaften mit jeweils zwei Spielern (drei Kugeln pro Spieler) gegenüber, bei der Triplette sind es zwei Teams allerdings mit jeweils drei Spielern (zwei Kugeln pro Spieler). Eine Runde ist beendet, wenn alle zwölf Kugeln (beim Tete-a-Tete sechs) gespielt wurden. Dann werden die Punkte gezählt. Die Mannschaft, deren Kugel dem „Schweinchen“ am nächsten liegt, erhält einen Punkt. Hat sie sogar zwei oder mehr Kugeln näher an der „Sau“ als der Gegner, bekommt sie zwei oder mehr Punkte. Ein Spiel ist beendet, wenn eines der Teams 13 Punkte hat. svk

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