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    Berlin / Wien

    Wie Sie Gefühle im Job richtig steuern

    Emotionen im Job       -  In vielen Berufen zählt ein gewisses Maß an Empathie dazu.
    In vielen Berufen zählt ein gewisses Maß an Empathie dazu. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa-tmn

    Wut, Trauer oder Freude sind Gefühle, die unseren Alltag begleiten. Im Privatleben gilt das als selbstverständlich, aber was ist im Beruf? Ist dort kein Platz für Emotionen?

    „Man muss abwägen”, sagt Laura Leske. Als ihre letzte Beziehung in die Brüche ging, kamen ihr im Büro beim Gespräch mit der Chefin die Tränen. Eine unangenehme Situation. Doch im Nachhinein sei sie froh, dass sie ihre Gefühle teilen konnte, erzählt die 34-Jährige, die als Finanzmitarbeiterin in einem Verband für kulturelle Bildung arbeitet.

    Auch sie habe ihre Chefin schon mal getröstet, erzählt die Berlinerin. „Wir sind ein kleines Team mit einer familiären Atmosphäre.” Wenn man so eng zusammenarbeite, sei es gut zu wissen, wie es den Kolleginnen und Kollegen geht.

    1. Positive Gefühle sind gerne gesehen

    „Es kommt aber immer auf die Art der Gefühle und die Art der Beteiligten an”, sagt die Wiener Psychologin und Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl. Grundsätzlich seien positive Gefühle, die mit Stärke assoziiert werden, gerne gesehen: Begeisterung, Freude, Durchhaltevermögen - oder Formen von konstruktivem Trotz. Nur selten werde ein „Zuviel des Guten”, zum Beispiel überschäumende Begeisterung, als „kindisch” abgewertet.

    Schwieriger sei es mit Gefühlen, die mit Schwäche verbunden werden - beispielsweise Scham oder Schuld. In einer wohlmeinenden Umgebung würden diese als Zeichen von Moral und Vertrauenswürdigkeit interpretiert. Aber von Missgünstigen könnten sie als Schwäche ausgelegt werden. Das gelte auch für Momente, in denen man sich ängstlich, traurig oder hilflos zeigt.

    „In einem halbwegs guten Arbeitsteam jedoch lösen solche Gefühle kollegiale Hilfsbereitschaft und Empathie aus”, sagt die Psychologin. Außerdem könnten Tränen - ebenso wie andere Emotionen - eine spannungslösende Wirkung haben.

    2. Empathie gehört in vielen Berufen dazu

    Gefühle zu zeigen ist nicht per se unprofessionell. So gehöre ein gewisses Maß an Empathie in vielen Berufen dazu, sagt Helga Kernstock-Redl. Sie berichtet von einer Kollegin in einem Kinderkrankenhaus, die in Tränen ausbrach, als ein junger Patient starb. Die Kollegin habe sich selbst darüber geärgert.

    „Doch ein paar Wochen später erzählten mir die Eltern, wie unglaublich tröstlich es für sie war, das zu erleben”, erzählt die Psychologin. Mitgefühl bedeute, mit anderen mitzuschwingen, aber trotzdem bei sich zu bleiben. Das gelte auch für den Kontakt mit Kundinnen und Kunden. „Der Empörte will schon, dass der andere mitgeht. Dann fühlt man sich verstanden und ist danach eher bereit zuzuhören.”

    3. Gefühle nicht wegdrücken

    Doch nicht nur mit dem Ärger von anderen gilt es umzugehen - sondern auch mit dem eigenen. Wichtig sei, abzuwägen, sagt Annette Auch-Schwelk, Coach und Rednerin mit dem Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung und Stressbewältigung. „Es gibt förderliche, aber es gibt auch destruktive Wut.” Sie rät in jedem Fall, das Gefühl nicht wegzudrücken. „Sonst drücken wir auch einen Teil von uns weg.”

    Starke Gefühle können auch ein Motor sein, sagt Annette Auch-Schwelk. „Zeiten, in denen man leicht ärgerlich wird, können signalisieren: Es ist Zeit, etwas zu verändern.” Sie empfiehlt, innerlich einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Wer oder was macht mich wütend? Warum gebe ich einer bestimmten Person so viel Macht über mich, dass ich mich aufrege? Beim Nachdenken über Situationen, in denen man wütend wird, ergeben sich häufig Muster, sagt die Autorin. Daraus könne man lernen.

    Auf keinen Fall sollte man Gefühle unbedacht an Kolleginnen oder Kollegen auslassen. „Denn was kann der andere dafür, wenn man die Wut seit Wochen anstaut?” Andererseits sei ebenso wenig ratsam, Emotionen in sich hineinzufressen. „Konflikte explodieren oft, wenn sie zu lange unterdrückt werden”, sagt Kernstock-Redl.

    Annette Auch-Schwelk empfiehlt, sich körperliche und mentale Techniken zur Selbstkontrolle anzueignen. Helfen könne, sich bewusst anzulehnen, tief durchzuatmen, die Füße auf den Boden zu stellen und sich einfache Sätze zurechtzulegen - etwa: „Es geht vorbei.” Humor ist ihr zufolge ebenso eine gute Strategie, mit emotional aufreibenden Situationen klarzukommen.

    4. In die Zukunft versetzen - Distanz aufbauen

    Helga Kernstock-Redl rät, sich in Gedanken in die Zukunft zu versetzen, um Distanz aufzubauen. „Über vieles kann man später sicher lachen”, sagt sie. Gut sei, sich vor schwierigen Situationen Verhaltensmöglichkeiten zu überlegen, um gefasst reagieren zu können und nicht zu erstarren. Allerdings sollte man nicht allzu streng mit sich sein. „Auf überraschende Situationen kann man nicht immer optimal reagieren.”

    Leider sei es heutzutage immer noch so, dass Gefühlsbekundungen von Frauen häufig anders bewertet würden als bei Männern. „Männern wird eher verziehen, bei Frauen wird es oft als Charaktereigenschaft gewertet.” Impulsive, cholerische Menschen seien zwar häufig kurzfristig erfolgreich, aber würden mehr gefürchtet als respektiert.

    Viele Führungskräfte hätten außerdem die Angewohnheit, keine Schuld- und Schamgefühle zuzulassen, sagt Kernstock-Redl. „Das fehlt in vielen Betrieben.” Kurzfristig suggeriere das Stärke und Unverwundbarkeit - doch langfristig koste das Vertrauen. Die Psychologin rät grundsätzlich dazu, Gefühlsausbrüche im Nachhinein anzusprechen und zu erklären. „Leider ist es häufig so, dass man sich für Gefühle schämt - und Scham will alles unter den Teppich kehren.” Konfliktlösung habe aber viel damit zu tun, wie man mit negativen Gefühlen umgeht.

    Von Inga Dreyer, dpa