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    Aschach

    Aschach: Das Paradies auf irdischen Schüsseln

    Im Depot von Schloss Aschach befinden sich noch zahlreiche Gegenstände, die aus der Produktion der Sattler'schen Steingut-Manufaktur stammen. Beliebte Motive waren unter anderem Landschaften, Jagdszenen, Blumen und Vögel. Auf orientalische Traumgespinste deute angeblich die "Birds-of-Paradise"-Serie hin (siehe Schüssel und Kännchen). Foto: Isolde Krapf

    Die Säkularisation von 1803 machte es möglich: Zahlreiche Bauwerke, die in den Besitz des bayerischen Königs kamen, hatten alsbald ihre sakrale Funktion verloren und wurden veräußert oder abgerissen. Der Schweinfurter Farben- und Tapetenfabrikant Wilhelm Sattler interessierte sich seinerzeit ernsthaft für Schloss Aschach und kaufte es 1829 schließlich für 5000 Gulden, um dort eine Steingut-Manufaktur zu eröffnen.

    Sogar das Bayerische Finanzministerium befürwortete das Vorhaben. Man hoffte nämlich, damit die Industrie in der Vorrhön zu fördern, Arbeitsplätze zu schaffen und durch die inländische Produktion von Steingut teure ausländische Importe zu vermeiden. König Ludwig I. höchstpersönlich stimmte Sattlers Ansinnen zu. Allerdings musste der Geschäftsmann sich verpflichten, am Äußeren des Schlosses keine Veränderungen vorzunehmen.

    Blick auf Schloss Aschach, von der früheren Schlossmühle aus. Foto: Isolde Krapf

    Das berühmte Schweinfurter Grün

    Als Sattler seinen Betrieb in Aschach eröffnete, war er schon ein angesehener Geschäftsman. Der gelernte Kaufmann stammte aus Kassel und kam 1804 in hiesige Gefilde, nachdem ihn sein Freund Johann Georg Gademann in seiner Bleiweißmühle in Niederwerrn als Geschäftsführer angestellt hatte, schreibt Erich Schneider im Buch "Aschacher Steingut". Es dauerte nur vier Jahre, als der 24-jährige Sattler 1808 sich mit der Fabrikation von Farben in Schweinfurt selbstständig machte.

    Zusammen mit einem anderen Freund, dem Apotheker Friedrich Wilhelm Ruß, machte er chemische Versuche zur Farbenherstellung, die schließlich 1814 zur großtechnischen Fertigung des damals berühmten Schweinfurter Grün führten - welches viel später erst wegen seines hohen Blei- und Arsengehalts als hochgiftig eingestuft wurde. Die Geschäfte gingen gut, so dass er bald zwei weitere Betriebe in Schweinfurt eröffnete.

    Tapeten, Sago und Zucker

    1822 erwarb er Schloss Mainberg und richtete dort eine Tapetenfabrik ein. Spezialisiert war er zudem auf die Herstellung von Sago-Stärke aus Kartoffelmehl. Eine schlaue Idee, denn so konnte man die damals teuren Importe aus Indien, wo Sago kostenintensiv aus dem Mark der Sago-Palme gewonnen wurde, vermeiden. Dazu kaufte er eine Mühle in Langensalza.

    Hinzu kamen 1827 die Zuckerraffinerie in Schweinfurt und 1829 die Steingut-Fabrik in Aschach. Sattler beschäftigte 1830 in seinen Betrieben rund 400 Mitarbeiter. Zehn Jahre später waren es zwischen 660 und 750 Menschen, die bei ihm in Lohn und Brot standen.

    Arbeitsräume, Labore und Büros

    Auf Schloss Aschach waren, laut historischen Quellen, im Jahr 1830 immerhin 80 bis 90 Arbeiter beschäftigt. Der Arbeitsbereich war im oberen Stockwerk des Schlosses, während Labore und Büros unten angesiedelt waren, weiß Birgit Speckle vom Kulturreferat des Bezirks Unterfranken. Die Brennöfen standen draußen im Freien und an der früheren Schlossmühle befand sich das Pochwerk, in dem das Gestein für die Verarbeitung zunächst zerkleinert wurde. Die Wasserkraft der Mühle wurde zur Herstellung der Tonmassen genutzt.

    Die Sammlung im Depot wächst: Immer wieder bringen Leute Einzelstücke gut erhaltenen Steinguts aus der Sattler-Produktion ins Schloss.  Foto: Isolde Krapf

    Sattler wurde in der Leitung der Fabrik von seiner Ehefrau, der gelernten Malerin Katharina Sattler, unterstützt, die für das Steingut unter anderem auch zahlreiche Veduten (wirklichkeitsgetreue Abbildungen von Landschaften) aus dem Saaletal entwarf.  Dabei spielten in Aschach, wie auch in anderen europäischen Manufakturen, auch Vögel, vor allem die Paradiesvögel ("Birds of Paradise") eine herausragende Rolle. Das Dekor vereinte Anmut und Farbenpracht. Mit solchen Darstellungen befriedigten die Menschen offenbar ihre Sehnsucht nach fernen Ländern. Die Motive waren damals besonders bei Kurgästen  als Andenken "en vogue", weiß Speckle.

    Das "Porzellan" des gehobenen Bürgertums

    Die Fabrikation von Steingut hatte 1720 in England begonnen. Später wurde die Entwicklung dieser Schüsseln, Tassen und Teller von Josiah Wedgewood in Staffordshire so weit verbessert, dass ihm optisch eine Angleichung an das aufwändiger hergestellte und wesentlich teurere "Porzellan" gelang, heißt es im Aufsatz von Andrea Brandl in den Schweinfurter Museumsschriften ("Aschacher Steingut"). Sattler schaute sich von seinem englischen Konkurrenten ab, wie man solches Steingut herstellt. In der nahe gelegenen Rhön konnte damals aus der Grube von Abtsroda, die fünf verschiedene Tonarten enthielt, das erforderliche Rohmaterial bezogen werden. Tone von dort gingen übrigens auch nach Römershag und Oberbach in die dortigen Krug-Bäckereien.

    Sattler ließ also Steingut nach englischem Vorbild (Creamware von J. Wedgewood) herstellen. Weil es Porzellan ähnelte, war es für das gehobene Bürgertum, das sich Porzellan nicht leisten konnte, äußerst attraktiv. Das Steingut war auch aufgrund serieller Produktionsweise – dazu gehörte die Verzierung mittels Umdruck statt Handmalerei – sehr preisgünstig.

    Obstkörbchen und Bierkrüge

    Dass die Geschäfte offenbar zeitweise sehr gut liefen, zeigen Inserate in den damaligen Zeitungen, sagt die Mitarbeiterin des Bezirks. Sie weiß auch, dass Sattler Handlungsreisende beschäftigte, die  landauf, landab Aschacher Steingut unter die Leute brachten.

    Eine Szene der Tapete im Napoleon-Salon auf Schloss Aschach: Erst jüngst fand man heraus, dass diese Tapete wohl auch aus der Sattler'schen Tapetenherstellung auf Schloss Mainberg stammt. Foto: Isolde Krapf

    Speckle öffnet für unsere Recherchen das heutige Depot in der einstigen Schlossmühle und zeigt wahre Schätze aus der früheren Sattler-Produktion. So finden sich in der Aschacher Steingut-Sammlung unter anderem reliefverzierte Dosen und Tassen, Teller und Platten, Fußgefäße und Obstkörbchen, Bierkrüge und Pfeifenköpfe.

    Souvenirs aus Aschach

    Zur Produktpalette der Sattler’schen Manufaktur zählten auch Andenken für die Kurgäste, sagt die Museumsexpertin. So wurden später auch Souvenir-Teller und Geschirr-Service mit romantischen Ansichten Aschachs, sowie der anderen Kurorte und Sehenswürdigkeiten der Region immer beleibter.

    Doch irgendwann gingen die Umsätze aufgrund der Konkurrenz billiger Massenartikel aus England zurück. 1860, ein Jahr nach Wilhelm Sattlers Tod, wurde die Fabrik von den Erben stillgelegt und das Inventar versteigert.

    Der Schweinfurter Fabrikant Wilhelm Sattler ist auf dem Schloss übrigens noch in anderer Form verewigt. Die Tapete mit historischen Motiven im sogenannten Napoleon-Salon stammt nämlich nicht, wie man Jahrzehnte lang vermutete, aus Frankreich, sondern vermutlich aus der Sattler'schen Tapeten-Produktion auf Schloss Mainberg. Dies förderte vor kurzem erst Andrea Brandl, die Leiterin der Kunsthalle Schweinfurt, bei ihren Recherchen zum Sattler'schen Erbe zu Tage.

    Steingut-Herstellung im 19. Jahrhundert
    Die Fabrikation von Steingut und Porzellan erlebte im 19. Jahrhundert eine Blütezeit. Neben so schillernden Persönlichkeiten wie  Josiah Wedgewood  in England,  François Boch in Lothringen und Nicolas Villeroy in Metz, erlangten auch heute weniger bekannte Fabrikanten, wie zum Beispiel Heinrich Waffler (Reichenbacher Steingut), Jacob Ferdinand Lenz (Zell am Harmersbach), Daniel Ernst Müller (Damm bei Aschaffenburg) oder eben Wilhelm Sattler damals große Anerkennung. In England begann man Mitte des 18. Jahrhunderts damit, Steingut in größerem Stil herzustellen. Von dort breitete sich die Produktion über den europäischen Kontinent aus. Steingut galt als das "Porzellan des kleinen Mannes" und trat bald den Siegeszug in den Wohnstuben des Biedermeier-Deutschlands an.

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