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    ROTHOF

    Damit das Militär üben kann: Komplettes Dorf verschwunden

    Es muss ein idyllisches, ein urfränkisches Dorf gewesen sein. Hundsfeld. Etwa 100 Häuser, darunter eine Bäckerei, die Gasthäuser „Zur Krone“ und der „Deutsche Hof“, eine Schule und die Dorfkirche – meist aber kleine Landwirtschaften mit kaum mehr als zwei Hektar Acker. Zu viel hatten die Bauern schon Ende des 19. Jahrhunderts an den benachbarten Truppenübungsplatz Hammelburg abtreten müssen. Hundsfeld heute? Verschwunden, fast spurlos. Nur ein Kreuz am alten Friedhof und dessen gemauerte Einfassung zeugen vom Dorf mit 1200-jähriger Geschichte.

    Bonnland und Hundsfeld: Zwei Dörfer werden aufgegeben

    Es ist Ende der 30er Jahre, als die 529 Bewohner ihre Heimat verlieren: Der Truppenübungsplatz wird vergrößert. Das NS-Regime rüstet auf, 1937/38 schluckt der Schießplatz die Dörfer Bonnland und Hundsfeld, beide nur einen Kilometer voneinander entfernt. Das eine evangelisch, das andere katholisch. Das eine im Landkreis Karlstadt, das andere der südlichste Zipfel des Landkreises Hammelburg.

    Während Bonnland der Bundeswehr noch heute als Übungsdorf dient, wurde Hundsfeld nicht nur abgesiedelt – die Häuser wurden abgetragen, am Ende auch die Kirche. Bizarr: Zum Abschied, im Herbst 1937, spielt die Militärkapelle aus dem Lager Hammelburg eine Stunde lang zackig in der Dorfmitte auf.

    18 Familien aus Hundsfeld: Neuanfang in Rothof bei Rottendorf

    Eine Wahl haben die Hundsfelder nicht. Sie müssen weichen und zerstreuen sich in ganz Unterfranken – je nachdem, wo sie eine Bleibe finden oder die NS-Reichsumsiedlungsgesellschaft freie Anwesen anbietet. Die letzten Bewohner werden im April 1938 zwangsumgesiedelt. Lastzüge bringen ihr Hab und Gut in den Weiler Rothof bei Rottendorf (Lkr. Würzburg), nahe der A7 und der Bahnlinie Würzburg-Schweinfurt.

    18 Familien beginnen – als größte Hundsfelder Gruppe – im mittleren und unteren Rothof ein neues Leben und ein neues „Hundsfeld“, wie der Rothof bisweilen im Volksmund noch heute genannt wird. Sogar in amtlichen Karten ist die übertragene Ortsbezeichnung vermerkt.

    Gedenkandacht am Sonntag am alten Hundsfelder Friedhof

    Einer, der seine Kindheit im alten Hammelburger Hundsfeld zurückgelassen hat, ist Bruno Fella. Als knapp elfjähriger Bub saß er vorne im letzten Lkw Richtung Rothof, hat die Umsiedlung noch genau vor Augen. Sämtliche Dokumente dazu hat er aufbewahrt, darunter die Anweisung des Hammelburger Truppenkommandeurs an seinen Vater Ludwig, bis spätestens 21. April 1938 den Hof Hundsfeld 4 zu räumen. „Es musste besenrein übergeben werden, die Schlüssel waren im Lager Hammelburg abzugeben“, erinnert sich der heute 91-Jährige. „Hundsfeld“, sagt er, „war einmalig“.

    Emotionen werden nicht ausbleiben, wenn er an diesem Sonntag – wie jedes Jahr im Oktober – mit anderen noch lebenden Hundsfeldern und deren Nachfahren zurückkehrt an den Ort, von dem er mit seiner Familie vor 80 Jahren vertrieben wurde. Pfarrer und Diözesanaltenseelsorger Franz Schmitt – sein Vater stammt aus Hundsfeld – wird dann im alten Friedhof eine Gedenkandacht halten.

    Hundsfelder Familien verstreut in ganz Unterfranken

    Bei der Feier um 14 Uhr soll auch eine Erinnerungstafel enthüllt und übergeben werden. Darauf ist der Ortsplan von 1938 zu sehen und eine Auflistung der Familien, die bis dahin in dem Dorf lebten. Ebenso sind die Orte festgehalten, in die die Hundsfelder abwanderten – zum Beispiel Dettelbach, Maidbronn, Waldbüttelbrunn, Gerolzhofen, Bergrheinfeld, Vögnitz oder eben Rothof.

    Traditionell kehrt man nach der Gedenkfeier im Gasthaus „Schwarzer Adler“ in Langendorf zum Austausch ein. Rund 40 frühere Hundsfelder und ihre Nachfahren nahmen in den letzten Jahren an den Treffen teil, sogar der Sohn des früheren Dorflehrers – echte Zeitzeugen werden immer weniger.

    Zeitzeuge Bruno Fella spricht noch den alten Hundsfelder Dialekt

    Bruno Fella spricht ihn noch, den besonderen Hundsfelder Dialekt, der aus dem Knoblauch einen „Dnouwling“ und aus Spiegeleiern „Dlotzaacha“ macht. Das Hundsfelderische ist so speziell – „wir haben uns ja kaum verstanden“, schmunzelt Fella und meint damit die anfänglichen Schwierigkeiten zwischen den umgesiedelten Hundsfeldern im mittleren und unteren Rothof und den vier Siedlerfamilien im oberen Rothof. Denn drei von ihnen stammten aus den Eifeldörfern Kaltenborn und Blasweiler, wo ein Fliegerübungsplatz erweitert und die Bewohner umgesiedelt wurden. Eine Familie zog aus Wildflecken nach „Masuren“ zu – so der landläufige Name für den oberen Rothof, weil dort einst polnische Landarbeiter einquartiert waren.

    Die Rothofer Hausnummern – früher „Siedlerstellen“ – verraten noch heute etwas über die Entstehung des dreiteiligen Dorfes. Während sich die Hundsfelder im mittleren (Nummern 1-5) und unteren Teil (6-18) niederlassen, folgen die oberen Rothofer (19-22) erst ein bis zwei Jahre später. Es sind Musterhäuser, die die Reichsumsiedlungsgesellschaft in Rothof – zuvor bestehend nur aus zwei Gutshöfen des Juliusspitals – für die Neuankömmlinge bauen lässt.

    Für die Umsiedlung: Lastzüge von der Deutschen Reichsbahn

    Mit Bussen werden die interessierten Siedler zur Baustelle gefahren, um sich ein Anwesen auszusuchen. Bruno Fellas Eltern entscheiden sich für den Rothof Nr. 2. Jahre zuvor wäre Ludwig Fella am liebsten nach Amerika ausgewandert – wie schon zwei seiner Brüder. Doch die Eheleute bleiben in Hundsfeld, bis in die Apriltage 1938.

    Für die Umsiedlung sind Lastzüge von der Deutschen Reichsbahn anzumieten. Kosten: 67,10 Reichsmark pro Lkw mit Anhänger. Drei bis vier Soldaten helfen beim Auf- und Abladen. Sohn Bruno erinnert sich: „Alles wurde abtransportiert. Kartoffeln, Futterrüben, Stroh, die ganzen Geräte, Pflüge, die Schnapsbrennerei und ein Lastzug mit Brennholz. 14 Tage ging das.“

    Teurer Neuanfang: Mustersiedlungen und größere Ackerflächen

    Zuletzt macht sich der Viehtransport auf den Weg Richtung Süden – drei Kühe, das Pferd, etwas Jungvieh, sogar der Bienenstock. Und schließlich die Wohnungseinrichtung: die Küche, die Betten. Das war's im alten Hundsfeld. Die Fellas gehen in letzter Minute, weil der Neubau in Rothof nicht früher fertig ist. Amtlich aufgelöst wird das Dorf im Jahr 1943.

    Für die Familie Fella – neben Bruno noch zwei jüngere Geschwister und eine alleinstehende Frau – ist der Neuanfang eine ordentliche Investition: 32 430 Reichsmark kostet das neue Rothofer Anwesen mit zehn Hektar Grund. Wobei der Boden fruchtbar und nur auf vier Flächen verteilt ist – im Gegensatz zum alten Hundsfelder Flickenteppich.

    Hundsfelder erkämpfen sich Schule für ihr neues Dorf

    Die geräumten Gehöfte der Hundsfelder Bauern werden von einem Würzburger Baurat vermessen und geschätzt. Die Fellas bekommen für ihr Anwesen noch 20 700 Reichsmark. Sie werden mit dem Neuerwerb in Rothof verrechnet. „Das größte Problem war“, erzählt Bruno Fella, „dass zwei Drittel des Kaufpreises angezahlt werden mussten. Das schafften viele kaum, weil sie vorher nur sehr kleine Flächen hatten.“

    Auch für die Fellas wird es eng. Der Großvater unterstützt die Familie mit 5000 Reichsmark, den fehlenden Rest stottert man als Schulden bis 1944 ab. Andere Hundsfelder lassen sich von der fehlenden Infrastruktur abschrecken: Keine festen Straßen, kein Kaufladen, keine Kirche – da winken manche ab. Nur was die Schule angeht, sind die Hundsfelder kompromisslos: Sie machen sie zur Bedingung für eine Umsiedlung – und die Rothofer Schule wird binnen kurzer Zeit bis April 1939 errichtet.

    Auch Kirchenpatrone aus Hundsfeld werden nach Rothof „umgesiedelt“

    Für den Kirchenbau helfen die Bewohner später selbst zusammen und schlagen damit eine Brücke zur alten Heimat bei Hammelburg: Denn dem eigenen Schicksal folgend „siedelt“ man auch die beiden Hundsfelder Ortsheiligen Cosmas und Damian als Patrone nach Rothof um. Das 1958 eingeweihte Gotteshaus ist nach ihnen benannt. Und als Relikt der alten Kirche in Hundsfeld (einst südlichstes Dorf im Hochstift Fulda) ziert heute das steinerne Wappen eines Fuldaer Fürstabts die Rothofer Kirche – mitten im Bistum Würzburg.

    Als lebendes Hundsfelder „Relikt“ hat Bruno Fella nach Kriegseinsatz und Rückkehr aus der Gefangenschaft später die Landwirtschaft in Rothof übernommen. Er hat einen Sohn, eine Tochter, sieben Enkel und drei Urenkel – und freut sich, wenn er dem Nachwuchs noch ein Stück der eigenen Familiengeschichte erzählen kann. Auf dass Hundsfeld zumindest in der Erinnerung fortlebt.

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