• aktualisiert:

    BAD KISSINGEN

    Ein Roman aus besserer Gesellschaft

    Weltbadkulisse: Vincent Rahder hat seinen Romanerstling Sommernacht in Kissingen in der Atmosphäre der 1920er Jahre angesiedelt. Foto: Ursula Lippold

    Das Jahr 1927 war kein besonders aufregendes oder gar geschichtsträchtiges für Bad Kissingen – lediglich die Eröffnung des Kurhausbades, des seinerzeit modernsten Badehauses in Europa, war ein gesellschaftliches Ereignis. Das (Kur-)Leben floss ruhig dahin, die Schönen und Reichen genossen das Flair der Stadt an der Fränkischen Saale, pflegten ihre Gesundheit und amüsierten sich.

    Hauptfigur Magnus Miller

    Auch weniger Reiche kamen hierher, um in eine Welt einzutauchen, die sie bislang nicht kannten – wie der 24-jährige Magnus Miller. Er ist die Hauptfigur in „Sommernacht in Kissingen“.

    Einer von ihnen sein

    In diesem Kissingen-Roman, der in eben jenem Jahr 1927 spielt, nimmt Autor Vincent Rahder die Leser mit auf einen Sieben-Tage-Spaziergang. Es ist eine vergnügliche Wanderung an der Seite des Haupthelden, der schon bei seiner Ankunft die Leser für sich einnimmt. Magnus Miller ist ein wohlerzogener junger Mann. Sein Budget ist zwar begrenzt – er ist gerade aus Gerichtsdiensten entlassen worden – doch die Etikette ist ihm vertraut, ob Casino oder Nobelhotel, er fühlt sich ein und fühlt sich dazugehörig. Denn das ist es, was er möchte: einer von ihnen sein.

    Neugierig auf das Leben

    Neugierig auf das Leben, lässt sich Magnus Miller kein Vergnügen entgehen. Er genießt Kurkonzert und Theater ebenso wie Pferderennen und Casino, lässt sich im Kurhausbad Massagen verabreichen und hat Freude an kulinarischen Genüssen und edlen einheimischen Weinen. Ein glücklicher junger Mann, möchte man meinen. Wäre da nicht das geringe Budget, das ihn ständig zum Überdenken seiner Ausgaben zwingt. Dennoch folgt er seinem inneren Ruf, das Leben einmal richtig zu genießen, auch wenn es nur für eine Woche ist, weil die Ersparnisse nicht länger reichen.

    Tragisches im Casino

    Mit viel Feingefühl zeichnet Autor Vincent Rahder in seinem Erstlingswerk einen Menschen, der einmal dazugehören möchte zur „besseren Gesellschaft“. Fast endet dies tragisch für den jungen Mann, der im Casino alle guten Ratschläge des ihm wohlgesonnenen Juweliers Ephraim Goldman aus Frankfurt in den Wind schlägt und viel Geld verliert.

    Schutzengel

    Doch nicht nur Goldman entpuppt sich als Schutzengel für Magnus Miller. Auch zwei lebenshungrige junge Damen aus Berlin spinnen ihre Fäden. Sie erweisen sich zudem als kunstvolle Verführerinnen, die das Jetzt auskosten, weil die Zukunft ungewiss ist.

    Zeitgeschichte als Hintergrund

    Neben unterhaltsamen und manchmal auch spannenden Szenen wie im Casino richtet der Autor einen sorgenvollen Blick auf die politische Entwicklung in Deutschland, von der Kissingen noch weit entfernt zu sein scheint. Die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Adolf Hitlers Anhängern beunruhigen Ephraim Goldman. Im Gespräch mit Miller gesteht er: „Das bereitet mir doch einige Bauchschmerzen, zumal ich Jude bin…“ Es zeigt sich, dass Magnus Miller an diese Seite des Lebens noch keine ernsthaften Gedanken verschwendet hat, als er sagt: „Aber das ist doch gröbster Pöbel, das sind dumpfe Schläger, die man nicht ernst nehmen darf.“

    Der Autor verzichtet auf weitere vordergründige politische Gespräche und Szenarien, doch die Aktivitäten seiner Figuren zeigen die latente Angst, die langsam zu wachsen beginnt.

    Große Kenntnis im Detail

    Auf 181 Seiten präsentiert Autor Vincent Rahder eine liebenswerte Stadt, dabei offenbart er große Detailkenntnis. Doch nicht nur für Kissinger, die ihre Stadt kennen, ist dieses Buch ein Lesevergnügen.

    Vincent Rahder: Sommernacht in Kissingen, ISBN: 978-3-7418-8745-1, 9,99 Euro

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!