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    BAD KISSINGEN

    Fernando Fracassi: Ein Mann der großen Emotionen

    Ein Italiener gestikuliert, wenn er erzählt. Er strahlt, wenn er begeistert ist. Er öffnet sich bereitwillig, wenn er Interesse wahrnimmt. Das Gegenüber spürt sofort diese „grandi emozioni“, die speziell Südländern zu eigen ist. Auch Fernando Fracassi versprüht diese fröhliche Lebendigkeit, diese brennende Leidenschaft, wenn er die Highlights seiner internationalen Karriere als Spitzen-Flötist heraussprudelt. Nach Bad Kissingen kam er vor sechs Monaten – der Liebe wegen.

    Von der holländischen Königin nach Oman zu Placido Domingo

    Wenn Fracassi von seinem Leben und den musikalischen Erfolgen erzählt, klingt das so, als habe es sich um ganz normale Alltagsbeschäftigungen gehandelt: 2004 sei er mal bei einem Galaabend für die holländische Königin Beatrix aufgetreten. Und 2011 habe er übrigens auch mit Placido Domingo im Sultanat Oman für ein Konzert anlässlich der dortigen Eröffnung des Opernhauses zusammengearbeitet.

    Flötist, Musikpädagoge, Filmmusikautor

    Vielleicht ist es aber ab einem gewissen Zeitpunkt im Leben eines renommierten Quer- und Piccolo-Flötisten, Musikpädagogen und Filmmusikautoren auch einfach „normaler Alltag“, dass man sich immer mal für eine Zeitspanne mit Musikgrößen jeglicher Couleur auf einer Ebene fortbewegt. Das gilt für Fracassi bestimmt, wenn er zum Beispiel von der Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Dirigenten Eugene Kuhn (der auch mit Andrea Bocelli arbeitet), dem britischen Flötisten William Bennet (vom London Symphony Orchestra) oder Hariprasad Chaurasia (dem indischen Meister der Bansuri-Flöte) schwärmt.

    Schon mit fünf Jahren Orgel gespielt

    Der 55-Jährige aus dem italienischen Campobasso im Apennin hat nahezu sein ganzes Leben mit Musik verbracht. Als er fünf war, spielte er zu Hause schon Orgel und lernte das Gitarrespiel. Vier Jahre später ging er auf eine staatliche Schule, die Musik als Schwerpunkt hatte. Mit 13 Jahren räumte er bei einem öffentlichen Auftritt in Mailand seinen ersten nationalen Preis ab. Er studierte Kammermusik am College in Teramo und belegte Kurse für Flöte am staatlichen Konservatorium in seiner Heimatstadt.

    Mit Ennio Morricone zusammengearbeitet

    Mit 17 wurde er Erster Flötist im italienischen Fernsehorchester RAI und arbeitete dort auch mit Ennio Morricone zusammen, jenem italienischen Dirigenten und Komponisten, dem die Welt unter anderem die Filmmusik zu den Italo-Western mit Bud Spencer und Terence Hill zu verdanken hat. Mit 23 Jahren startete Fracassi seine Karriere als Mitglied verschiedener internationaler Kammermusik-Ensembles.

    Mit 29 traf er eine weitreichende Entscheidung: Er wollte ganz weg aus Italien und international Karriere machen. Von 1990 bis 1996 spielte er in renommierten Orchestern in Rumänien und Ungarn mit, wurde aber auch während dieser Zeit immer wieder auf internationaler Ebene als Solist engagiert. Einige Zeit verbrachte er in Südafrika, wo er im Rahmen eines Universitätsprojekts Menschen mit einer Begabung zur Musik aus den Armenvierteln Pretorias holte und mit ihnen ein großes Orchester auf die Beine stellte.

    Pulsierendes Leben am Perlstrom in Hongkong

    Von 2009 bis 2013 verschlug es den umtriebigen Italiener ins Sultanat Oman. Während er dort Meisterklassen für Flöte betreute, spielte er in großen Orchestern mit und traf so manch interessante Persönlichkeit. Und schließlich kam die aufregende Zeit in Hongkong, jener pulsierenden südchinesischen Metropole an der Mündung des Perlstroms.

    Warum er sich als Jugendlicher die Flöte als Lieblingsinstrument erwählte, und nicht bei Orgel oder Gitarre blieb, schildert Fracassi leidenschaftlich: „Die Flöte ist das Instrument, mit dem man Gefühle am besten ausdrücken kann!“ Da sind sie wieder, die „grandi emozioni“, mit denen Südländer das Leben begreifen – und vielleicht auch nur so bewältigen können.

    Instrumente aus Ägypten, Peru, Ecuador und Indien

    40 Flöten aus aller Herren Länder hat Fracassi von seinen Konzerten und Musikaufenthalten im Ausland mitgebracht.

    Egal ob die Instrumente aus Ägypten, Peru, Indien oder Ecuador stammen, der Profimusiker mit therapeutischer Zusatzausbildung ist sicher: In jedem dieser Länder transportieren die ethnischen Flöten Emotionen auf unterschiedliche Art und Weise. Flötenmusik sei in manchen Ländern geradezu eine Art „mystische Erfahrung“. „Man verliert die Kontrolle, wenn man spielt.“ Auch Fracassi selbst macht diese Erfahrung in seinen Konzerten immer wieder. Und dann geschieht das Erstaunliche: „Ich teile meine Emotion mit dem Publikum, und unten im Saal weinen plötzlich Menschen, weil sie so ergriffen sind.“

    Pendeln zwischen Hongkong und Bad Kissingen

    Nach Bad Kissingen kam Fracassi vor zwei Jahren eher zufällig. Als er auf Konzerttournee in München war, empfahl ihm jemand die Therme in der unterfränkischen Saalestadt. „Ich hatte eine Woche frei, also fuhr ich hierher.“ Fracassi traf in dieser Zeit verschiedene Leute und wurde zu einer Party eingeladen, auf der er seine jetzige Lebensgefährtin kennenlernte, die in der Kurstadt wohnt. „Ich war noch in Hongkong und wir mussten pendeln.“ Vor einem halben Jahr zog er hierher um.

    In Bad Kissingen will der Virtuose nun auch seine Tournee 2018 vorbereiten, die ihn nicht nur quer durch Europa, sondern auch wieder hinaus in die Welt führen wird. Zwischendurch will er Station in Salzburg machen und während der Mozartwoche dort an einem Symposium teilnehmen. Aktuell ist er öfters in Italien, wo er gerade ein Orchester mit Laienmusikern über 50 Jahren aufbaut – ein Projekt, das von der EU gefördert wird. Solch eine Initiative könne er sich auch für Bad Kissingen vorstellen, sagt Fracassi.

    Viele kreative Ideen für die Kurstadt

    Aber er hat auch noch andere Ideen, die er hier umsetzen möchte: Vielleicht könnte er seine Musiktherapie in Zusammenarbeit mit Kliniken und Sanatorien anbieten? Zudem spielt er mit dem Gedanken, im einstigen Weltbad Bad Kissingen ein internationales Festival für Amateur-Musiker, Laienschauspieler und andere Kleinkünstler auf die Beine zu stellen. Voraussetzung dazu wäre allerdings, dass sich all diejenigen, die gern Musik machen, Theater spielen oder sich sonst irgendwie wie künstlerisch betätigen, vorher zusammenfinden und ihre Talente ausloten.

    Weitere Infos www.fernandofracassi.com

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