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    Hammelburg

    Hammelburg: Gerlachs Lebenswerk mit Kopfarbeit, Kultkneipe und Klarinette 

    140 Gäste kamen zum Abschied von Manfred Gerlach nach Würzburg. So mancher Hammelburger bringt diesen Forscher jedoch viel eher mit dem hiesigen Nachtleben in Verbindung.     
    Ein Mann mit vielen Facetten: Professor Dr. Manfred Gerlach Foto: Wolfgang Dünnebier

    Mit einem Ehrensymposium verabschiedete das Universitätsklinkum Würzburg Prof. Dr. Manfred Gerlach in den Ruhestand. Mehrere Redner würdigten das Lebenswerk des überzeugten Hammelburgers von internationalem Ruf, der sich mit der Erforschung von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen (ADHD) beschäftigt. Dieses Renommee kam beim Symposium auch durch eine eingespielte Videobotschaft von Luis Rhode aus Sao Paulo (Brasilien) zum Ausdruck. Mit dem Präsidenten der ADHD-Weltföderation und anderen Kollegen aus aller Welt hatte Gerlach die Organisation gegründet.

    Ein Leben zwischen den Welten

    Warum das Symposium zu Ehren Gerlachs den Titel "Ein Lebenslauf zwischen den Welten" trug, machten gleich mehrere Gastredner deutlich. Denn der Professor war nach seiner Jugend von den 1970er bis 1990er Jahren Geschäftsführer in der damaligen Hammelburger Diskothek Eisdiele. "Wir wollten Menschen quer durch alle Bevölkerungschichten gute Rockmusik bieten", erinnert sich Gerlach. Später erwarb er in Würzburg mit seiner Frau Rosemarie die Disco Labyrinth. Dort engagierte sich vor allem seine Frau. "Ich bin gar nicht der große Nachtmensch" gesteht der 65-Jährige. Die Diskotheken-Ära der Familie endete vor zwei Jahren mit der Übergabe des "Laby" an neue Eigentümer.

    Gerne erinnern sich viele in Hammelburg mit Manfred Gerlach an die Diskothek Eisdiele zurück. Foto: Wolfgang Dünnebier

              

    Pionier der interdisziplinären Forschung 

    Während seiner langen Akademiker-Karriere blieb der unkonventionelle Forscher seiner Neugier treu. Ein Ziel kristallisierte sich bald in seinem Studium heraus: Ursachen von neurologischen oder psychischen Krankheiten zu erkennen, mit Medikamenten zu lindern oder zu heilen, ohne unerwünschte Nebenwirkungen auszulösen. Neue Wege ging Gerlach durch die interdisziplinäre Kooperation von Klinik und Grundlagenwissenschaft.      

    "Das nennt man heute Translationale Medizin", sagte Dr. Andreas Warnke beim Symposium in seiner Laudatio auf den scheidenden Professor."Bei dir war das schon Prinzip, bevor dieses als Begriff nun in Mode gekommen ist", so der ehemalige Direktor der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie.

     Unter anderem entkräftete Gerlach laut seinen Forschungen den Vorwurf, dass Ritalin gegen ADHD Parkinson auslöse. Ebenso beschäftigte ihn die Frage, ob Stimulanzien Genschäden oder Krebs verursachen. Zudem brachte er die Erkenntnis weiter, das ADHD neben Jugendlichen auch Erwachsenen in tiefe Probleme stürzt.

    2021 ein großer Kongress in Berlin

    Seinen Ruhestand nimmt Gerlach nicht allzu wörtlich. Er kämpft weiter dafür, dass Medikamente, die nur für Erwachsene zugelassen sind, auch bei Kindern angewendet werden. Bisher geht das nur in Ausnahmefällen, ohne Kostenerstattung. "Das sind große ethische Fragen", sagt Gerlach in Richtung Politik. Um Antworten zu finden, organisiert er Ende April 2021 einen "Brain Summit" in Berlin, um Neurologen Psychiater und Apotheker zusammen zu bringen. Dabei erwartet er 1500 Teilnehmer.

    Ähnliche Teilnehmerzahlen erreichte Gerlach nach der Premiere in Würzburg 1999 weltweit bei weiteren Kongressen zu ADHD und Parkinson mit Teilnehmern aus bis zu 80 Nationen. Wissenschaftliche Kontakte führten ihn in alle Kontinente.            

    Insgesamt hat Gerlach vier Fachbücher geschrieben, die international gefragt sind.  Als Standardwerk gilt sein Buch zu Neuro-/und Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter, das mittlerweile auch in Englisch erhältlich ist. Über das Internet kommen die Bücher laut Gerlach auf 80 000 Downloads.

    Einsatz für die Gleichberechtigung

    Verdient gemacht hat sich Gerlach auch als Mentor der wissenschaftlichen Laufbahn für etwa 20 Studentinnen. Dazu hat die Uni Würzburg an einem speziellen Programm teilgenommen. Den Dank dafür brachte  beim Symposium Susanne Walitza zum Ausdruck. Sie studierte unter Gerlach und hat jetzt den Lehrstuhl an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie in Zürich inne, der größten ihrer Art in Europa. "Mich stört, dass der Anteil von Frauen, die das Abitur bestehen, bei über 50 Prozent liegt, aber gleichzeitig nur acht Prozent in leitende wissenschaftliche Positionen kommen", begründet Gerlach sein Engagement für die Gleichberechtigung.                    

    Mit dem Fahrrad durch Russland 

    "Der Beruf ist nicht alles", umreißt Gerlach eine seiner gerne gelebten Erkenntnisse. Deswegen spielte er bei der Stadtkapelle Klarinette. In den vergangenen Jahren entdeckt hat er den Reiz von Fahrradtouren durch Russland mit dort heimischen Fahrradclubs. Dieses Jahr plant er wieder eine Tour zwischen Moskau und St. Petersburg. Intensiv will er sich auch der Aktualisierung seiner Fachbücher durch neue Auflagen widmen und seine Forschungsgebiete weiter durch Weichenstellungen in diversen Organisationen voran bringen.         

    Dr. Manfred Gerlach
    Der Professor hat nach dem Abitur 1973 am Frobenius-Gymnasium Biologie, Chemie und Pharmazie in Würzburg studiert. 1983 promovierte er am Institut für Anorganische Chemie der Universität Bielefeld, 1991 habilitierte er an der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und wurde dort 1998 zum außerordentlichen Professor ernannt. Seit 2000 war Manfred Gerlach an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie beschäftigt, wo er in leitender Funktion für die Forschung zuständig war sowie für die wissenschaftliche Ausbildung zukünftiger Professoren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei der Stadtkapelle war er von 1992 bis 2011 Vorsitzender. Seit 2011 ist er Ehrenvorsitzender. Bei den Freunden des Frobenius-Gymnasiums ist er seit 2010 Vorsitzender.
         

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