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    Adelsberg

    Herdenschutzhunde auf dem Übungsplatz in Wildflecken: Uschi lässt keinen Wolf vorbei

    Christiane Geiger mit Sohn Emil und den jungen Herdenschutzhunden Patou (links) und Paulette. Im Hintergrund wacht Uschi. Foto: Björn Kohlhepp

    Uschi passt gut auf die Herde Lämmer der Schäferei Michler in Adelsberg auf. Wenn ein Radfahrer oder ein Paar mit einem Kinderwagen in der Nähe der Schafkoppel vorbeikommen, erhebt sich die helle Hündin und rennt laut bellend an den Elektrozaun, den Schwanz hoch erhoben und ein paar jüngere Artgenossen im Schlepptau. Die acht Jahre alte Dame ist eine französische Pyrenäen-Berghündin und von Beruf Herdenschutzhündin. Ihr Hauptfeind: der Wolf. Aber auch allen anderen potenziellen Bedrohungen ihrer Herde stellt sie sich entgegen.

    Seit 2012 halten Christiane Geiger und ihr Mann Dieter Michler, die Teil eines Pilotprojekts in Bayern waren, Herdenschutzhunde. Zunächst probierten sie es mit italienischen Maremmen-Abruzzen-Schäferhunden. Der schon zehnjährige Maremmano-Rüde Jayjay, der jetzt den Hof der Michlers bewachen darf, zeigt gleich, was ihnen an der Rasse nicht ganz so gefallen hat: die hohe Aggressivität. Jayjay, der für einen Laien nicht viel anders als ein Pyrenäen-Berghund aussieht, fixiert den unbekannten Besucher und bellt ohne Unterlass tief aus dem Inneren hervor grollend. Bellende Hunde beißen nicht? Der Spruch ist Jayjay offenbar unbekannt, er habe schon Menschen gebissen, wenn die seiner Schaffamilie zu nahe kamen, in der Rhön auch schon mal einen Militärkonvoi gestoppt.

    Aufmerksame Herdenschutzhunde der Schäferei Michler an der Homburg. Foto: Hans Bailleul

    Sie brauche bei der Herde Hunde, die Gefahren gut einschätzen können und sich zügig beruhigen, sobald sich die Störung entfernt. Deshalb hat sie sich für eine etwas umgänglichere Rasse entschieden. Sollten Schafe doch einmal ausbrechen, möchte sie keine aggressiven Hunde.

    Reale Bedrohung? Wölfe in Main-Spessart gesichtet

    Die Berghunde, die die Michlers jetzt haben, lassen sich ohne Anstand an die Leine nehmen und sich sogar von Fremden streicheln, wenn Herrchen oder Frauchen dabei sind. Wenn die Hunde, die etwas größer als Deutsche Schäferhunde werden, keine Gefahr erkennen können, legen sie sich gelassen unter Bäumen zu den Lämmern in den Schatten. Kommt jedoch ein Fremder ohne bekannte Begleitung, können sie bedrohlich wirken. Im Gegensatz zu den Maremmanos beruhigen sie sich aber bald wieder. Dass sie ihren Job dennoch machen, wenn ein Wolf kommen sollte, davon ist Christiane Geiger überzeugt. Sie ist gespannt, welche Erfahrungen andere Schäfer, die sich für schärfere und größere Rassen, etwa türkische Kangals oder Kaukasische Owtscharkas entschieden haben, machen.

    "Der Blick nach Brandenburg ist für mich ein Blick in die Zukunft."
    Schäferin Christiane Geiger über die Bedrohung durch den Wolf

    Die ersten Herdenschutzhunde holten sich die Michlers, die ihre Sommerweide für die 800 Mutterschafe auf dem Truppenübungsplatz in Wildflecken haben, vor allem wegen Wildschweinen, die den Elektrozaun umrannten und die Schafe erschreckten. Der Wolf war da noch eine recht theoretische Bedrohung. Als die Michlers die ersten Maremmanos kauften, hieß es, das Landesamt für Umwelt rechne in fünf bis zehn Jahren mit Wölfen in der Rhön. Inzwischen hat sich bereits eine Wölfin in der Rhön angesiedelt und auch im Landkreis Main-Spessart gab es erste Sichtungen. "Die Prognosen sind erschreckend genau", sagt Christiane Geiger.

    Die Pyrenäen-Berghunde der Michlers passen auf ihre Herde in Adelsberg auf. Foto: Björn Kohlhepp

    Erfahrungsaustausch in der AG Herdenschutzhunde

    Die Schäferei Michler ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft (AG) Herdenschutzhunde. Die AG dient dem Erfahrungsaustausch, aber auch als Zuchtverein und zum Ablegen von Prüfungen. Seit 2012 bietet die Schäferei immer wieder Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Herdenschutz mit Hunden an, damit auch andere Betriebe vom Erfahrungsschatz der jeweils eingeladenen Experten profitieren können.

    Die Schäfer hier hätten jetzt die Chance, besser vorbereitet zu sein als ihre Kollegen in Brandenburg, findet Geiger. In Brandenburg habe anfangs die gleiche Einstellung wie hier vorgeherrscht, dass der Wolf die Schäfer nichts angehe, aber irgendwann hätten sie schmerzhaft den Umgang mit Wölfen lernen müssen, die schon Schafe auf dem Speisezettel hatten. "Der Blick nach Brandenburg ist für mich ein Blick in die Zukunft", sagt die Agrarwissenschaftlerin.

    Ziel sollte es sein, dass der Wolf ein Schaf erst gar nicht als leichte Beute kennenlernt. Sollte ein Wolf jedoch erhöhte Zäune überwinden oder wider Erwarten trotz Herdenschutzhunden Schafe reißen, ist für sie klar, dass er geschossen werden müsse. Aber die Kombination aus normalem Elektrozaun und Herdenschutzhund sollte reichen. Die Berghunde müssen ihrerseits lernen, dass der Zaun die Grenze ist, die sie nicht überwinden dürfen.

    Hütehunde am Tag, Herdenschutzhunde in der Nacht

    In der Rhön haben immer mindestens zwei ihrer Herdenschutzhunde Nachtschicht. Während ein angestellter Schäfer Christof Graben die Schafe auf dem Truppenübungsplatz tagsüber mit normalen Hütehunden hütet, kommen die Schutzhunde aus den Pyrenäen erst abends aus dem Anhänger. In der Rhön gehe unter den Schäfern die Angst vor dem Wolf um, berichte ihr Schäfer. "Wir haben keine Angst", sagt Geiger. Erst recht nicht vor der Wölfin aus der Rhön, die aus dem brandenburgischen Storkow stammt, weshalb sie mit Herdenschutzhunden vertraut sein dürfte.

    Maremmano-Rüde Jayjay war den Michlers als Herdenschutzhund zu aggressiv. Jetzt bewacht er den Hof. Foto: Archivbild: Christiane Geiger

    Aber die Gelassenheit hat ihren Preis: Ein Herdenschutzhund koste im Jahr laut einer Studie aus dem Jahr 2017 etwa 2500 Euro, und eine Kostenerstattung sei, anders als beispielsweise in Baden-Württemberg, nicht in Sicht. Eine solche Förderung würden sich die Michlers jedoch wünschen, nicht nur eine Kostenerstattung für gerissene Tiere. Immerhin sei die Erstattung des Kaufpreises in Bayern im Gespräch, aber der größte Brocken sei der Unterhalt.

    Pyrenäen-Berghunde gefragt in Deutschland

    Als weiteren Vorteil der Pyrenäen-Berghunde nennt Schäferin Geiger, dass der Hund auch in Deutschland schon so verbreitet sei. Man könne sich austauschen und auch relativ einfach züchten und neue Hunde erwerben. Die beiden Jüngsten jedoch, die fünf Monate alten Patou und Paulette, hat sie von einem Züchter aus den Pyrenäen. Inzwischen sind die Adelsberger selbst in die Zucht eingestiegen. Letztes Jahr hatten sie den ersten Wurf mit Berghunden. Diese Welpen sind von Anfang an in der Ausbildung zum Herdenschutzhund und sollen mit verschiedenen Tests auf ihre Einsatzfähigkeit geprüft werden. Ausgebildete und geprüfte Tiere seien in Zeiten, wo der Wolf sich immer stärker ausbreitet, gefragt in Deutschland. Womöglich auch bald in Rhön und Spessart.

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