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    BAD KISSINGEN

    Hilfloses Opfer in seinem Zimmer eingesperrt

    Er ist für zahlreiche Diebstähle und andere Delikte in Bad Kissingen und Umgebung verantwortlich. Nach mehreren Anläufen konnte einem 28-Jährigen nun vor dem Schöffengericht der Prozess gemacht werden, zumindest in einem Teil einer langen Liste von Straftaten. Der Staatsanwalt sprach von einer „unsäglichen Serie, der man ein Ende setzen muss“.

    Doch die Verhandlung startete holprig, der psychisch angeschlagene Angeklagte schien anfangs unwillig beziehungsweise überfordert, den Sitzungstag überhaupt zu überstehen. „Ich komme durcheinander, es interessiert mich nicht, ich will so schnell wie möglich wieder nach Hause“, ließ er den Richter wissen.

    Ein Zuhause hat der 28-Jährige aber nicht mehr. Er befindet sich seit Anfang Oktober in einer psychiatrischen Klinik, seine einstige Wohnung hat der Vermieter räumen lassen. Ein fachärztliches Gutachten bescheinigt dem ehemals schwer heroinabhängigen Mann „ein Leben ohne Perspektive“. Seine kriminelle Karriere begann bereits mit 15 Jahren. „Meine Familie hat mit mir gebrochen“, sagte der Angeklagte.

    Immer wieder wurde er in den vergangenen Monaten beim Klauen in Kissinger Drogerien und Supermärkten erwischt, hatte Geldbeutel aus Einkaufswagen entwendet, einen Polizisten beleidigt. Auch einen Mofaroller hatte er einem Rentner geklaut und ihn rund vier Wochen lang benutzt, ehe ihn zufällig eine Polizeistreife fahren sah und die Verfolgung aufnahm. „Direkt auf dem Schweizerhaussteg konnten wir ihn dann stellen“, erinnerte sich ein Beamter. „Da kann ein Streifenwagen gut drüberfahren“, schob er für den erstaunten Richter erklärend nach.

    Besonders schwer wog der Vorwurf der räuberischen Erpressung und Freiheitsberaubung. Der 28-Jährige soll im Sommer 2011, als er zeitweise im Obdachlosenheim unterkam, einen anderen Bewohner zwei Tage lang ohne Wasser und Nahrung in dessen Zimmer ohne Toilette eingesperrt haben, um Geld von ihm zu erpressen. Der Sozialbetreuer der Stadt, der den Angeklagten schwer belastete, fand das demenzkranke Opfer schließlich „dehydriert und massiv traumatisiert“ vor.

    Wie oft und lautstark das Opfer zuvor um Hilfe gerufen hatte, blieb unklar. Der Angeklagte sagte zu den Vorwürfen um den Nachbar: „Ich habe ihn nur eingesperrt, damit er Ruhe gibt und ihm nichts passiert.“ Das Leiden des mittlerweile verstorbenen Opfers konnte er anscheinend nicht nachvollziehen, Bedauern äußerte er nicht.

    „In der Tat sehr gemein“

    Es war den geduldigen und freundlichen, aber hartnäckigen Nachfragen des Richters zu verdanken, dass der unter Psychopharmaka stehende Angeklagte im Lauf des Vormittags doch noch auftaute und mitteilungsfreudiger wurde. Er versicherte dem Richter, seine kriminelle Vergangenheit aufarbeiten und abschließen zu wollen. „Ich bin ja erst 28, da muss doch noch was gehen.“

    Was in Zukunft gehen wird, ist aber ungewiss. Das Schöffengericht verurteilte den Mann zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten. Besonders strafverschärfend wertete der Richter die Freiheitsberaubung im Obdachlosenheim. „Die war in der Tat sehr gemein.“

    Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Gegen den Mann laufen noch weitere Anklagen beziehungsweise Ermittlungsverfahren. Das Gericht erließ noch im Sitzungssaal Haftbefehl, der allerdings nicht vollstreckt wird, solange der 28-Jährige sich in der Psychiatrie befindet und behandeln lässt.

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    Von unserer Mitarbeiterin Susanne Wahler-Göbel

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