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    BAD BRÜCKENAU

    Säbelhalter und Hundepistole: Vom Strampeln einst und heute

    Museumsleiter Ivan Sojc spricht von der umfassendsten Sammlung in der Republik. Im Jubiläumsjahr ist das überregionale Medieninteresse am Deutschen Fahrradmuseum riesig. Kein Wunder: Zu allen wichtigen Entwicklungen seit der Erfindung des Laufrades verfügt die Ausstellung über ein Referenzobjekt. Darunter viele Originale, aber auch Nachbauten.

    Rund 7000 Besucher zählt die Ausstellung jährlich. „Aus der Region könnten es noch mehr werden“, wirbt der Fahrrad-Fan um zusätzliche Aufmerksamkeit für das technische Kleinod. Obwohl die Räume der Jugendstil-Villa aus dem Jahr 1908 aus allen Nähten platzen, sammelt der 54-Jährige hartnäckig weiter. Jüngste Beute seines über 30 Jahre währenden Sammeltriebes ist ein Scherenschleifer-Fahrrad. Es fiel ihm für wenig Geld auf einem Markt in die Hände und harrt nun der Aufarbeitung. „Die gibt es fast nicht mehr“, kommentierte Sojc den Neuzugang.

    Beim ihm ist der fahrbare Untersatz in guten Händen. Sojc mag Räder und deren Geschichte. So kündet das Scherenschleifer-Rad vom harten Existenzkampf des einstigen Eigentümers. Jener fuhr damit übers Land, mit einer Welle voller Schleifsteine vor dem Lenker. Bei den mühsam erreichten Kunden bockte der Schleifer das Hinterrad auf, warf den Treibriemen für die Schleifsteine über die Hinterachse und trat in die Pedale. Mit Muskelkraft schärfte er Metallklingen aller Art.

    Um jedes der 230 gezeigten Räder ranken sich Episoden. „Das Fahrrad individualisierte die Fortbewegung“, schwärmt der Museumsbetreiber. Auf diesem fahrbaren Untersatz erreiche die menschliche Muskulatur den höchsten Wirkungsgrad.

    Sojcs Leidenschaft begann mit 14 Jahren. Seit gut drei Jahrzehnten sammelt der gelernte Schreiner mit dem Hang zum Schrauben Fahrräder. Und er hat die Auflösung vieler Radläden erlebt: „In den 70er und 80er Jahren war das Fahrrad so gut wie tot“, erinnert er sich. Es sei zwischenzeitlich zu einem Campingartikel verkommen, sagt er mit Blick auf ein Klapprad in einem kompakten Koffer.

    Dabei steht die Geschichte des Fahrrades für einen beispielhaften Aufbruch. Zu Beginn des Rundganges im Museum sind einzelne Laufräder zu bestaunen, auf denen die Fahrer zur Fortbewegung noch am Boden tippelten. Die aufwendigen Verzierungen zeigen, dass es zunächst wohlhabende Visionäre waren, die ihren Aktionsradius erweitern wollten. „Kleine Leute investierten eher in einen Ochsenkarren“, sagt Sojc.

    Als Nächstes ist die Epoche der Hochräder dokumentiert. Die Standobjekte lassen erahnen, wie schwer die Räder zu kontrollieren waren. „Es gab viele Knochen- und Genickbrücke“, weiß Sojc über die Fortbewegung mit eisenbereiften Rädern auf schlechten Untergründen.

    Künftig vermittelt das Museum hautnahe Eindrücke von der Mobilität jener Tage. Im Garten des Museums wird am kommenden Samstag ein Fahrradparcours eröffnet. Er stellt frühere Straßenverhältnisse nach, und dort kann man sich selbst in den Sattel eines Hochrades schwingen.

    Weiter geht es in der Villa durch die Fahrradgeschichte in der Abteilung mit den Sicherheitsniederrädern. Bahnbrechend war die Entwicklung des Luftreifens 1888. Jetzt kamen die fahrbaren Untersätze erst richtig in Schwung. Allerdings war die Damenwelt zum Zuschauen verdammt. Während Frauen grazil für Räder werben durften, blieb der Sattel den Männern vorbehalten.

    „Radfahren galt als gebärfeindlich. Frauen sollten in der Öffentlichkeit nicht schwitzen, oder Bein zeigen“, berichtet Sojc. Erst gegen 1900 waren Frauen auf dem Rad akzeptiert. Rockraffer, Hosenanzüge und anderes Zubehör begleiteten den Durchbruch.

    „Fahrradgeschichte ist auch Industrie- und Sozialgeschichte“, sagt der Museumsleiter und zeigt allerhand Kuriositäten. So etwa Steuerplaketten. Sie mussten früher in manchen Kommunen am Rad angebracht sein. Zumindest an Damen- und Rennrädern. „Die fuhren ja zum Spaß“, gibt Sojc schmunzelnd das vorherrschende Gesellschaftsbild wieder. Herrenräder waren von der Steuer befreit. Damit fuhren schließlich Industriearbeiter zur Arbeit.

    Unzählige Designer tobten sich an der Gestaltung von chromverzierten Fahrradlampen aus. Zunächst leuchteten sie mit Karbid, Öl und erst später mit Dynamo-Strom die Schlaglöcher in den Pisten aus. In Anlehnung an den Schiffsverkehr sollten vorübergehend Backbord und Steuerbord den nahenden Radler mit seitlichen Farblinsen an den Fahrradlampen berechenbarer machen. Weil keine Einheitlichkeit zu erzielen war, ließ man diese Farbenspielerei fallen. Lustig auch die Hundepistole am Lenker. Weil es weniger Gartenzäune gab, kamen Radler schon mal mit Vierbeinern in Konflikt. Im Angesicht so einer bellenden Bedrohung sollte das Abfeuern von Platzpatronen helfen.

    Ernsteren Hintergrund hat die Abteilung mit Militärfahrrädern. Aus waffenstarrenden Zeiten stammt die Säbelhalterung und übrigens auch die Gewohnheit, von links aufzusteigen, damit das Rad nicht mit dem Säbel am Gürtel in Konflikt gerät. Die gezeigte Zusammenstellung von Fahrradinstrumenten kommt nicht ohne Armbanduhren aus. Dem Trend zum Radeln ist nämlich der Abschied von der Taschenuhr zu verdanken. Um die Hände am Lenker zu haben, und trotzdem die Zeit im Blick zu haben befestigten Radler die Taschenuhren zunächst an Armbändern. Dann setzte sich die heute bekannte Armbanduhr durch.

    Ein grünes Rad in der Sammlung steht für einen Weltrekord. Auf ihm fuhr 1950 Karl-Heinz Kramer im Windschatten eines Motorrades rund 154 Stundenkilometer schnell. „Der Rekord ist bis heute ungebrochen“, erklärt der Museumsbetreiber die Tragweite des Erfolges.

    Ein Höhepunkt dieser Erlebniswelt ist ein Fahrradladen. Er stammt von 1926 und war ursprünglich im Erzgebirge daheim. Ihn hat sich Sojc samt Schaufenster nach der Wende gesichert. Wenn er die Ladentür aufschließt, umweht den Besucher zwischen vollgestopften Regalen Duft von Öl und Gummi, wie ihn einst die Kunden in der Nase gehabt haben müssen.

    So sehr sich die Fahrradentwicklung bis heute auch überschlägt: „Manches ist gar nicht so neu“, weiß Sojcs. Ob ovale Kettenblätter, Cantilever-Bremsen oder Hohlkammerfelgen: Vieles gab es schon einmal vor Jahrzehnten, um irgendwann werbewirksam neu entdeckt zu werden.

    Strampeln heißt es übrigens auch für den Erhalt des Museums abseits der Ballungsräume. Als weiteres Standbein ist Sojc samt Team mit Wanderausstellungen viele Stunden quer durch die Republik gefragt. Zuletzt auch bei einer Werbeveranstaltung für die Tour de France 2017 am Flughafen Düsseldorf. Nach 13 Jahren möchte Sojc die Präsentation im Staatsbad modernisieren. Sein Ziel: Weniger Exponate in den Räumen und dafür ein begehbares Depot für Fachleute. Aktuell arbeitet er mit wissenschaftlicher Volontärin Ria Glaue am Konzept. Ihm schwebt auch mit der Gewinnung von Zuschussgebern ein Zeitrahmen von drei bis fünf Jahren vor.

    Deutsches Fahrradmuseum: Geöffnet hat die Ausstellung in der Heinrich-von-Bibra-Straße 24 in Bad Brückenau Dienstag bis Freitag von 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, am Wochenende und feiertags von 10 bis 17 Uhr.

    Am kommenden Samstag, 1. Juli, ist Teilemarkt und Treffen für historische Fahrräder mit Einweihung des Parcours. Schon am Freitag, 30. Juni, gibt es um 21.30 Uhr eine Nachtausfahrt mit zeitgemäßer Beleuchtung durch den Kurpark. Infos und Aktuelles zum Museum: www.deutsches-fahrradmuseum.de

     

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