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    Seubrigshausen

    Seubrigshausen: Ein Dorf hält in der Krise zusammen

    Gebet, Segen und Musik für den ganzen Ort - das ist das Rezept der Seubrigshäuser Dorfgemeinschaft während der Corona-Krise.
    Seubrigshausen macht abends nach 21 Uhr Musik: Ingrid Klöffel mit ihrem Saxophon, sowie Stefan und Markus mit den Blockflöten stellten sich für schon mal tagsüber für ein Foto auf.
    Seubrigshausen macht abends nach 21 Uhr Musik: Ingrid Klöffel mit ihrem Saxophon, sowie Stefan und Markus mit den Blockflöten stellten sich für schon mal tagsüber für ein Foto auf. Foto: Marco Hornung

    Keine Verwandten besuchen, mit den Nachbarn auf Abstand gehen, Ausflüge auf später verschieben - jeder muss sehen, wie er mit diesen Kontaktbeschränkungen umgeht. In Seubrigshausen ist aus diesem "Social Distancing" ein interessantes Gemeinschaftsprojekt geworden, das immer mehr Kreise zieht. Seit gut zwei Wochen wird jeden Abend um 21 Uhr die große Kirchenglocke geläutet und danach geht's im Ort richtig musikalisch zu.

    Und das kam so: Pfarrer Anton Schilhan hatte am 23. März, kurz nachdem die allgemeinen Ausgangsbeschränkungen, verkündet worden waren, vorgeschlagen, dass man doch allabendlich die Glocke läuten könnte, erzählt der Seubrigshäusder Marco Hornung im Gespräch mit dieser Redaktion. "Ich speichere die Zeiten nämlich ein, zu denen die vier Glocken bei uns schlagen sollen. Deshalb sprach Schilhan mich erst einmal an."

    Musik nach dem Läuten

    Die Einwohner sollten dann in ihren Häusern jeweils ein Gebet sprechen, plante Schilhan. Der Pfarrer selbst wollte in der Kirche allein den Segen für das ganze Dorf geben. Gesagt, getan. Und dann sei eine der Kirchenmusikantinnen auf die Idee gekommen, dieses tägliche Ritual doch musikalisch auf dem Instrument zu begleiten, schildert Hornung die aktuelle Entwicklung.

    Beim Freiluft-Konzert in Seubrigshausen sind Manuela und Clarissa Gehring mit von der Partie.
    Beim Freiluft-Konzert in Seubrigshausen sind Manuela und Clarissa Gehring mit von der Partie. Foto: Marco Hornung

    Er als Leiter der 15-köpfigen kirchenmusikalischen Truppe habe sich freilich gleich dazu bereiterklärt. Spontan machten dann zunächst weitere sieben Musikantinnen und Musikanten mit, so Hornung. Irgendwann habe man auch in der WhatsApp-Gruppe "Dorfgemeinschaft Seubrigshausen" noch einen Aufruf gestartet, dass doch eigentlich jeder zu Hause auch vom Balkon aus mitspielen könnte.

    Sogar Kinder spielen mit

    Inzwischen gebe es auch allerhand neue private musikalische Talente, die jeden Abend dabei sind und so das Lied "Segne, du Maria" auf jeweils ganz spezielle Weise interpretieren, erzählt der 43-jährige Entwicklungsingenieur. Gelegentlich sei sogar auch mal ein Kind auf der Blockflöte zu hören. Wer mitmachen will, nimmt sich halt das Instrument zur Hand, das er zu Hause hat, sagt Hornung.

    Marco Hornung mit dem Waldhorn.
    Marco Hornung mit dem Waldhorn. Foto: Marco Hornung

    Eins weiß der Seubrigshäuser inzwischen ganz sicher: Zahlreiche Einwohner gehen jeden Abend vor die Türen oder auf ihre Terrassen, um den Instrumenten zu lauschen. Denn öfter werde er inzwischen darauf angesprochen, dass man seine Trompete sogar recht laut hören würde.

    Keine leichte Kunst

    "Dabei hat es mich schon ganz schön Überwindung gekostet, jeden Abend allein draußen ins Instrument zu blasen", gibt Hornung offen zu und lacht. Denn schließlich sei er ja kein professioneller Solo-Trompeter und habe keine großartige Übung. "Da bleibt einem dann auch mal der Atem aus", beschreibt er sein alleiniges musikalisches Wirken. Er schmunzelt: "Und man hört natürlich jeden falschen Ton."

    Inzwischen gibt es zum Thema Abendmusik immer neue Ideen, erzählt Hornung. Renate Saal spielt zum Beispiel jetzt immer auf ihrem Waldhorn, einem äußerst seltenen Instrument, mit. "Und ich weiß, dass sie sich für ihre Lieder die Noten immer erst mal für das Instrument umschreiben muss."

    Renate Saal mit dem Waldhorn.
    Renate Saal mit dem Waldhorn. Foto: Marco Hornung

    Immer mehr Applaus

    Immer wieder bekommt der 43-Jährige jetzt WhatsApp-Rückmeldungen: "Das waren ja bewegende Minuten mit Gebet und Gesang", schrieb ein Einwohner an ihn. "Man fühlt sich getröstet und nicht allein", simste ein anderer. Ein dritter bedankt sich für "das Zusammenhalten in einer schweren Zeit." Hornung: "Und man merkt, der Applaus nach dem Konzert am Abend wird immer lauter."

    Lina Kastl mit dem Saxophon.
    Lina Kastl mit dem Saxophon. Foto: Marco Hornung

    Auch zu Ostern wollen die Seubrigshäuser, - jetzt, wo es ja keine Gottesdienste gibt - Pfarrer Anton Schilhan musikalisch begleiten, wenn dieser wieder in der Kirche ist und mit Gebet und Segen, wie er in seinem Aufruf an die Gläubigen betont, "ein spürbares Zeichen der kirchlichen Gebetsgemeinschaft" setzen will. So stehen die musikalisch Mitwirkenden  auch in der Osternacht und am Ostersonntag mit ihren Instrumenten bereit. 

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