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    Bad Brückenau

    Süßes für die Bahntrassen-Umsiedler

    Mit leichtem Gerät rücken die ersten Ameisenheger nahe Trübenbrunn an. Bevor der Radweg auf der alten Zugtrasse in Angriff genommen werden kann, muss die Strecke frei sein. Eigentlich hatten 17 Ameisenvölker nahe der Trasse gesiedelt. Die Ameisenheger nehmen an, dass durch die Entfernung der Schienen die Tierchen gestört wurden und viele bereits aus freien Stücken das Weite gesucht haben.

    Fünf Hügel waren den Ameisenhegern Hubert Brand, Jürgen Dierks, Tadeusz Kostyszyn und Rene Belian nun zur Umsetzung gemeldet worden - gefunden haben sie sieben.

    Nun heißt es, runter auf die Knie, um mit den Händen den Hügel behutsam abzutragen. Die Tiere, genauer gesagt, die "kahlrückigen Waldameisen werden samt Fichtennalden und Erde in Tonnen befördert", erklärt Hubert Brand. Äste, Zweige und auch der Baumstumpf, um den die Ameisen ihr Nest gebildet hatten, werden ebenfalls eingepackt. Wichtig ist es, "die Königin zu finden, denn ohne sie ist der Ameisenstaat maximal fünf Jahre lebensfähig", weiß Jürgen Dietz. Sie wird mit dem Kern in die erste Tonne gepackt, in der zweiten Tonne befinden sich der Rest sowie Äste, in denen Nisthöhlen gebildet worden waren.

    Die Freude der Ameisenheger ist groß, als sie Puppen, Larven und Eier in Hülle und Fülle finden. Diese bilden die nächste Generation. Die Ameisenfreunde um Hubert Brand achten darauf, möglichst alle Tierchen zu erwischen. Schnell sehen sie, dass ein vermeintlich kleiner Ameisenhügel um das doppelte Ausmaß in die Erde verläuft und auch viele Seitenarme bildet. Jede Ecke, jeder Ast wird genau inspiziert, um nicht eine Königin zu verpassen, und um zu kontrollieren, ob man wirklich die meisten Ameisen erwischt hat. Nur im Notfall kommen Schaufel oder Hacke zum Einsatz, "denn die Tiere sollen möglichst nicht verletzt werden", so Rene Belian.

    Jürgen Dobler, zuständig beim Landratsamt im Bereich Bautechnik, hat die Pflicht, "das Baufeld frei zu machen - und zwar jetzt, bevor die Tiere ausschwärmen". Das Landratsamt ist verpflichtet, naturschutzrechtliche Maßnahmen zu ergreifen. Von der Oberen Naturschutzbehörde in Würzburg liegt die artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung zur Umsetzung der Ameisenhügel vor. Denn die kahlrückige Waldameise steht unter Naturschutz und darf eigentlich nicht gestört oder versetzt werden.


    Ausnahmegenehmigung

    Da jedoch das öffentliche Interesse an einem Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse groß ist, und keine zumutbare Alternative vorliegt, wurde die Ausnahmegenehmigung erteilt. Ohne diese dürften auch Ameisenheger keinen Ameisenhügel versetzten. Die Ameisenheger arbeiten ehrenamtlich und wurden vom Landratsamt beauftragt. Dieses hatte sich an die Ameisenschutzwarte in Nabburg gewandt, um Fachleute für diesen Job zu finden. Empfohlen wurde Dobler der Arbeitskreis Natur (AKN) in Mespelbrunn. Dort sind die vier Herren 2015 als staatliche Ameisenheger an den Start gegangen. Eine mit Theorie und Praxis vollgepackte dreitägige Fortbildung schloss mit einer Prüfung ab, "die es in sich hatte", so Tadeusz Kostyzyn. Fit sind die vier nun allerdings in Sachen Kartierung, Pflege und Umsetzung von Ameisen und planen derzeit im Naturpark Spessart einen Ameisenlehrpfad.

    Im Staatsforst bei Riedenberg haben nun an die 400.000 Ameisen eine neue Heimat gefunden. Das Gebiet war dem AKN-Vorsitzenden Hubert Brand und seinen Mitstreitern von den Staatsforsten zugewiesen worden. Hier hatten sich die Ameisenheger bereits umgeschaut und passende morsche Baumstümpfe als Grundlage für die Ameisenvölker ausgewählt. Um den Tierchen den Übergang zu versüßen, werden pro neuem Hügel am Stamm zweieinhalb Kilo Zuckermasse ausgelegt und mit Erde "paniert", damit die Tiere nicht kleben bleiben. Eine zusätzliche dicke Schicht von dürrem Reisig soll beim "Hausbau" helfen.


    Kontrolle in einigen Wochen

    Nun wird die erste Tonne eines Ameisenvolks, in der sich hoffentlich mindestens eine Königin, sicher aber tausende von Eiern, Larven und Puppen befinden, als erstes langsam und vorsichtig verteilt. Darüber folgt der Inhalt der zweiten Tonne mit dem Rest der zu diesem Volk gehörigen Ameisen. Zum Schluss bekommen die Tierchen noch Fichtennadeln zum Ausbau, und um den neuen Hügel herum einen Ring aus Zucker, damit sie sich für die Nahrungssuche nicht so weit vom neuen Nest entfernen müssen. Die Ameisen blieben auch nicht untätig. Sofort, nachdem sie die Tonne verlassen hatten, haben sie begonnen, die Brut unter die Reisigschicht zu befördern und ihren Staat neu zu ordnen. In drei bis vier Wochen werden Hubert Brand und Kollegen noch einmal nach ihren Schützlingen sehen und kontrollieren, ob die von ihnen ausgesuchten Plätze wirklich angenommen wurden.

    Stephanie Elm

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