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    OBERTHULBA

    Von Bauchplatschern und der Wunderbox

    Mit zusammengekniffenen Augen sitzt sie auf einer leeren Getränkekiste. Vor ihren Füßen schwappen sanft kleine Wellen an Land, doch sie scheint es nicht zu bemerken. Konzentriert starrt sie auf die kleine, rote Lampe weit über ihr. Jeder Muskel ist angespannt, ihre Finger zittern ein wenig.

    Warten. Minutenlang. Dann leuchtet die Lampe kurz grün auf. Ein heftiger Ruck durchfährt ihren Körper – und los.

    Glitzernde Wassertropfen wirbeln durch die Luft. Die rot-weißen Skier schlittern über das braungrüne Wasser. Ein kurzer Schrei. Ein lautes Platschen. Ziemlich unsanft landet Aline Weber im Wasser. Zum ersten Mal ist die 21-Jährige aus Retzbach (Lkr. Main-Spessart) Wasserski gefahren. Zumindest für wenige Meter. „Das ist normal“, kommentiert Thomas Golla grinsend. „Wir lachen nicht, wenn einer stürzt, nur wenn es einer besonders gut hinbekommt.“

    Der 50-Jährige, den alle nur Tom nennen, betreibt seit einigen Jahren Unterfrankens einzige Wasserski-Seilbahn, den Wakepark in Thulba (Lkr. Bad Kissingen). Klar, dass er selbst auch viel Zeit auf dem Wasser verbringt. Doch an diesem Tag bleibt dafür keine Zeit. Mühsam kämpft sich die Sonne durch die dicken Wolken am Rhöner Himmel. Es ist einer dieser vielen, nicht ganz so perfekten Sommertage in diesem Jahr. Den Besuchern des Wakeparks ist das egal. Sie alle wollen nur eines – aufs Wasser. Bevor es soweit ist, müssen sie erst einmal zu Golla, Tickets kaufen. Der 50-Jährige ist das oft beschworene „Mädchen für alles“. Er verleiht Neoprenanzüge, erklärt, worauf es beim Start ankommt, schaut, ob alles passt, kümmert sich um die Katze, die es sich auf der Theke neben der Kasse gemütlich gemacht hat. Hier noch ein kleiner Scherz mit den Stammkunden, da noch ein kleiner Tipp für die Anfänger. Golla scheint überall zu sein und hat doch stets seine Wasserski-Seilbahn im Blick.

    Der kleine See am Ortsrand von Thulba ist nicht gerade das, was man als „coole Location“ bezeichnet. Kein „Hotspot“, keine „Trendmetropole“. Weit ab von der nächsten Großstadt, mitten in der Natur liegt die Anlage. Der Zahn der Zeit nagt an der Gaststätte am Ufer des Sees. Der Verputz blättert ab. Der Geruch von Pizza und Sonnencreme wabert durch die Luft. Der Wind rauscht durch die Blätter der Bäume, die das Ufer des Sees an vielen Stellen umgeben. Lange Leinen spannen sich weit oben über das Wasser. Entlang dieser Seile verläuft die Strecke der Wassersportler.

    Neun Menschen können sich auf der Anlage gleichzeitig von der Seilbahn über den See ziehen lassen. Eine Runde dauert etwa eineinhalb Minuten, wie viele Runden jeder fahren darf, lässt sich je nach Anzahl der Besucher einstellen. So könne gewährleistet werden, dass auch im Sommer, wenn viel los ist, die Menschen nicht zu lange warten müssen, erklärt Golla. Dann hat er noch einen Tipp: Die beste Zeit die Anlage zu besuchen sei unter der Woche und an Tagen, an denen es nicht ganz so heiß sei. Da sei weniger los.

    „Eigentlich kann jeder, der schwimmen kann, auch Wasserskifahren lernen“, sagt der Anlagenbetreiber. Während Einsteiger erst einmal versuchen, auf den Brettern stehen zu bleiben, gibt es für Profis im Wakepark verschiedene Hindernisse. „Black Mamba“, „Down Tube“ oder „Fun Box“, heißen die schwimmenden Konstrukte, über die die erfahrenen Wassersportler springen.

    Doch ganz so einfach wie es aussieht, ist der Sport nicht. Das merken auch Aline Weber und ihre Freundin Franziska Fenn (21) schnell. Bereits das gleichmäßige Gleiten über das Wasser verlangt viel Kraft und Ausdauer. Immer wieder stürzen die beiden Freundinnen in Wasser. Für Aline keine Überraschung: „Ich habe damit gerechnet, dass man öfter fällt“, sagt sie und streicht sich das Wasser aus den langen, braunen Haaren. Dann greift sie entschlossen zu ihren Ski und marschiert zum Start. Wieder stellt sie sich an. Wer Wasserskifahren lernen will, braucht Geduld – und zwar in mehrfacher Hinsicht. So lange alle neun Plätze der Seilbahn belegt sind, heißt es warten, bis jemand die maximale Rundenzahl erreicht hat – oder eben stürzt. Umso ärgerlicher also, wenn die eigene Runde schon nach wenigen Metern beendet ist.

    Nach einigen Minuten ist sie wieder ganz vorne in der Warteschlange. Noch etwas ungelenk schlüpft sie in die Gummimanschette, in denen die Füße auf den Brettern Halt finden. Beinahe routiniert setzt sich Aline auf die Getränkekiste, die Tom „Startwunderbox“ nennt. Anfänger finden so von Beginn an die richtige Startposition. Noch einmal konzentrieren. Noch einmal nach oben auf die rot leuchtende Lampe blicken. Sie springt auf Grün. Ruckartig wird Aline aufs Wasser gezogen. Auch diesmal ist sie noch etwas wackelig, schwankt, hat Schwierigkeiten, in der Hocke zu bleiben. Doch es gelingt. Eine halbe Runde gleitet sie über das Wasser, dann wartet die nächste Hürde. Zwei Bojen, durch die sie hindurch lenken muss. Sie scheitert und landet im Wasser – schon wieder. Die Ski unter dem Arm schwimmt sie zum Ufer. Die anderen Fahrer gleiten hinter ihrem Rücken scheinbar mühelos und lässig über den See. Sie pesen über das Wasser, drehen sich um die eigene Achse, manövrieren sich geschickt über die Hindernisse, machen Sprünge. Aline schwimmt. Die Anstrengung ist ihr anzusehen. Der Stolz darauf, es so weit geschafft zu haben, aber auch.

    Sie schaut sich nach ihrer Freundin Franziska um. Sie ist bereits vor mehreren Metern gestürzt. Dass sie mit 13 Jahren bereits einmal Wasserski gefahren ist, hilft ihr an diesem Tag nicht. Immer wieder fällt sie, erreicht nicht einmal die erste Kurve. Der Frust ist ihr anzusehen. Aber sie gibt nicht auf. Kaum aus dem Wasser gekrochen, stellen sich die beiden jungen Frauen wieder in die Warteschlange. Immer wieder setzen sie sich auf die Wunderbox. Immer wieder warten sie darauf, dass das grüne Licht angeht und das Seil sie über das Wasser zieht.

    Am Ende wird ihre Hartnäckigkeit belohnt. Aline schafft eine ganze Runde. Mühelos kann sie durch die Bojen steuern und um Kurven lenken. Und die Hindernisse? Naja, vielleicht beim nächsten Mal. Denn die beiden Freundinnen sind sicher: Es war nicht das letzte Mal, dass sie auf der Wasserskianlage an dem kleinen See am Ortsrand von Thulba waren.

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