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    WÜRZBURG / BAD KISSINGEN

    Warum wir von der Liebe nicht zu viel erwarten sollten

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    Glücksgefühle, Leidenschaft, ewige Lust - alles soll die Liebe leisten. Ein bisschen viel, findet Philosoph Wilhelm Schmid. Und erklärt, warum man auch Feinde lieben kann. Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

    Liebe! Sie kann so schön sein, so glücklich machen, kann unfassbar wehtun und kann grausam scheitern. Warum ist Liebe gar nicht so leicht? Und warum tun wir uns manchmal mit dem Lieben so schwer? Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid glaubt, dass wir falsche Erwartungen an die Liebe haben. Mit Büchern zum Glück und zur Lebenskunst hat er sich einen Namen gemacht – und er hat sich auch der Liebe gewidmet, damit wir nicht den Glauben an sie verlieren. Sein Ansatz: ein pragmatisches Verständnis, ohne die Romantik ganz aufzugeben. In der kommenden Woche wird Wilhelm Schmid in Bad Kissingen beim Kongress der Akademie Heiligenfeld sprechen. Denn dort geht es vier Tage lang genau um das: Liebe.

    Herr Schmid, am Sonntag ist Muttertag. Ist Mutterliebe die stärkste, größte Liebe, die es gibt?

    Prof. Wilhelm Schmid: Zweifellos! Und die Vaterliebe.

    Die setzen Sie gleich?

    Schmid: Heute kann man das machen. Vaterliebe hat sich entwickelt. Das war in zurückliegenden Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht immer so. Da haben sich Väter oft auf Distanz zu ihren Kindern gehalten. Johann Sebastian Bach war da eine sehr große Ausnahme. Und mein Vater auch.

    Seit wann dürfen Väter die Liebe zu ihren Kindern so zeigen wie Mütter?

    Schmid: Das war sicherlich eines der Ergebnisse der Studentenbewegung von 1968, dass auch Männer sich stärker ihrer selbst bewusst geworden sind in ihren verschiedenen Rollen – und eben auch in der Rolle als Vater.

    Und die Mutterliebe gibt es schon, seit es uns Menschen gibt?

    Schmid: Wir wissen über die Frühzeit der Menschen, über die ersten eineinhalb Millionen Jahre, nicht sehr viel. Vieles deutet darauf hin, dass Kinder nie von einer einzigen Mutter betreut worden sind in der Geschichte der Menschheit. Sondern immer von einem Pulk von Müttern. Wenn man sich heute ansieht, wo die Geburtenrate am höchsten ist, dann ist das dort, wo sich Pulks von Müttern bilden können. Die Geburtenrate lässt dort stark nach, wo einzelne Frauen mit ihren Kindern umgehen.

    Dann ist die Mutterliebe relativ zu sehen?

    Schmid: Jede Liebe ist relativ, ja. Auch hat es keinen Sinn, aus der Mutterliebe eine Norm zu machen. Das ist in den zurückliegenden Jahrzehnten und Jahrhunderten geschehen, um Frauen dann bittere Vorwürfe zu machen, wenn sie keine Mutterliebe hatten. Aber das obliegt nicht einer Willensentscheidung, das ist angelegt im Menschen. Und was angelegt ist, kann auch nicht angelegt sein oder durch irgendwelche psychischen Verhängnisse ins Stocken geraten. Daraus einen Vorwurf zu machen ist völlig sinnlos.

    Vielleicht sollten wir über die Definition sprechen. Ob liebend oder nicht – gemeinhin macht man sich darüber ja gar keine Gedanken, was Liebe wirklich ist. Wie definieren Sie Liebe?

    Schmid: So ist die Frage ganz sicher auch richtig: Wie wird sie persönlich definiert? Denn es gibt selbstverständlich keine allgemeine Definition. Ich schlage meinerseits eine Definition vor, aber es gilt auch hier: Es ist ein Vorschlag. Liebe ist eine Beziehung der Zuwendung und der Zuneigung von etwas oder jemandem zu etwas oder jemandem.

    Nur Zuwendung, Zuneigung allein? Fehlt da nicht eine Aussage über die Intensität?

    Schmid: Ich habe das bewusst so zurückhaltend formuliert, weil dann auch sehr viele Lieben Platz haben in der Definition. Zum Beispiel auch die Freundesliebe, die in den meisten Fällen keine leidenschaftliche Liebe ist, aber sehr wohl mit Gefühlen ausgestattet. Nur machen die Gefühle nicht unbedingt Bocksprünge wie in der Liebe im engeren Sinne.

    Also braucht Liebe keine Leidenschaft?

    Schmid: Sie ist die Ausnahme. Ich war überrascht, dass Sie mit der Elternliebe begonnen haben. Denn für viele Menschen ist das nicht der erste Gedanken, wenn sie an Liebe denken. Aber selbstverständlich gehört Mutter- und Vaterliebe zum riesigen Feld der Liebe – genauso wie die Geschwisterliebe, die Freundesliebe, die Feindesliebe nicht zu vergessen, die Liebe zur Natur, die Liebe zu Tieren, zur Kultur, zur Kunst, zu Gott.

    Die Frage nach der Mutterliebe ist, zugegeben, dem Muttertag geschuldet. Was ist Feindesliebe?

    Schmid: Im Christentum ist davon die Rede, und dann sollten wir das auch ernst nehmen. Was ist damit gemeint? Ich vermute, Feindschaft letzten Endes zu überwinden. Das ist ganz sicher eine Möglichkeit der Feindesliebe und ein ehrenwertes Ziel. Nur, ich kann darüber nicht verfügen, ob der Feind das auch so versteht. Menschen suchen sich in der Regel Feindschaft nicht aus, sie geschieht ihnen. Ein Vorschlag, den ich deswegen mache, Feindesliebe auch noch anders zu verstehen: Nämlich Feindschaft zu pflegen, wenn sie schon da ist. Das heißt, sie nicht zerstörerisch werden zu lassen, wenn sie schon nicht aufgehoben werden kann.

    Das heißt, Feindschaft zuzulassen, zu akzeptieren . . .

    Schmid: . . . und Nutzen aus ihr zu ziehen.

    Und wenn man aber nicht auf Gegenliebe stößt?

    Schmid: Das muss ja gar nicht bei einem Feind sein. Das kann auch in der Elternliebe, kann in der leidenschaftlichen Liebe passieren, dass es keine Gegenliebe gibt, ja.

    Und wenn es passiert, ist es schwer zu akzeptieren. Was sagt der Philosoph dazu?

    Schmid: Das müssen wir akzeptieren. Denn wir können dem anderen nicht befehlen: 'jetzt lieb' mich endlich'. Also bleibt mir nur, zu akzeptieren und eine Entscheidung zu treffen. Belasse ich es bei diesem Zustand oder schaue ich mich anderswo um. Es gibt tausend andere Möglichkeiten zu lieben. Ich meine jetzt nicht nur, andere Menschen zu lieben, sondern auch Tiere, Kultur, Dinge, Reisen. Deswegen die weite Formulierung: Liebe ist immer die Zuwendung und Zuneigung zu etwas oder jemandem. Da ist ausdrücklich ein „etwas“ miteinbezogen.

    Das klingt sehr aktiv, nach etwas Planbarem und Gezieltem, nach einem bewusstem Entscheiden, wen und was man liebt. Sehen Sie das so?

    Schmid: Ja, in gewisser Weise schon. Nicht absolut, aber relativ. Es ist sicher günstig, wenn Gefühle für einen Menschen da sind. Aber Gefühle reichen nicht aus für eine Beziehung der Liebe. Für eine Nacht schon, auch für sieben Monate. Aber für eine längerfristige Liebe, und von der träumen ja die allermeisten Menschen, reichen Gefühle allein nicht aus. Es muss etwas hinzukommen, und das ist: Ich muss eine Entscheidung treffen.

    Nämlich?

    Schmid: Ich will mit diesem Menschen zusammen sein. Das muss ich nicht unbedingt diesem Menschen sagen, das muss ich aber mir selber sagen können. Der andere spürt das dann schon. Ich signalisiere, schon körperlich, dass ich mit diesem Menschen etwas zu tun haben möchte. Dann lassen sich auch eine Menge Schwierigkeiten überwinden. Wenn auf der eigenen Seite die Haltung, die Beziehung klar ist, dann ist keine Garantie für Gegenliebe, aber die Wahrscheinlichkeit wächst entschieden damit.

    Stichwort Schwierigkeiten . . .

    Schmid: Diese Phasen kommen immer, auch in der schönsten und längsten Liebe, kann man ganz sicher mit sehr, sehr schwierigen Phasen rechnen. Und sie können viel leichter durchgestanden werden, wenn auf der eigenen Seite klar ist, was ich möchte. Und wenn nach Möglichkeit die Beziehung im Laufe der Zeit mit ein paar Dingen ausgestattet wird, die über schwierige Zeiten hinweghelfen: zum Beispiel Alltagstauglichkeit.

    Alltagstauglichkeit?

    Schmid: Gewohnheiten haben, gemeinsam und für sich allein. Rückzugsmöglichkeiten haben, um nicht ständig dem anderen auf dem Schoß sitzen zu müssen. Sich auch mal selber erholen können vom anderen und umgekehrt dem anderen Gelegenheit geben, sich von mir zu erholen. Die Liebe atmen zu lassen. Gefühle müssen Pause machen, und die machen sie auch reichlich. Die Frage ist nur, ob wir ihnen das zugestehen können.

    Sie hatten ganz zu Beginn gesagt, Ihr Vater sei ein liebender Vater gewesen. Wie haben Sie diese Liebe mitbekommen?

    Schmid: Zum einen war sehr deutlich, dass er unsere Mutter sehr liebt. Das hat er ihr bei jeder Gelegenheit gezeigt. Auf dem Bauernhof hat man damals nicht sehr viel miteinander gesprochen, nicht über Gefühle und Befindlichkeiten. Aber er war der einzige Mann im Dorf, der niemals in die Wirtschaft gegangen ist und schon gar nicht jemals betrunken war. Und er hat uns Kindern bei jeder Gelegenheit gezeigt, dass er für uns da ist, dass er alles für uns tut und seine Zeit opfert. Wir waren ihm nie überdrüssig, das haben wir gemerkt.

    Ist lieben zu können eine Kunst?

    Schmid: Ja, unbedingt. Das geht leider unter, weil viele Menschen, vor allem junge Menschen, heute nur auf ihre Gefühle schauen. Sie sind wichtig, ja. Aber sie reichen nicht aus. Es braucht einige Kenntnisse, wie Liebe geht. Man muss Gefühle kennen, und zwar das ganze Spektrum, auch die unguten. Es ist heute wichtiger als jemals für eine Liebesbeziehung, geistigen Austausch zu haben. Also miteinander sprechen, denken und deuten zu können. Das ist ein Wissen. Das können Menschen sich aneignen: rein in die Praxis, ausprobieren und Erfahrungen sammeln.

    Ist unser menschliches Dasein überhaupt vorstellbar ohne zu lieben?

    Schmid: Nein, es kann kein Leben ohne Liebe geben. Liebe heißt, etwas Bejahenswertes zu haben. Wenn wir gar nichts im Leben bejahen können, dann ist dieses Leben nicht lebbar. Aber die Natur hat ja vorgesorgt – dadurch, dass wir so vielfältig lieben können, dass irgendetwas dabei sein wird. Ein Hund wird auf jeden Fall weiterhelfen.

    Ein Hund? Weil man beim Heimkommen schwanzwedelnd, hüpfend, jaulend voller Freude begrüßt wird?

    Schmid: Die Liebe des Hundes ist eine bedingungslose, über die man sich aber keine zu großen Illusionen machen sollte. Denn es ist die Liebe in einer total asymmetrischen Beziehung. Der Hund hat gar keine andere Chance als zu lieben.

    Sollte man unglücklich lieben?

    Schmid: Vielleicht ist das sogar interessanter als glücklich zu lieben. Weil es ganz sicher mehr über das Leben und über Menschen erzählt als das glückliche Lieben. Mir ist es wichtig, Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie nicht zu viel vom Glück erwarten sollten. Generell nicht im Leben und auch nicht im Besonderen in der Liebe. Je mehr wir vom Glück erwarten, desto weniger bekommen wir. Dann wachsen die Erwartungen ins Unermessliche, und dann kann es eigentlich nur noch Enttäuschungen geben. Es ist viel besser, von vorneherein davon auszugehen, es wird auch unglückliche Phasen geben.

    Welche Erwartungen an die Liebe dürfen wir denn haben?

    Schmid: Keine sehr großen. Und zwar aus einem Grund: Bin ich denn in der Lage, die Erwartungen von anderen voll und ganz zu erfüllen? Bin ich nicht. Dann soll ich das auch nicht von anderen Menschen erwarten.

    Ernüchternd.

    Schmid: Liebe kann ja auch sehr viel, das will ich nicht in Abrede stellen. Liebe kann uns so zauberhafte Erfahrungen bescheren, die eben nicht so leicht zu ersetzen sind. Aber nur zauberhaft miteinander? Diese Erwartung ist völlig überhöht.

    Vielleicht ist das das Geheimnis der Mutterliebe, der Elternliebe? Da wissen wir: Es ist nicht immer nur schön miteinander, man ärgert sich auch mal gegenseitig.

    Schmid: Auch in der wahren Freundschaft ist das so: Dass Freunde sehr gut damit zurechtkommen, dass es nicht immer nur toll ist zwischen ihnen. Wenn doch etwas davon in die Liebe im engeren Sinne übernommen werden könnte! Das wäre wirklich ein sehr großer Vorteil.

    Kongress über die Liebe

    Die Akademie Heiligenfeld in Bad Kissingen ruft jedes Jahr bei einem Kongress Menschen zusammen, um sich zu einem fundamentalen Thema des Lebens auszutauschen – in diesem Jahr über „Liebe“. Im Bad Kissinger Regentenbau werden von 18. bis 21. Mai rund 1000 Teilnehmer erwartet.

    Mehr als 60 Referenten werden in über 20 Vorträgen und 40 Workshops aufzeigen, wie wir uns in einer durch Technikeinsatz geprägten Medizin und in einer profitorientierten Wirtschaftswelt mit Herzensgüte, Mitgefühl und mit Liebe begegnen können. Informationen zum Kongress gibt es unter www.kongress-heiligenfeld.de

    Restkarten sind noch erhältlich bei der Akademie unter Tel. (0971) 84-4600 oder per E-Mail an Info@Akademie-Heiligenfeld.de

    Wilhelm Schmid

    Wilhelm Schmid ist Philosoph und als Autor vieler Bestseller bekannt. 1953 in Krumbach in Schwaben geboren und mit fünf Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen, studierte Schmid in Berlin, Paris und Tübingen Philosophie – „um die Liebe zu verstehen“. 1991 promovierte er zu dem Thema, das ihn seither begleitet: die Lebenskunst. Daraus folgten, neben der „Philosophie der Lebenskunst“ (1998), bislang 14 weitere Bücher: über das Glück, das Unglück, die Liebe, die Suche nach dem Sinn des Lebens und nach mehr Gelassenheit.

    Seit 1980 lebt Schmid in Berlin. Er lehrte u. a. an den Universitäten in Leipzig, Berlin, Jena, Riga (Lettland) und Tiflis (Georgien). Zehn Jahre lang war er regelmäßig „philosophischer Seelsorger” im Schweizer Spital Affoltern am Albis. Heute ist er freier Philosoph und außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Erfurt.

    Philosoph und Schriftsteller Wilhelm Schmid
    Lebensthema Lebenskunst: der Philosoph und Schriftsteller Wilhelm Schmid. Foto: dpa

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