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    Münnerstadt

    Als Münnerstadt in den Fluten versank

    Das Deutschordensschloss und die gesamte Deutschherrnstraße standen unter Wasser.  Stadtarchiv Münnerstadt/Nachlass Josef Willmann
    Das Deutschordensschloss und die gesamte Deutschherrnstraße standen unter Wasser. Stadtarchiv Münnerstadt/Nachlass Josef Willmann

    Dieses Hochwasser war anders. Über Jahrhunderte ist die Lauer immer wieder über die Ufer getreten, der Schaden hielt sich aber meist in Grenzen, weil es natürliche Rückhaltebereiche gab, die allerdings nach und nach verschwanden. Dann kam der Mai 1969. Tagelang goss es in Strömen, der Wasserpegel stieg an. "Wir wussten, dass das Wasser steigt", erinnert sich Bernd Wohlfromm, dessen Vater damals ein Malergeschäft im Flachbau neben dem Deutschherrnkeller hatte. "Zum Mittagessen sind wir nach Hause in die Veit-Stoß-Straße gegangen, als wir zurückkamen stand alles unter Wasser ." Sehr schnell war das Wasser , das sich wieder einmal an der Lauerbrücke der B 19 staute, in die Untere Stadt gelaufen. Auch aus dem Talbach strömte es hinein.

    Noch sehr gut kann sich Bernd Wohlfromm daran erinnern, wie die Kasse im überfluteten Schreibtisch schwamm. "Wir haben dann eine Leine gespannt und die Geldscheine zum Trocknen aufgehängt." Der Deutschherrnkeller selbst, der damals schon hergerichtet, aber noch keine Gaststätte war, liegt noch tiefer. Durch Sandsäcke konnte er einigermaßen vor der Überflutung geschützt werden, bis dann die Sache mit dem Nagel passierte. Den hatte ein Handwerker in die Wand geschlagen, um seine Jacke aufhängen zu können, was Bernd Wohlfromms Vater ohnehin schon verärgert hatte. Denn damit hatte er die Teerschicht, die eigens wegen des Hochwasser eingebaut worden war, durchstoßen. An diesem Tag bröckelte plötzlich der Putz um den Nagel und das Wasser spritze im hohen Bogen in den Keller. "Das Wasser stand ja draußen viel höher", sagt Bernd Wohlfromm.

    Für die Kinder war die Überschwemmung natürlich ein Abenteuer. Die Bundeswehr , so erinnert er sich, brachte Bewohner der Zent mit Schlauchbooten von der Stadt über den riesigen See, der sich gebildet hatte. "Plötzlich wohnten alle Schüler auf der Zent, sie wollten auch mal mit dem Schlauchboot fahren." Er hätte sein Auto lieber bei der Firma Seger abstellen und das Schlauchboot in die Stadt nutzen sollen, sagt Wolfgang Blümlein dazu. Stattdessen ist er von Bad Neustadt einen riesigen Umweg nach Münnerstadt gefahren. Seine Schwester hatte ihn angerufen und gesagt, dass er nicht über die B 19 nach Hause kommt. Schlauchboot fahren konnte er an diesem Tag trotzdem noch, aber das gehört zu den unschöneren Erinnerungen. Wohl wegen der ganzen Aufregung hat ihn ein Hund kräftig in die Wade gebissen. Wolfgang Blümlein wurde per Boot zu Dr. Alzheimer gefahren, der ihm eine Tetanusspritze verpasste.

    Vor dem Haus des Allgemeinmediziners hat sich noch eine Szene abgespielt, an die sich Wolfgang Blümlein sehr gut erinnert. Eigentlich fuhr kein Fahrzeug mehr durch die Stadt, weil das Wasser einfach zu hoch stand, aber die amerikanische Besatzung eines Jeeps wollte es wissen. "Die dachten immer, sie können alles", sagt Wolfgang Blümlein. Und es kam, wie es kommen musste. Das Fahrzeug blieb stecken. "Da haben sie blöd geguckt, die Amis." Sauer sei Dr. Alzheimer geworden, weil beim Versuch, das Gefährt wieder anzulassen, Wasser an die Hauswand spritzte. "Schreibt euch mal die Nummer auf", soll er zu Nachbarn gerufen haben.

    Während solche Geschichten nach so vielen Jahren zum Schmunzeln anregen, fanden die Bewohner der Unteren Stadt die Überschwemmungen alles andere als lustig. Die Bewohner der unteren Stadt waren es ja durchaus gewohnt, dass das Wasser vor ihren Türen stand, die Ausmaße von 1969 waren so verheerend, dass sie sich jetzt vehement für eine Hochwasserfreilegung einsetzten. Allen voran Paul Hohmann. Er wohnt seit 1957 am exakt tiefsten Punkt der B 19, schrieb er einmal in einem Artikel über das Hochwasser im Vinculum. Er war nicht bereit, die Schäden hinzunehmen. Paul Hohmann musste erleben, "dass es mehr als schwer war, Fortschritte in einer Sache zu erzielen, welche den Verantwortlichen zwar gelegentlich lästig, kaum aber ein ernstes Anliegen war".

    Nach dem "Super-Gau-Hochwasser" von 1969 gründete sich eine Bürgergruppe, deren Sprecher Paul Hohmann war. Trotz allen Engagements passierte nichts. "Die von der Gruppe per Resolution zur Handlung aufgerufenen überörtlichen Behörden bis auf Landesebene hinauf ergingen sich in vorzüglich formulierter Nichtzuständlichkeit", schrieb Paul Hohmann. Beim Wahlkampf zur Bundestagswahl 1970 kam der damalige Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Holger Börner nach Münnerstadt . Paul Hohmann nutzte seine Chance, ging ans Rednerpult und überreichte einen Aufruf zur Hilfe samt "Bildband" über die Überschwemmungen. Auch wenn es noch ein harter Kampf war - damit war ein erster entscheidender Schritt getan. Der damals neue Bürgermeister Ferdinand Betzer führte am 25. Juni 1973 den ersten Spatenstich für die Hochwasserfreilegung aus. Schon zuvor hatte es vorbereitende Arbeiten gegeben, die aus heutiger Sicht von vielen Münnerstädtern bedauert werden. So ist beispielsweise der innerstädtische Lauerarm verrohrt worden.

    Seither blieb die Stadt von Hochwassern verschont. Damit das so bleibt, mussten erst kürzlich knapp 200 Bäume gefällt werden, die auf dem Hochwasserdeich gepflanzt worden waren.

    Thomas Malz

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