• aktualisiert:

    Staatsbad Brückenau

    Aus dem Schatten getreten

    Eine Überraschung gab es beim ersten Jahreszeitenkonzert des Kammerorchesters in Bad Brückenau: Rie Koyama und ihr langer Atem machen das Fagott zum Star des Abends.
    Solistin Rie Koyama begeisterte das Publikum  im Kursaal Bad Brückenau. Foto: Werner Vogel
    Solistin Rie Koyama begeisterte das Publikum im Kursaal Bad Brückenau. Foto: Werner Vogel

    Als Teil der Holzbläsergruppe ist diesem Instrument meist nur ein Mauerblümchendasein beschieden: Das Fagott ist im Orchester zuständig für die tiefen Töne, gefragt, Takt zu halten, Rhythmus zu betonen. Obwohl sein warmer Ton wunderbare Stimmungen vermittelt, kann es nur selten mit Solopassagen glänzen. "Divertimento," das Dreikönigskonzert im König-Ludwig-Saal rückt das Instrument in den Mittelpunkt eines Abends, der dem großen Fan-Kreis des Orchesters - der Kursaal war wieder gänzlich gefüllt - in Erinnerung bleiben wird. Divertimento als Musikform hat seine Blütezeit in der Wiener Klassik , steht für leicht heiteres Musizieren. Und so beginnt es dann auch: Mit Mozarts Divertimento F-Dur, geschrieben für Kammerorchester, zu festlichem Anlass, für eine hochgestimmte Gesellschaft.

    Für genau so einen inspirierenden Saal, wie dem Brückenauer Kleinod, scheint das Salzburger Genie seine Divertimenti geschrieben zu haben. Vielleicht nicht der allergrößte Wurf des 16-jährigen Wunderkindes, aber doch ein kleines Kunstwerk, das Dirigent Sebastian Tewinkel mit hoher Aufmerksamkeit, dirigiert. Mit deutlichen Hinweisen, aber angemessen leicht, achtet er auf die großen Bögen und so können seine Musiker die Melodien atmosphärisch dicht zusammenführen. Diese aufgeräumte Stimmung konnte und sollte so nicht bleiben. Nein, es wird zeitweise atemberaubend, denn Rie Koyama und ihr Fagott fegen heiteres Musizieren beiseite.

    Fingerakrobatik

    Was der 1997 verstorbene Jean Françaix, dem Instrument und dem Musiker abverlangt, gehört in die gerne mal "Hölleninstrumente" genannte Kategorie virtuosen Musizierens. Atemberaubende Läufe, rhythmische Raffinessen, langer Atem und hochkonzentrierte Fingerakrobatik sind gefragt. Die volksliedhafte Melodie des ersten Satzes verkompliziert das Fagott in rasende Läufe, um im langsamen 2. Satz dem Instrument endlich warme, lang schwebenden Töne zu gönnen. Abgelöst vom Vivo assai, wo das hetzende Instrument fast bedrohliche Szenarien entwirft. Musik, die zeitweise verschreckt und irritiert, 1942 mitten im Krieg komponiert. Im letzten Satz dann wieder fließende Melodien, die das Instrument wunderschön klingen lassen.

    Wie die junge Rie Koyama den Spagat zwischen klanglich abgestuften Raumwirkungen und den technischen Anforderungen vorwärtstreibender Läufe meistert, ist geradezu atemberaubend.

    Sebastian Tewinkel hat ein Gespür für solche Talente, kennt die aus einer japanischen Musikerfamilie stammende, in Deutschland aufgewachsene aparte junge Frau, von ihrem gemeinsamen Engagement beim Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim. Seit 2015 ist die 29-jährige Solofagottistin bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem Festivalorchester des Kissinger Sommer , kennt also unsere Region und ihre Musiktradition.

    Überraschende Tonsprünge

    Carl Maria von Webers "ungarisches" Andante und Rondo - von Michael Rot für Fagott und Streicher bearbeitet - zeigt die ganz Klangschönheit des Holzes. Beim Motiv des ersten Satzes im Solo immer wieder tanzend davoneilend, um vom Orchester lustvoll eingefangen zu werden. Endlich, im Rondo zeigt das Fagott, was es im Orchester nur selten darf: Mehrere kleine Themen mit langem Legato ausspielen.

    Klangvolle, weite Bögen und überraschende Tonsprünge, statt der sonst öfter zu hörenden, beliebig plappernden Staccati. Wohltuende Klangfarben zaubert Rie Koyama da. Nach der Pause ein Ohrwurm, den jeder kennt und dem Volkslied zuordnet. Er ist aber aus der Feder von Paul-Agricole Génin und sein "Carnaval de Venise" ist Gelegenheit für Rie Koyama, ihre brillante Virtuosität in etlichen Variationen der gleichen Melodie zu zeigen. Im Geiste summt der ganze Saal das Motiv des irgendwann unterlegten Textes "Mein Hut, der hat drei Ecken" X-fach mit.

    Von Sebastian Tewinkel vorsorglich angekündigt, schließt das Konzert nicht ganz so "Divertimento leicht". Béla Bartók Komposition für Streichorchester SZ 113 ist nämlich ein durchaus komplexes Werk mit verwickelten Melodiensträngen die sich wie zufällig begegnen. Höchste Aufmerksamkeit ist gefordert, um die unheilverheißend düstere Stimmung des 2. Satzes - kurz vor Ausbruch des Weltkrieges komponiert - sichtbar zu machen. Aber auch Gelegenheit, die Spannung zwischen Orchester und den Solopartien der einzelnen Streichergruppen hoch zu halten und da ist zu erleben, welch feine Musiker das Kammerorchester in seinen Reihen hat und wie einfühlsam und doch fordernd Tewinkel schon nach kurzer Zeit "sein" Bayerisches Kammerorchester nochmals vorangebracht hat.

    Für den Jubel und die Bravos bedankt sich das Orchester mit der "Divertimento leichten" Pizzicati Polka der Strauss Brüder als Zugabe!

    Werner Vogel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!