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    Bad Kissingen

    Azubis leiten Station

    Eine Überraschung erleben in diesen Tagen die Patienten der Gastroenterologie-Station am Bad Kissinger Helios-Krankenhaus St. Elisabeth: Statt jahrelang erfahrener Fachkräfte werden sie seit 31. August nur von den 20 Schülern des zweiten Ausbildungsjahren an der Berufsfachschule für Krankenpflege versorgt und gepflegt. Es ist bereits der 13. Lehrgang, in dem die angehenden Gesundheits- und Krankenpfleger in alleiniger Verantwortung jährlich wechselnde Stationen im Krankenhaus leiten.

    "So ganz allein sind unsere Schüler natürlich nicht", beruhigt Schulleiter Erhard Bieber. Erfahrene Praxisleiter stehen immer im Hintergrund, um allerdings nur wenn nötig eingreifen zu können. Die Patienten nehmen die alleinige Versorgung durch die Azubis gelassen. "Ich finde es gut", meint Nicole Löbnitz, als sie gerade von Julian Albert (19) versorgt wird, gibt aber gleichzeitig zu: "Es ist schon ungewöhnlich." Auch Irma Heinicke aus Langendorf (Gemeinde Elfershausen) unterstützt das Projekt der Jugendlichen: "Jeder muss doch mal lernen." Beide Patientinnen vertrauen auf die in den ersten zwei Schuljahren erfolgte Fachausbildung der jungen Pfleger, "sonst würden sie ja nicht auf uns losgelassen werden".

    Schüler Julian Albert bestätigt dies: Bevor die angehenden Gesundheits- und Krankenpfleger , die in ihren drei Lehrjahren insgesamt 2 100 Stunden in Theorie und mindestens 2500 Stunden in der Praxis abzuleisten haben, in eigener Verantwortung auf die Patienten der gastroenterologischen Station 4a "losgelassen" wurden, wurde der Einsatz sechs Wochen lang vorbereitet.

    Die Besonderheiten der in den zehn Tagen bis zum 9. September zu betreuenden Abteilung wurden erarbeitet und die einzelnen Aufgaben verteilt. "Wir durften auch Arbeitsabläufe ändern", verdeutlicht Julian die Selbstverantwortung der Schüler . Die Zimmer der Station wurden auf alle 20 Azubis aufgeteilt, von denen nun jeder in seiner Schicht eine Anzahl Patienten allein zu versorgen und zu pflegen hat. Auch der Einsatzplan wurde von den Schülerinnen und Schülern eigenständig festgelegt. "Dazu brauchten wir drei Anläufe", gibt Isabell Povollny (20) offen zu. Denn es war gar nicht so einfach, die freien Tage sowie die vorgeschriebenen Ruhezeiten und Pausen bei 20 Auszubildenden auf jeweils drei Schichten an insgesamt zehn Tagen zu verteilen.

    "Anfangs war es schwierig, die Routine zu finden", stellt Isabell rückblickend fest. Zwar verfügen alle über praktische Erfahrung in der Versorgung von Patienten . Es sei allerdings doch ein Unterschied, "ob man auf Anweisung handelt oder in eigener Entscheidung". Zwei bis drei Tage hat es gedauert, bis die Routine gefunden war und wirklich jeder wusste, welche Aufgaben vorrangig und in welcher Reihenfolge zu erledigen waren, bestätigen auch Julia und Julian. "Bei diesem Projekt erkennt man erst, was auf einer Station geleistet wird, und was alles dazu gehört", fasst Julian Albert seine Erfahrung der ersten Tage zusammen und ist begeistert, das bisher in Theorie und Praxis Erlernte nun eigenverantwortlich umsetzen zu dürfen. "Es ist schön, sich in diesen Tagen klar zu werden, was man schon alles gelernt hat", ist auch Julia Pitchenko (21) mit dem Projekt zufrieden. "Das motiviert für die weitere Ausbildung." Im Oktober beginnt ihr drittes und letztes Ausbildungsjahr.

    Selbst eine Lösung finden

    Wenn es trotz aller Begeisterung unter den Schülern mal an der einen oder anderen Stelle etwas hapern sollte, hilft man sich im Team gegenseitig. Wenn jemand bei bestimmten Handgriffen oder Aufgaben noch unsicher ist, stimmt man sich vorher ab oder übt noch einmal schnell gemeinsam. Isabell: "Für alles müssen wir selbst eine Lösung finden." Eine gemeinsame Manöverkritik gibt es bei jedem Schichtwechsel. Dann werden im bisherigen Ablauf erkannte Probleme offen besprochen und gemeinsam gelöst.

    Nur zehn Tage dauert das Projekt jeweils am Ende eines zweiten Schuljahres. Auch bei diesem 13. Mal sind die Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule für Krankenpflege offenkundig mit Einsatzfreude dabei. "Jedes Jahr hören wir Bedauern, wenn das Projekt zu Ende ist", weiß Schulleiter Bieber aus langjähriger Erfahrung .

    Für die Schülerinnen und Schüler sind diese zehn Tage eine wichtige Erfahrung . Aber wie reagieren die Patienten auf dieses Projekt? "Alle Patienten sind dankbar", versichert Julia Pitchenko und Isabell Povollny und Julian Albert nicken dazu bestätigend.

    Sigismund von Dobschütz

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