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    Bad Brückenau

    Bad Brückenauer bietet Markus Söder die Stirn

    Benjamin Wildenauer kandidiert als Ministerpräsident - ohne Aussicht auf Erfolg. Ein Gespräch über Politik, Datenschutz und das unvermeidbare Scheitern.
    Benjamin Wildenauer hat sich von der Piratenpartei als Ministerpräsident-Kandidat für die bayerische Landtagswahl aufstellen lassen. Foto: Ulrike Müller       -  Benjamin Wildenauer hat sich von der Piratenpartei als Ministerpräsident-Kandidat für die bayerische Landtagswahl aufstellen lassen. Foto: Ulrike Müller
    Benjamin Wildenauer hat sich von der Piratenpartei als Ministerpräsident-Kandidat für die bayerische Landtagswahl aufstellen lassen. Foto: Ulrike Müller

    Er ist 33 Jahre jung und kandidiert als bayerischer Ministerpräsident. Benjamin Wildenauer ist Herzblut-Pirat, Stadtrat in Bad Brückenau und Netzexperte. Seine Kandidatur, das sagt er selbst, ist mit viel Selbstironie gespickt, denn laut der bayerischen Verfassung darf der Ministerpräsident nicht jünger als 40 Jahre alt sein. "Warum eigentlich?", fragt sich Wildenauer und stellt gleich eine ganze Reihe anderer Dinge in Frage.


    Herr Wildenauer, warum haben Sie sich als Kandidat für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten aufstellen lassen?
    Benjamin Wildenauer: Uns ist aufgefallen, dass sich keine Partei traut, einen Ministerpräsidenten-Kandidaten aufzustellen mit dem Vorhaben, tatsächlich den Regierungschef zu stellen. Dass Söder Ministerpräsident werden soll, scheint völlig gesetzt zu sein. Das ist nicht Sinn der Angelegenheit. Damit verfestigen wir das ja schon royale Gebaren der CSU .

    Was haben Sie denn an Markus Söder auszusetzen?
    Er macht genauso wie die CSU unter Horst Seehofer viel, viel Symbolpolitik. Allein die bayerische Grenzschutzpolizei: Da wird von 1000 neuen Stellen geredet. Wäre es nicht sinnvoller, dieses Personal auf dem Land wie in Bad Brückenau einzusetzen, damit die Polizei häufiger Streife fahren kann? Auch die Initiative Bayernheim, mit der 10.000 bezahlbare Wohnungen geschaffen werden sollen, das lässt sich natürlich toll verkaufen. Aber dass ausgerechnet Söder 33.000 Wohnungen der Wohnungsbaugesellschaft GBW an private Investoren verkauft und das Ganze auf Vorgaben der EU geschoben hat, daran erinnert er sich offensichtlich selbst nicht mehr. Es war eine Lüge, dass die EU es verboten hat. Sie hat nur Auflagen gemacht.

     


    Ihre Kandidatur gilt als völlig aussichtslos. Warum kandidieren Sie trotzdem?
    Wir sind in den letzten Jahren als Partei etwas aus der öffentlichen Wahrnehmung gerutscht. Auf jeden Fall haben wir das Ziel erreicht, dass die Leute realisieren: Uns gibt's noch. Man muss das auch mit einer gewissen Selbstironie sehen. Wenn man so lange wie ich Politik macht, ohne entsprechende Wahlergebnisse zu verzeichnen, kann man schnell die Motivation verlieren. Und das wäre nicht gut.

    Warum überhaupt die Piraten?
    Es gibt keine Alternative. Die SPD hat hervorragende Netzpolitiker in ihren Reihen gehabt und dennoch hat sie nicht auf sie gehört. Die Grünen haben in der Ära Schröder alles mitgetragen bei den Anti-Terror-Gesetzen nach dem 11. September, auch in Sachen Hartz IV. Alles, was rechts ist, kommt für mich überhaupt nicht in Frage, genauso wie die FDP . Und Die Linke kommt nicht in Frage, wenn man sich anschaut, wie sich zum Beispiel Sahra Wagenknecht mit ihrer neuen Initiative "Aufstehen" zur Asylpolitik äußert. Da kommen einem Zweifel, ob das eine Bewegung oder eine reine Ein-Personen-Show sein soll.

    Wofür stehen Sie politisch?
    Ich weiß nicht, wie oft ich seit 2009 auf die Straße gegangen bin: Vorratsdatenspeicherung , das Polizeiaufgabengesetz oder das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz. Wo man hinschaut, werden Kommunikationsdaten, Bewegungsprofile und so weiter erfasst. Gleichzeitig werden die Hürden zur Verwendung dieser Daten zur Strafverfolgung herabgesetzt, auch ohne Terrorgefahr . Wir kritisieren an der europäischen Datenschutz-Grundverordnung, dass sie Probleme nicht wirklich anpackt. Was das Sammeln von Daten durch den Staat angeht, hat sie überhaupt keinen Einfluss.

     

     


    Sie sind ein sehr reger Stadtrat. Sie engagieren sich als Referent für Jugend und Transparenz, haben Freifunk in der Innenstadt auf den Weg gebracht und beide Partnerstädte besucht. Sie waren auch der einzige Stadtrat, der dem Appell des Bibliotheksleiters gefolgt ist und einen Tag an der Ausleihe ausgeholfen hat, um die Abläufe kennenzulernen. Was treibt Sie an?
    Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Mich hat es interessiert, was die den ganzen Tag in der Bibliothek machen. Und was die Städtepartnerschaft angeht: Ich bin ein glühender Verfechter Europas, daher bin ich der Ansicht, dass man solche kleinen Initiativen mit Leben füllen muss. Denn wenn es im Kleinen nicht funktioniert, wie soll es im Großen funktionieren?

    Wie gehen Sie damit um, wenn etablierte Politiker Sie belächeln?
    Natürlich ärgert es einen. Ich glaube, dass die etablierten Politiker nicht immer richtig einschätzen, was ich den ganzen Tag mache. Aber eigentlich ist es mir egal. Sollen sie mich doch belächeln.

    Das Gespräch führte Ulrike Müller.


    Biografie Benjamin Wildenauer wurde im Jahr 1985 in Bad Brückenau geboren. Er lernte Einzelhandelskaufmann und ist seit 2008 in einem Ingenieurbüro für Baustatik in der Verwaltung tätig.

     

     


    Politischer Werdegang Im Jahr 2009 trat Wildenauer in die Piratenpartei ein. Ab 2013 war er stellvertretender, seit Ende 2016 ist er Vorsitzender der Piratenpartei in Unterfranken. Ein Jahr später kandidierte er erfolglos bei der Bundestagswahl. Seit Mai 2018 ist er Politischer Geschäftsführer des Landesverbandes Bayern. Im Juli stellten die Piraten Wildenauer schließlich als Kandidaten für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten auf.

    Ämter Wildenauer sitzt seit 2014 für die SPD im Stadtrat von Bad Brückenau . Er hat das Referat für Jugend und Transparenz übernommen. Zudem ist er Beisitzer im Verein Europäische Städtepartnerschaften seiner Heimatstadt.

     

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    Ulrike Müller

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