• aktualisiert:

    Bad Brückenau

    Bad Brückenauer Liedermacher: "Kunst ist systemrelevant"

    Götz Widmann stammt aus Bad Brückenau. Im Interview erzählt er, wie er mit der Corona-bedingten Bühnenabstinenz umgeht - und warum ihn der Föderalismus sauer macht
    Götz Widmann ist gebürtiger Bad Brückenauer. Foto: Pauline Strassberger       -  Götz Widmann ist gebürtiger Bad Brückenauer. Foto: Pauline Strassberger
    Götz Widmann ist gebürtiger Bad Brückenauer. Foto: Pauline Strassberger

    Eigentlich wollte Götz Widmann auf Tournee sein, um sein neues Album 'Tohuwabohu' - das der gebürtige Bad Brückenauer noch kurz vor dem 'Corona-Lockdown' veröffentlichte - live zu präsentieren und gemeinsam mit den Fans zu feiern. Doch statt auf der Bühne zu stehen, befindet sich der Liedermacher und Label-Betreiber - wie so viele - in seinem 'Home-Office', das sich seit etwa zwei Jahren in Berlin befindet. Wie kommt er als selbstständiger Künstler und Musiker mit dieser besonderen Ausnahme-Situation zurecht?

    Herr Widmann, wo waren Sie, als die Corona-Pandemie ihren Lauf nahm?

    Götz Widmann: Ich war gerade im Urlaub, als das mit dem Virus im März so richtig losging. Ich hatte nämlich das unverschämte Glück, dass mein letztes Konzert schon Mitte Februar war. Ich habe aber ziemlich schnell begriffen, dass da etwas unterwegs ist, das meine Welt eventuell total verändern könnte.

    Wie haben Sie sich auf die neue Situation eingestellt?

    Ich fand und finde es sehr schwer, sich darauf einzustellen. Ich glaube, neben dem Tourismus sind wir Unterhaltungskünstler derzeit am meisten betroffen: Von heute auf morgen ist dein Beruf auf einmal ein kollektives Gesundheitsrisiko. Das fühlt sich sehr komisch an. Hier brechen gerade jede Menge Existenzen von großartigen Leuten weg, die unsere Gesellschaft eigentlich braucht. Kunst ist systemrelevant! Das ist zumindest meine Meinung. Am meisten Sorgen mache ich mir um die Clubs hier. Das sind sehr oft Projekte von Idealisten, die keine nennenswerte Rücklagen haben... und im Gegensatz zu Firmen wie Adidas , H&M oder Karstadt müssen die ihre Miete oft auch noch zahlen.

    Wie sieht momentan Ihr Alltag aus?

    Wissen Sie, seit Jahren träume ich davon, mal länger am Stück zu Hause zu sein und frei zu haben. Ich bin ja sonst eigentlich immer unterwegs. Jetzt darf ich es endlich erleben und dann fühlt es sich leider doch ganz anders an, als ich es mir vorgestellt habe. Ich hatte jetzt erst mal sehr viel damit zu tun, diese ganzen Absagen abzuwickeln. Man ist auf einmal arbeitslos und hat mehr Arbeit damit als sonst. Das ist eine ziemlich dumme Kombination.

    Beglücken Sie Ihre - wie viele andere Künstler - auch mit allerlei Internet-Aktivitäten oder nutzen Sie die Zeit mehr zum Innehalten?

    Zum Innehalten bin ich bis jetzt leider nicht gekommen. Ich habe sehr oft und intensiv mit alten Freunden kommuniziert. 'Soziale Isolation' war bei mir definitiv der falsche Begriff in letzter Zeit. Auf herkömmliche Konzert-Streams hatte ich von Anfang an keine Lust - Konzerte ohne Publikum finde ich noch trauriger als Fussball-Geisterspiele. Es ist aber trotzdem auch eine Zeit, um innovativ zu werden und sich etwas Neues einfallen zu lassen.

    Zum Beispiel?

    Ich habe mir gleich am Anfang das Ziel gesetzt, Live-Streams mit zugeschaltetem Publikum zu machen. Also mit Applaus, Lachen und Zwischenrufen aus den Wohnzimmern und Küchen der zugeschalteten Leute. Das ist technisch aber extrem kompliziert, weswegen ich im Netz einen Aufruf gestartet habe, mir dabei zu helfen. Ich freue mich nach wie vor, wenn sich jemand auf diesen Aufruf meldet. Aber ich glaube, wir kriegen das irgendwie hin...

    Wann und wie wollen Sie die abgesagten Konzerttermine nachholen?

    Warten wir mal ab. Im Moment gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es ab Herbst vielleicht doch wieder Konzerte geben kann. Es gibt aber auch ernstzunehmende Stimmen, die behaupten, dass es ohne einen Impfstoff auch keine Konzerte geben wird, was für mich gar nicht mal so unwahrscheinlich klingt.

    Was raten Sie Ihren Fans, die Karten für abgesagte Konzerte gekauft haben?

    Alle Künstler, Veranstalter und Clubs freuen sich über jeden, der seine Karten erst einmal behält. Kartenrückgaben sind ein riesiger bürokratischer Aufwand für alle Beteiligten und kostet nochmal extra wegen diverser Bank- und Vorverkaufsgebühren ... Also, wer uns helfen will, behält sein Karten! Wir werden uns dann mit ganz großer Euphorie bei allen Fans bedanken, wenn es endlich weitergeht.

    Wie bewerten Sie die finanziellen Hilfen vom Staat für Kulturschaffende?

    Erst einmal haben sich alle darüber sehr gefreut . Es war ja wirklich schnell und unbürokratisch und hat den Leuten in einer ganz schweren Zeit ein wenig Hoffnung gegeben. Jetzt spricht sich aber gerade unter den Künstlern herum, dass wir das Geld - entgegen ursprünglicher Behauptungen - am Ende doch wieder zurückzahlen müssen. Das wäre dann mal wieder so ein echtes Beispiel von Hilfe, die alles noch viel viel schlimmer macht. Aber keiner weiß etwas Konkretes,.... Ganz schlimm finde ich es auch, dass es in jedem Bundesland anders ist. Wie ineffizient und unfair ist das denn!?

    Wieso?

    Ich empfinde es als ein ganz übles Armutszeugnis, dass wir ausgerechnet bei so einer Krise wieder den allerschlimmsten Föderalismus und Nationalismus auspacken müssen. Es wäre genau jetzt der Moment, endlich einmal als Europäer - ja, vielleicht ja sogar als Weltbürger - zu denken und zu handeln. Das wäre doch gesundheitlich und ökonomisch so viel sinnvoller, als diese ganze geistige Kleinstaaterei. Ich bin derzeit wirklich nicht stolz darauf, ein Deutscher zu sein, wenn ich sehe, wie wir mit unseren südlichen Nachbarstaaten im Moment ihrer größten Not umgegangen sind. Das ist kurzsichtig, dumm und langfristig sehr teuer. Die Anti-Europa-Populisten kriegen gerade eine Menge Rückenwind in Frankreich, Italien und Spanien. Es wäre sehr viel intelligenter und weitsichtiger, da jetzt Solidarität zu zeigen.

    Machen Sie sich generell Sorgen über Ihre weitere Zukunft?

    Ich habe in den letzten Wochen gelernt, dass alles, was ich heute an schlauen Sprüchen in die Welt hinausblase, schon morgen naiver Quatsch sein kann, deswegen bin ich da lieber vorsichtig. Für uns freiberufliche Künstler und unsere Partner in den Clubs und Theatern kommen definitiv härtere Zeiten. Ich bin absolut kein Freund von subventionierter Kunst, aber wenn für unsere Spielstätten nicht etwas getan wird, dann werden ganz viele davon in den nächsten Monaten jämmerlich verrecken.

    Lassen sich Ihrer Meinung nach aus der gegenwärtigen Krise vielleicht auch Chancen auf eine bessere Zukunft ableiten?

    Ein paar Chancen gibt es immer. Und der Himmel über Berlin war zuletzt manchmal wirklich so blau, wie ich ihn vorher noch nie gesehen habe. Trotzdem wird zumindest meine Generation das wahrscheinlich als die größte Katastrophe ihres Lebens in Erinnerung behalten - denn einen Krieg haben wir ja zum Glück bis jetzt nie erlebt.

    Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die nächste Zeit...?

    Mich haut so schnell nichts um. Ich hoffe nur, dass alle gut auf sich aufpassen und es irgendwann wieder vorbei ist. Bis dahin: So weit es geht zuhause bleiben, Hände waschen und regelmäßig die Oma anrufen...

    Interview: Thorsten Hengst

    Zwei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Bad Kissingen-Newsletter!

    Redaktion

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!