• aktualisiert:

    Bad Kissingen

    Bad Kissingen: Orthodoxe sorgen sich um ihre Kirche

    Die russische Kirche ist sanierungsbedürftig. Das Dach ist undicht, historische Fenster und die Ausmalungen im Innern müssen restauriert werden. Das stellt die Verantwortlichen vor erhebliche Schwierigkeiten.
    Priester Alexej Lemmer steht vor großen Herausforderungen im Zusammenhang mit den anstehenden Sanierungsarbeiten. Foto: Benedikt Borst       -  Priester Alexej Lemmer steht vor großen Herausforderungen im Zusammenhang mit den anstehenden Sanierungsarbeiten. Foto: Benedikt Borst
    Priester Alexej Lemmer steht vor großen Herausforderungen im Zusammenhang mit den anstehenden Sanierungsarbeiten. Foto: Benedikt Borst

    Dimitrij Rahr hat nie in Bad Kissingen gelebt, dennoch verbindet ihn einiges mit der Stadt - genauer gesagt mit der russisch-orthodoxen Kirche. Rahr ist Vorsitzender der "Bruderschaft des heiligen Fürsten Wladimir". Die Bruderschaft ist ein kleiner karitativer Verein. Sie ist in Deutschland und Russland aktiv, hat vor 120 Jahren den Bau der Kirche in der Salinenstraße finanziert und ist bis heute als Eigentümer verantwortlich.

    "Mich verbindet aber vor allem viel Familiengeschichtliches mit dieser Kirche", erzählt Rahr. Seine Geschwister haben alle hier geheiratet, vor allem aber stand sein Vater Gleb Rahr (1922 - 2006) der russischen Kirche in Bad Kissingen nahe. Gleb Rahr war KZ-Überlebender. Nach Kriegsende im Sommer 1945 traf sich die Familie in Unsleben (Rhön-Grabfeld) wieder. "Aus Dank sind mein Vater und sein Bruder nach Bad Kissingen in die Kirche gefahren", erzählt Dimitrij Rahr. Sie war wie viele andere Gebäude in der Stadt voller Flüchtlinge. "Mein Vater hat dann auf einem Holztisch im Gemeinderaum geschlafen, der heute noch dort steht", sagt er.

    Wasserschaden im Allerheiligsten

    Die Bruderschaft und auch die orthodoxe Gemeinde in Bad Kissingen stehen aktuell vor einigen Herausforderungen. Das Kuppeldach ist bereits seit längerem undicht, berichtet Priester Alexej Lemmer. "In den vergangenen Jahren hat es immer wieder in die Kirche getropft." Aufgrund des undichten Gewölbes hat es bereits einen größeren Nässeschaden im Altarbereich gegeben. An verschiedenen Stellen im Kircheninnenraum beginnt der Putz von den Wänden zu blättern. Erschütterungen durch Bauarbeiten in der Nachbarschaft hätten zu Rissen in den bunten Wandausmalungen geführt.

    Seit Oktober steht ein Gerüst an der Kirche, über das die Arbeiter die Kuppel ausbessern. "Das große Problem sind die acht Fenster in der Kuppel", sagt Lemmer. Die Rahmen und Verstrebungen sind nach 120 Jahren total verrostet. Die Fenster können aber nicht einfach durch neue ersetzt werden. Aus Denkmalschutzgründen müssen sie ausgebaut, restauriert und dann wieder eingesetzt werden. Das ist laut Lemmer allerdings nicht von außen möglich. Die Arbeiter stellen dafür in den nächsten Wochen ein Baugerüst im Kirchenraum auf. Sind die Fenster und das Dach erneuert, arbeitet im Anschluss ein Restaurator die Fresken an den Wänden auf.

    Im Außenbereich wird zudem eine Drainage gelegt, die den Keller vor eindringender Nässe schützt. Unter der Kirche befindet sich noch ein kleinerer Saal, den die Gemeinde als Abstellfläche nutzt. Auch hier gab es in der Vergangenheit Probleme mit Nässe und Schimmel. "Ein Saal unter dem Kirchenraum ist bei russischen Kirchen üblich", erklärt Lemmer. Dort können kleinere Feiern wie etwa Taufen abgehalten werden. In Kissingen wurde so ein Saal zwar angelegt, war bislang allerdings noch nicht fertig ausgebaut. Die Bruderschaft finanziert sich überwiegend aus Spendengeldern. Die hohen Sanierungskosten "sind für uns eine kleine Katastrophe", sagt Rahr. Die Bruderschaft sieht sich gezwungen, ein Darlehen über 300 000 Euro aufzunehmen. "Es muss sein. Die Schäden sind gravierend. Um die Kirche ist es sonst schlecht bestellt", meint er.

    Vorübergehend nicht nutzbar

    Während der Sanierungsarbeiten im Innern wird die Kirche den Gläubigen nicht zur Verfügung stehen. Sechs bis acht Wochen Dauer sind für die Fenster veranschlagt. Wie lange die Arbeiten an den Ausmalungen dauern, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Für den Priester kommt erschwerend hinzu, dass die Gemeinde für das Osterfest am 19. April vermutlich auf einen anderen Ort ausweichen muss. "Da müssen wir uns noch überlegen, wie wir das machen", sagt Lemmer.

    Der Priester überlegt, wie er mit den Aufgaben umgeht, die sich aus der Sanierung der russischen Kirche (siehe) für die kleine orthodoxe Gemeinde ergeben. Rund 100 Gläubige kommen im Normalfall zu einem Gottesdienst in das Gotteshaus in der Salinenstraße, erzählt er. An Hohefesten wie an Ostern , Weihnachten oder zum Patronatsfest nehmen bis zu 250 Gläubige an der Liturgie teil. Viele Gläubige fahren aus einem Umkreis von 100 Kilometern dafür nach Bad Kissingen . "Die Gemeinde besteht aus etwa 200 Familien, die regulär kommen", sagt er. Zu ihr gehören orthodoxen Russen, Kasachen und Ukrainer, aber auch Rumänen, Serben und Griechen. "Wir haben eine bunte Gemeinde."

    Der Kirchenraum wird während der Arbeiten an den Kuppelfenstern und an den Ausmalungen nicht nutzbar sein. Der Priester braucht einen Ausweichraum. An den hohen Feiertagen reicht der Platz in der Kirche oft nicht aus, um alle Gläubigen aufzunehmen. Wer keinen Platz im Innern der Kirche findet, feiert dann den Gottesdienst vom anschließenden Gemeinderaum oder vom Eingangsbereich aus mit. Für das Zusammensein nach dem Gottesdienst griff die orthodoxe Gemeinde dann auch schon oft auf andere Räumlichkeiten in der Stadt zurück, etwa im evangelischen und katholischen Gemeindehaus oder auch im Jugendzentrum.

    Weil aber ein großer Anteil von Nicht-Bad Kissingern die Kirche besucht, die sich in der Stadt nicht auskennen, will Lemmer die Gottesdienste nach Möglichkeit auch trotz der anstehenden Bauarbeiten in der Kirche abhalten. Er überlegt, "den Saal unter der Kirche provisorisch dafür herzurichten." Langfristig solle der Saal ohnehin ordentlich ausgebaut werden. Auch ein Anbau für ein größeres Gemeindehaus steht auf der Wunschliste des Priesters. Platz auf dem Gelände wäre vorhanden, "Ideen haben wir auch, aber es fehlt das Geld."

    Bruderschaft weit verstreut

    Wie die Bruderschaft finanziert sich die Kirchengemeinde nahezu ausschließlich über Spenden. Ihre finanziellen Mittel langen gerade, um die nötigsten Arbeiten für den laufenden Unterhalt zu bestreiten. Weniger drängende Arbeiten müssen geschoben werden. "Die Treppenanlage müsste gemacht werden und auch der historische Zaun", berichtet Lemmer. Dafür reiche das Geld allerdings nicht aus.

    "Wir sind froh, dass sich eine lebendige Gemeinde entwickelt hat", lobt Dimitrij Rahr, Vorsitzender der Bruderschaft. Die orthodoxe Gemeinde trage viel dazu bei, die Kirche zu unterhalten. Die Bruderschaft kümmere sich nach ihren Möglichkeiten, aber die sind begrenzt und zwar nicht nur finanziell. 50 Mitglieder habe der Verein aktuell, die verstreut in Europa und Amerika leben. Rahr selbst wohnt in Luxemburg und kommt einmal im Jahr nach Bad Kissingen . "Wir verstehen uns als karitativen Verein mit Geschichtsbewusstsein. Aber für uns ist es einfach schwer, sich zu kümmern", sagt er. Er hofft auf Spendenbereitschaft und darauf, dass sich Unterstützer für einen bereits vor einigen Jahren gegründeten Förderverein finden.

    Zur Bruderschaft und zur russischen Kirche

    Bruderschaft Die "Bruderschaft des heiligen Fürsten Wladimir" wurde 1890 in Berlin gegründet. Zu den Aufgaben gehörte auch der Bau und die Unterhaltung russisch-orthodoxer Kirchen in Deutschland. Seit 1961 ist Bad Kissingen Vereinssitz. Die Bruderschaft hat rund 50 Mitglieder.

    Eigentum Neben der Kirche in der Salinenstraße besitzt die Bruderschaft die russische Kirche in Bad Nauheim, sowie den russischen Friedhof samt Friedhofskapelle in Berlin Tegel. Ferner kümmert sie sich um die ehemalige Bruderschaftskirche im schlesischen Görbersdorf, die Polen nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt hat.

    Russische Kirche 1856 gab es in Bad Kissingen erste Überlegungen für eine russische Kirche. Gebaut wurde sie allerdings erst von 1898 bis 1900. 1901 wurde die Kirche geweiht und 1914 nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wieder geschlossen. Alle russischen Staatsangehörigen mussten Deutschland verlassen, das Vermögen der Kirche wurde eingezogen, die Glocken wurden beschlagnahmt. Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg nutzte wieder eine kleine russische Gemeinde die Kirche. 1948 wurden erstmals die Fresken im Kirchenraum restauriert. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und durch den Zuzug vieler deutschstämmiger Aussiedler wuchs die Gemeinde wieder. 1997 fanden größere Renovierungen statt, 2007 wurden die Glocken neu gestiftet.

    Spenden Spenden an die Gemeinde sind möglich an "Russische Orthodoxe Kirche im Ausland", IBAN: DE46 7935 1010 0008 2767  50, BIC: BYLADEM1KIS. Wer die Bruderschaft bei der Sanierung unterstützen möchte, spendet an das Konto mit folgender IBAN: DE90 7935 1010 0000 0430 83, BIC: BYLADEM1KIS. Wer sich im Förderverein einbringen möchte, erhält Informationen bei Dimitrij Rahr per Email unter dimarahr@yahoo.de oder bei Alexej Lemmer (Tel.: 0152/ 3414 0208).

    Zwei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Bad Kissingen-Newsletter!

    Benedikt Borst

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!