• aktualisiert:

    Bad Kissingen

    Bad Kissingen: Wie eine neue Oper Trauerarbeit leisten kann

    Die Mezzosopranistin Lena Belkina sang den Orfeo. Fotos: Gerhild Ahnertt
    Die Mezzosopranistin Lena Belkina sang den Orfeo. Fotos: Gerhild Ahnertt

    Es lag eine große Spannung in der Luft des Rossini-Saals. Denn es stand die Uraufführung einer Auftragskomposition des Kissinger Sommers (das hatte es außerhalb der LiederWerkstatt noch nie gegeben) bevor: Christoph Willibald Glucks "Orfeo ed Euridice" in einer Neufassung von Damian Scholl.

    War das nötig? Nein und ja. Nein, denn die Oper hat die letzten 257 Jahre gut überstanden und wird das auch weiterhin tun. Ja, wenn man die Oper aus der Denkmalpflege herausholen will, um sie im Hier und Jetzt zu nutzen. Denn wenn man die Geschichte des Sängers Orpheus, der in den Hades hinuntersteigt, um seine geliebte Euridice aus dem Tod wieder ins Leben zu holen, dabei an den strengen Regeln scheitert, aber dank Amors Eingreifen seine Geliebte doch wiederbekommt, dann fiel das in der Antike in den Bereich der Allegorie, heute in den Bereich der Trauerarbeit .

    Was hat Damian Scholl gemacht? Er hat zunächst einmal Eurydike, Amor und den Chor - er wurde durch vier Bläser ersetzt - gestrichen, die ohnehin keine großen Textanteile haben und die innere Handlung ganz auf Orpheus fokussiert und insgesamt die Oper etwas gekürzt. Von Gluck übrig geblieben sind Rezitative und Arien, die in das Innere von Orpheus blicken lassen, die ein Psychogramm ermöglichen. Und er hat sie mit seinen "Orfeo Reflections" zu einer hochgradig spannenden Klang- und Geräuschcollage verbunden, zum Teil auch vermischt, und hat so Orpheus' schweren Weg nicht mehr in den Hades, sondern in die totale Verzweiflung erfahrbar gemacht. Damit hat er Gluck nicht beschädigt, sondern intensiviert. Dabei sind faszinierende, hochgradig moderne, zielgerichtete und daher verständliche Klangbilder entstanden, auch und vor allem in der Berührung und Vermischung mit der alten Musik .

    Eine echte Herausforderung für die Musiker . Die Mezzosopranistin Lena Belkina sang den Orpheus mit einem tollen Timbre und umwerfender Expressivität. Die Harfenistin Lucie Delhaye leuchtete zum Teil mit elektronischer Hilfe die Hintergründe von Orpheus' musikalischen Äußerungen mit der Leier aus.Unter der nüchternen und deshalb effektiven Leitung von Andrea Sanguineti spielte ein 15-köpfiges Streicher- und Bläserensemble, hochkonzentriert über fast zwei Stunden - seine diffizilen, stark auf Effekte gerichteten Stimmen, den Melodie gab es nur bei Gluck. Und Damian Scholl steuerte von hinten die Geräuscheinspielungen.

    Bei Damian Scholl hat die Geschichte kein unmittelbares, sondern ein verzögertes Happy End außerhalb oder nach der Oper . Bei ihm bekommt Orpheus die Geliebte nicht wieder. Die berühmte Arie "Che farò senza Euridice", die bei Gluck Orpheus erst in Gang bringt, hat Damian Scholl ans Ende gestellt. Und sie wird immer langsamer, immer leiser, immer ferner. Am Ende hat Orpheus losgelassen, kehrt zurück in die Realität der Gegenwartsgeräusche. Was kann Trauerarbeit mehr bewirken? Am Ende gab's stehende Ovationen - bei Neuer Musik !

    Thomas Ahnert

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!