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    Münnerstadt

    Bescherung schon vor dem Fest

    Die Münnerstädter Litera(n)ten präsentierten in ihrem Weihnachtsprogramm eine Zeit, die davor und auch kurz danach auch ein Fest von und für Nervensägen in der Großfamilie sein kann.
    Münnerstädter Litera(n)ten Bernt Sieg, Bärbel Fürst und Jens Müller-Rastede sorgten für einen amüsanten Abend.  Foto: Hartmut Hessel       -  Münnerstädter Litera(n)ten Bernt Sieg, Bärbel Fürst und Jens Müller-Rastede sorgten für einen amüsanten Abend.  Foto: Hartmut Hessel
    Münnerstädter Litera(n)ten Bernt Sieg, Bärbel Fürst und Jens Müller-Rastede sorgten für einen amüsanten Abend. Foto: Hartmut Hessel

    Setzen, die Sechste! Das Weihnachtsprogramm der Münnerstädter Litera(n)ten Bernt Sieg, Bärbel Fürst und Jens Müller-Rastede geht ins siebente Jahr. Spätestens dann müssten sich deutliche Neuerungen ergeben, "Traditionen gebrochen werden", wie es Bärbel Fürst bei der Verabschiedung verkündete. Denn die Vorstellung hatte es textlich wieder in sich, die Szenen boten Überraschendes, weil zum Beispiel Bernt Sieg zur Gitarre griff und den Ausspruch " Weihnachten ist schön!", mit gefühlt einem Akkord kräftig untermalte. Das Bekenntnis von Jens Müller-Rastede, "meine Geige vor 50 Jahren beiseitegelegt" zu haben, war fürs Publikum durchaus nützlich. Die aus der Sakkotasche hervorgeholte Glocke, verbunden mit dem Weihnachtsschlager "Kling, Glöckchen, klingeling ...", brachte Publikum und Lesungstrio sehr schnell zusammen. Jedenfalls die, die zwei Stunden vor Beginn schon ihren Platz besetzt und vielleicht für den einen oder anderen noch ein Plätzchen reservieren konnten.

    Keller war rappelvoll

    Erstmals war deutlich zu spüren, dass Unmut entsteht, dass Gäste in Anbetracht der Enge den an sich sehr gemütlichen Keller noch vor Beginn wieder verlassen. Neugierige, die erst kurz vor Beginn die Lesung erstmals besuchen wollten, hatten keine Chance, da jede auch noch so unbequeme Sitzgelegenheit erobert war. Im Pausengespräch mit den Litera(n)ten war dann auch deutlich der Wille zu einer Veränderung zu spüren. Mindestens eine Lesung soll 2020 in der barrierefreien Alten Aula stattfinden, und der Kellerstimmung wegen ist angedacht, ein Programm an zwei Abenden hintereinander zu realisieren. Die Kulturfreunde und nicht wenige Gäste aus der Region haben die aus den "else!"-Projekten hervorgegangene Gruppe auf eine Erfolgswoge gehoben und alle wünschen sich, dass sie möglichst lange dort bleiben.

    "Kling, Glöckchen, klingeling!" " Jens, höre damit auf, es nervt!", weiß Bernt Sieg, weil Weihnachten , die Zeit davor und auch kurz danach, eben ein Fest von und für Nervensägen in der Großfamilie sein kann. Wer weiß davon besser zu berichten als Erich Kästner (1899 bis 1974), der große deutsche Schriftsteller, der ein Interview mit dem Weihnachtsmann führte und dabei viel aus seinem Innenleben preisgab. Hartnäckig wollte der Journalist Kästner, der er im wirklichen Leben auch war, wissen, was er so in den anderen Monaten mache, in denen er nicht der Geschenkekurier mit globaler Bedeutung sei. "Im Sommer bin ich Bademeister und gebe Schwimmunterricht!" Na, wenn das keine Sommerfreude für die Kleinen ist, die am Beckenrand nun den Herrn mit weißer Short, zwar ohne Bart als künftigen Heilsbringer in der Weihnachtszeit anhimmeln.

    Die Litera(n)ten geben sich in den wechselnden Rollen die Klinke in die Hand, sie erzählen und sind auch gleich die Person, die ihnen die Sätze in den Mund legt. Das Gedicht "Feiertag" des Wortakrobaten Hanns Dieter Hüsch, ein vielfach ausgezeichneter Kabarettist und Schauspieler, gibt in achtzehn Versen einen eher seelisch grausamen Blick auf die Weihnachtstage. Der Höhepunkt ist jedoch "die Bescherung", deren Ablauf Hanns Dieter Hüsch als eigene Familiengeschichte wiedergegeben hat. Jeder in der Familie hat vor der Bescherung sein Geheimnis, versucht in letzte Minute zu retten, was zu retten ist und bringt ständig Vater in Bedrängnis, der einen wunderschönen Baum gestalten will. Jedes Jahr was Besonderes, leider aber immer gleich.

    Die Küche, der Festtagsbraten wird von zwei Schriftstellerinnen köstlich beschrieben. Christine Nöstlinger lässt den Kochbuch haltenden Ehemann wählen zwischen "Languste oder Lachs" und ist dabei selbst die große Bedenkenträgerin. Am Ende gibt es das, was es seit 30 Jahren am 24. Dezember in der Familie gibt - Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Feld-Salat. Kennt jeder, mag jeder!

    Weihnachtsbraten und mehr

    Mit Margret Rettichs " Weihnachtsbraten " wird von den Litera(n)ten den anwesenden Vegetariern DIE Weihnachtsgeschichte vorerzählt. Nämlich, dass ein Lebewesen, dessen Zweck und Endzeit vorbestimmt zu sein scheint, bei gegenseitiger Vertrautheit eher zum Freund wird. Nachhaltig bleibt das einst als Genussmittel auf dem Weihnachtsesstisch zur Schau gestellte Tier für die Zukunft im Stall und kreiert damit eine neue Esskultur.

    Amüsiert von Erich Kästner sind die Kenner allemal. Die "Geschichte von der Platte" aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts muss erst übersetzt werden, nämlich in den Technik-Sprech der 2000er Jahre. Es bleibt die Erkenntnis, dass selbst vertonte Weihnachtsgrüße auf einer Schellackplatte oder das Whatsapp-Gebrabbel überlegt sein muss, wenn Missverständnisse vermieden werden sollen. In Kästners Geschichte hat die Tante jedenfalls das Testament geändert. Bleiben am Ende doch noch Theodor Fontanes Worte aus dem Beginn der Lesung hängen: "Weiß sind Türme, Dächer, Zweige, und das Jahr geht zur Neige, und das schönste Fest ist da."

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    Hartmut Hessel

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