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    Bad Kissingen

    Burkhard Hose kommt zur Lichterkette nach Bad Kissingen

    Wir haben mit Hochschulpfarrer und Buch-Autor Burkhard Hose über Humanität, Engagement und Kirche gesprochen.
    Immer wieder geht Hochschulpfarrer Burkhard Hose mit und für Geflüchtete auf die Straße. Der Träger des Würzburger Friedenspreises appelliert an Christen, sich für Humanität und Mit-Menschlichkeit einzusetzen. Foto: Daniel Peter/Archiv       -  Immer wieder geht Hochschulpfarrer Burkhard Hose mit und für Geflüchtete auf die Straße. Der Träger des Würzburger Friedenspreises appelliert an Christen, sich für Humanität und Mit-Menschlichkeit einzusetzen. Foto: Daniel Peter/Archiv
    Immer wieder geht Hochschulpfarrer Burkhard Hose mit und für Geflüchtete auf die Straße. Der Träger des Würzburger Friedenspreises appelliert an Christen, sich für Humanität und Mit-Menschlichkeit einzusetzen. Foto: Daniel Peter/Archiv

    Am Internationalen Tag der Menschenrechte, Montag, 10. Dezember, ist eine Lichterkette durch Bad Kissingen geplant. Katholische und evangelische Christen , der Integrationsbeirat der Stadt Bad Kissingen und andere Bürger wollen damit ein Zeichen für ein offenes Miteinander der Kulturen, Nationen und Religionen sowie gegen Ausländerfeindlichkeit, Nationalismus und Radikalismus in Deutschland setzen. Die Organisatoren rund um Initiator Pfarrvikar Matthias Karwath und Ana-Maria Benevides-Werner vom Integrations-Beirat haben Burkhard Hose (51) eingeladen. Der aus Hammelburg stammende Hochschul-Pfarrer ist Inhaber des Würzburger Friedenspreises. Im Interview haben wir über seine Bücher und den Einsatz für Menschenrechte gesprochen. Was erwarten Sie sich von der Lichterkette in Bad Kissingen ?Ich habe gerne zugesagt, weil den Initiatoren wichtig ist, dass auch wir als Christen nochmal deutlicher auch auf der Straße sichtbar machen, dass wir für Humanität eintreten. Darum wird es an dem Tag gehen. Es beginnt in einer Kirche und es endet in einer Kirche, und dazwischen sind wir auf der Straße. Das sind genau die richtigen Akzente: Erstens glaube ich, dass die Zeiten längst vorbei sind, wo wir uns als Kirche nur mit uns selbst beschäftigen, wir gehören auf die Straße. Zweitens braucht es gerade diese Verbindung: Es braucht die Zeit des Innehaltens, es braucht solche symbolischen Momente, wie Lichter entzünden. Das ist keine Realpolitik, aber soll die Hoffnung nähren, dass eine mitmenschlichere Gesellschaft möglich ist und dass wir als Christen etwas dazu beitragen können. Das finde ich ganz wichtig!

    Wie viel Einsatz für Geflüchtete steckt in Ihrer Stelle in der Katholischen Hochschulgemeinde?Es gibt große Überschneidungen, weil es in der KHG einen großen Asyl-Arbeitskreis gibt, also viele Studierende, die sich in dem Bereich engagieren. Es ist also ein Teil meiner Arbeit, aber die Grenzen sind fließend: Gerade wenn man als Priester arbeitet, gibt es ja keine genaue Dienstbeschreibung wie bei anderen Berufen. Im weitesten Sinne gehört da auch vieles zu meiner priesterlichen Tätigkeit dazu.

    Inwieweit ist diese Arbeit auch Seelsorge ?Das ist ganz klar Seelsorge : Immer dann, wenn es um konkrete Nöte von Menschen geht, dann geht es auch um ihr Seelenheil, um mal den alten Begriff zu verwenden. Es geht um ganzheitliche Fragen, die das Leben der Menschen ausmacht. Gerade wenn es um existenzielle Dinge geht, wie das Thema Flucht, das Thema Tod, das Thema Krieg ist das Seelsorge im engeren Sinn.

    Rund um Flucht und Asyl scheint es im Moment eher ruhiger zu werden, es überwiegt die Aufregung über die AfD, oder?Es ist nur von außen her betrachtet ruhig. Wir haben viele Menschen, deren Nöte eher größer geworden sind in den vergangenen zwei Jahren, weil sie tagtäglich von Abschiebung bedroht sind. Viele Menschen hier aus Afghanistan zum Beispiel müssen mit diesem Damoklesschwert leben. Und das betrifft sie als erste, aber auch die Menschen, die mit Ihnen zu tun haben, im Umfeld oder als Ehrenamtliche. Da hat die Belastung zugenommen.

    Haben Sie Sorge, dass Fremdenhass in Teilen der Bevölkerung zur Normalität wird?Aus meiner Warte ist das Schlimme, dass sich viele in der Außenansicht mit der aktuellen Situation abgefunden haben. Aber ich finde mich damit nicht ab, wie viele andere übrigens auch nicht.

    Gibt es Erfolgserlebnisse?Sehr viele, ja. "Erfolgserlebnisse" sind immer konkrete Erlebnisse mit Geflüchteten, wenn ich erlebe, dass Menschen doch in diesem schwierigen System unter schwierigen Umständen ihren Weg gefunden haben. Ich denke zum Beispiel an einzelne aus dem Programm, das wir vor drei Jahren begonnen haben, für syrische Geflüchtete, die studierfähig waren, die also schon in Syrien studiert haben und hier weiter studieren wollten. Da sind jetzt nicht alle in dem Programm gelandet, das wir damals mit der Uni begonnen haben, aber alle haben ihren Weg gefunden - auch durch die intensive Begleitung. Das zeigt für mich: Es lohnt sich wirklich, Menschen auf ihrem Weg intensiv zu begleiten und Geld in die Hand zu nehmen, weil das tatsächlich sehr schnell auch wieder zurück kommt.

    Und in der Hochschulgemeinde?Viele entdecken hier, dass es nicht nur auf den schnellen Hochschulabschluss und den tollen Job ankommt, sondern auch darauf, etwas für die Gesellschaft zu leben und sich zu engagieren. Da übernehme ich eine Zunahme an politischen, aber auch an mitmenschlichem Engagement. Da nehme ich eine Gegenbewegung zur AfD und zu den neuen Rechten wahr, die sich für Menschenrechte, für die Seenotrettung stark macht, Solidaritätskundgebungen organisiert oder ganz konkret im Alltag Leuten beisteht. Das macht mir echt Hoffnung und ist für mich ein "Erfolg".

    Sorgen Sie sich gerade nach Chemnitz um die Demokratie in Deutschland?Den Großteil meines Lebens habe ich Demokratie für etwas Selbstverständliches gehalten. Das hat sich verändert, und das geht auch einher mit einer gewissen Sorge um die Demokratie . Da ist jetzt Chemnitz nur ein sehr deutlicher Ausschlag auf dem Seismographen. Was mir mehr Sorge macht, ist zum Beispiel, dass einer der Kandidaten um den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz , das Grundrecht auf Asyl in Frage stellt. Die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes haben ja nicht ohne Grund eingefügt, dass Menschen ein politisches Asyl zu gewähren ist. Das ist ja ein Teil unserer Geschichte. Diese Geschichtsvergessenheit macht mir Sorge, auch im Blick auf die Demokratie . Wir erleben in der Politik und in der Öffentlichkeit eine schleichende Diskurs-Verschiebung. Ich sehe das als Folge der dauernden Tabu-Brüche, die wir durch die neue Rechte und andere rechtsradikale Gruppierungen erleben. Diesen Tabubrüchen folgen leider auch viele Politiker und Politikerinnen in anderen Parteien.

    Wie sieht es aus Ihrer Sicht in der Region aus: Ist Unterfranken noch Insel der Seligen?Achtsam sein muss man, glaube ich, überall, auch wenn die Erscheinungsformen der Gefahren für die Demokratie schon unterschiedlich sind. Es sind auch aus Unterfranken Abgeordnete der AfD in den Landtag eingezogen, und wenn man sich da einige Äußerungen genauer anschaut, ist das, finde ich, schon auch Anlass zur Sorge. Was es in Unterfranken gibt, ist unglaublich viel Engagement in Kirchengemeinden und in der Zivilgesellschaft, wenn es um Mitmenschlichkeit geht, also gerade jetzt in der Hilfe für Geflüchtete in den vergangenen drei Jahren, sowohl hier in Würzburg, als auch in meiner Heimatstadt Hammelburg. Es gibt tolle Initiativen und viele Menschen bleiben auch ganz beständig dabei, um Geflüchteten zu helfen. Und für Würzburg gesprochen: Hier gibt es eine Zivilgesellschaft, die sich immer wieder über Parteigrenzen hinweg zusammen tut, wenn es darum geht, klare Kante gegen Rechts zu zeigen. Da sind häufig alle dabei, auch wenn sie sonst oft sehr unterschiedliche Positionen vertreten.

    Trotzdem haben aber auch Helfer nach drei Jahren Illusionen verloren, oder?Also, es tritt bei manchen Ermüdung ein, bei einzelnen wahrscheinlich auch eine Desillusionierung, weil es bei einzelnen die Vorstellung gab, dass ginge alles viel schneller, dass Menschen hier ankommen, Deutsch lernen und sie integriert sind. Das dauert alles viel länger, was aber nicht nur damit zu tun hat, dass sich die Menschen schwer tun, Deutsch zu lernen, sondern dass halt auch oft die Rahmenbedingungen schwierig sind, dass viele Hürden zu überwinden sind, auch bürokratische Hürden nach wie vor. Beim Zugang zum Ausbildungsmarkt gibt es zum Beispiel immer wieder Rückschläge: Menschen, die gut begonnen haben und sich da zurecht finden, werden auf einmal wieder rausgerissen. Es gibt auch Desillusionierung, weil es Erfahrung mit einer zunehmend entmenschlichten Politik gibt. Hätte man die Kräfte und die Ressourcen, die wir 2015 erlebt haben, beständig positiv bestärkt und danach geschaut, wie man es ermöglichen kann, dass Menschen hier leben, gäbe es auch weniger Frustrationserlebnisse. Viele sind auch ein Stück weit enttäuscht von der Politik.

    Gibt es auch Hilfe von Gruppen, von denen sie es sich nicht erwartet haben?Immer wieder. Ich glaube, wenn in Betrieben Mitarbeiter und Ausbilder ganz konkrete Menschen erlebt haben, dann vertreten sie eine Meinung, die sie vorher nicht vertreten haben. Das macht mir schon Mut. Dass sich gerade aus dem Arbeitsmarkt, etwa die Handwerkskammer, so viele stark machen für Geflüchtete, finde ich eine gute Entwicklung. Ich denke aber auch an Gespräche zum Beispiel mit der Polizei . Da gibt es gute Entwicklungen und das Bemühen, dass Menschen hier in der Gesellschaft gut ankommen.

    Ist Ihnen jede Unterstützung willkommen, auch wenn es vielleicht aus egoistischen Gründen kommt?Ich habe manchmal schon im Hinterkopf, dass es oft um die Nützlichkeit der Menschen geht, was meinem Ansinnen und meinem Zugang zum Thema widerspricht. Aber wir brauchen natürlich immer ein Eingangstor, und das kann das Arbeitsleben sein, um zu erleben: Hey, das sind ganz normale Menschen wie wir auch. Und das zeigt sich halt oft erst im direkten Kontakt, auch am Arbeitsplatz. Aber natürlich ist mir wichtig, dass nicht nur die nützlichen, sondern alle Menschen eine Chance haben.

    Gibt es gerade deshalb im Osten besonders viele Vorurteile, weil dort der Anteil an Migranten niedriger ist und der Kontakt fehlt?Ja, ich glaube nach wie vor, dass Beziehungen einer der wichtigsten, vielleicht sogar die wichtigste Säule für Integration sind.

    Was wäre Ihr größter Wunsch für Geflüchtete an die Politik?Ich finde gut, dass sich außer den äußersten Rechten alle Parteien einig sind, dass wir ein Zuwanderungsland sind und dass wir das gestalten müssen. Wichtig wäre ein Zuwanderungsgesetz mit dem so genannten Spurwechsel. Das heißt, dass Menschen, die schon lange hier sind, die gezeigt haben, dass sie sich bemühen, hier gut anzukommen, auch tatsächlich die Möglichkeit bekommen, aus dem Asylrecht in die andere Schiene zu kommen und hier bleiben zu können. Es kapiert doch kein Mensch, dass jemand der deutsch kann und einen Job hat, plötzlich abgeschoben wird, nur weil Afghanistan jetzt als sicheres Herkunftsland gilt, was ich übrigens sehr problematisch finde. Viele Flüchtlingsorganisationen sagen ja, dass die Realitäten dort eine andere sind und Afghanistan unsicherer denn je ist.

    Wie oft sind Sie selbst mit dem Thema Asyl und Menschenrechte unterwegs?Das lässt sich schlecht sagen und nicht so klar trennen. Selbst wenn ich den ganzen Tag in der KHG bin, sind oft auch Termine der Hochschulgemeinde durchzogen von diesem Thema, weil es doch auch viele junge Menschen hier beschäftigt. Aber es nimmt auch neben meiner Arbeitszeit schon breiten Raum ein: Ich bin zum Beispiel Mitglied des Ombudsrates der Stadt, da dauert die Sitzung so drei, vier Stunden. Letzten Samstag hatten wir einen Klausurtag des Flüchtlingsrates. Der Tag wäre sonst für mich schon eine Gelegenheit gewesen, frei zu haben. Ansonsten läuft vieles halt gedanklich einfach so mit.

    Wie groß ist denn ihr Aktionsradius?Das ist vorrangig der Raum Würzburg, ich bin demnächst auch bei einer Solidaritätsveranstaltung für die Seenotrettung in Schweinfurt. Aber ich bin auch viel zu Lesungen nach Nürnberg und München eingeladen. Das Gespräch führte Ralf Ruppert.

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    Ralf Ruppert

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