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    Hammelburg

    CSU-Stadtrat Patrick Bindrum spricht über Politik und Ehrenamt

    Patrick Bindrum ist Bau-Unternehmer in sechster Generation, geht aber neue Wege: Warum hat der CSU-Politiker allen Kreisräten einen Weckruf zum Klimawandel geschenkt und den Vorsitz der Tafel übernommen?
    Patrick Bindrum am Hammelburger Brunnen, im Hintergrund die ehemalige Gaststätte 'Zum Hirschen'. Foto: Ralf Ruppert       -  Patrick Bindrum am Hammelburger Brunnen, im Hintergrund die ehemalige Gaststätte 'Zum Hirschen'. Foto: Ralf Ruppert
    Patrick Bindrum am Hammelburger Brunnen, im Hintergrund die ehemalige Gaststätte "Zum Hirschen". Foto: Ralf Ruppert

    Die Nachricht hat im Dezember viele überrascht: Patrick Bindrum übernimmt den lange vakanten Vorsitz der Tafel, obwohl er mit der Hilfsorganisation bisher wenig zu tun hatte. Zu Weihnachten schenkte er dann den Kreisräten aller Fraktionen ein Buch zum Klimawandel. Wir haben mit dem Bau-Unternehmer über seinen Sinneswandel, politisches Kalkül, die Pläne seiner Tochter für eine Erstwähler-Liste und das seit zwei Jahren leerstehende Gasthaus "Zum Hirschen" gesprochen.

    Wie sind Sie denn zum Vorsitz der Tafel gekommen?

    Wie die Jungfrau zum Kind. Ich hatte über den "Hirschen" (früheres Asylbewerber-Heim, Anm. d. Red) schon mal Kontakt zur Tafel, das war aber ganz lose. Meine mittlere Tochter hat als Firmling bei der Tafel geholfen. In den Herbstferien kam zunächst ein Anruf wegen einer Spende für ein Fahrzeug, da war ich schnell überzeugt. Und über den Dialog kam dann das Klagelied, dass die Tafel keinen Vorsitzenden hat, was ich auch aus der Zeitung schon wusste.

    Und sind Sie gleich gefragt worden?

    Eigentlich habe ich mir nur sagen lassen, was zu machen ist, um Leute in meinem Umfeld anzusprechen, aber ich habe mir da schallende Ohrfeigen abgeholt. Die Kernaussage war natürlich wie bei jedem, der im Berufsleben steht, "Ich habe keine Zeit". Damit wollte ich aber Bruno Holzinger nicht kommen. Als er mich gefragt hat, habe ich zugesagt, ohne vorher mit meiner Familie zu sprechen. Gott sei Dank, haben sie mich aber unterstützt.

    Das heißt, Sie waren vorher gar nicht bei der Tafel?

    Genau, am neuen Standort nicht. Ich habe beim Umbau mal helfen dürfen, weil an den Asphalt-Außenanlagen was gebraucht wurde, aber sonst nicht.

    Was bedeutet das neue Amt für Sie?

    Das ist das klassische und ehrliche Ehrenamt. Politik hat ja auch was mit Selbstzweck zu tun und mit der Hoffnung, etwas verändern zu können. Da wird man aber auch oft auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Wenn man das gewisse Alter hat, fragt man sich ja: Was erwarte ich noch vom Leben? Was hat man gut gemacht? Was hat man schlecht gemacht?

    Wieso gerade jetzt?

    Mir wurde einfach klar, dass ich auf der Überholspur lebe: Immer schneller, immer weiter, immer größer. Es gab ein paar Todesfälle in meinem Umfeld, bei denen ich mich gefragt habe: Wieso ist der denn schon gestorben? Dann stellt man sich die Frage nach dem wahren Glück: Was ist das? Die eigene Gesundheit, wenn man auf seine gesunden Kinder schauen kann, wenn man in einer Beziehung lebt, die funktioniert. Auch Leben in einer Kleinstadt ist für mich heute mehr wert, als ich mit 25 drüber nachgedacht habe. Wir haben hier ein privilegiertes Leben. Aber was haben wir selbst dafür getan? Ich habe meine gute Schulausbildung meinen Eltern zu verdanken, hatte einen guten Berufsstart. Klar habe ich auch viel gearbeitet, aber vor allem gab es eine gute Grundausrichtung, da beschäftigt man sich eben auch mit Verhältnissen und Situationen, wo das nicht so ist. Und da kam die Tafel wie eine Fügung auf mich zu.

    Sie haben allen Kreisräten das Buch "Wir sind das Klima" geschenkt, verbunden mit einem Appell, etwas zu verändern. Wie kam es dazu?

    Auch da habe ich seit einem halben Jahr angefangen, mich und mein Tun immer mehr zu hinterfragen. Das ist beim Klima schwierig: Ich sehe zwar in den Nachrichten, dass es in Australien brennt, aber danach schaue ich trotzdem meinen Krimi an.

    Was hat Sie an dem Buch denn so fasziniert? Eigentlich steht ja nichts Neues drin, es ist nur drastischer formuliert.

    Die Fakten sind bekannt. Aber der Klick, zu erkennen, was das für mich selbst heißt, kam bei mir erst mit dem Buch. Ich fahre zum Beispiel gerne und viel Auto, ich bin in Urlaub geflogen, da war mir schon klar, dass das eigentlich problematisch ist. Wir sind jetzt an Pfingsten mit dem Zug in Urlaub gefahren, weil das meine Töchter eingefordert haben. Ich darf daheim auch kein Shampoo nehmen, sondern muss eine Shampoo-Seife verwenden.

    Also haben ihre Töchter viel Einfluss auf Sie, wäre es bei drei Söhnen vielleicht ganz anders?

    Ich träume ja von Jungs und Fußballplatz (lacht). Ich bin froh, dass ich die Lillifee- und Bauchtanz-Zeit hinter mich gebracht habe. Meine Älteste ist 18 geworden, das sind Gesprächspartner auf Augenhöhe. Als Vater muss ich mich auf junge Menschen einlassen. Meine mittlere Tochter ist Vegetarierin, das nehme ich an, und zwar nicht in Kritik, sondern interessiert. Und dann fragt man sich natürlich auch, wie schnell die Veränderungen gehen müssen und wer überhaupt verändert werden muss.

    Viele, die solche Sinn-Fragen stellen, ziehen sich eher ins Private zurück: Was treibt Sie an, mehr für die Allgemeinheit zu tun?

    Auch wenn mir das viele Menschen nicht zugestehen, bin ich ein sehr gerechtigkeitsliebender Mensch. Mir ist es wichtig, dass es einen Ausgleich gibt. Klar ist es notwendig, dass ich als Unternehmer auch viele harte Entscheidungen treffe. Aber von meiner Anlage her bin ich eher ausgleichend.

    Ändert sich auch die Wirtschaft?

    Ich bin seit 1992 in der Firma Bindrum, früher haben wir fünf, vielleicht sogar zehn Jahre weit gedacht. Die Strukturen waren fast gottgegeben. Irgendwann waren die Entscheidungen im Jahres-Rhythmus angekommen, mittlerweile sind es sechs Wochen. Dieses Tempo können viele gar nicht mehr mitmachen und erkranken. Deshalb muss man sich auch die Frage stellen: Bin vielleicht ich schon der, der bremst?

    Leiten Sie das Unternehmen anders als die fünf Generationen vor Ihnen?

    Früher waren die Entscheidungen viel klarer vorgegeben, heute treffe ich unternehmerische Entscheidungen langsamer und wohl bedachter als früher. Außerdem frage ich mich natürlich auch viel öfter: Will ich noch was verlieren? Was will ich riskieren? Eigentlich ist mein unternehmerisches Handeln konträr zur gesellschaftlichen Entwicklung. Gerade bei den Mittelständlern muss aus meiner Sicht ein radikales Umdenken stattfinden, denn: Wir rationalisieren uns selbst weg. Was wir an Menschen nicht haben, kompensieren wir mit Technik. Aber das wird aus meiner Sicht ein böses Erwachen geben. Deshalb müssen wir die jungen Menschen auch neu ansprechen. Ich kann heute zum Beispiel nicht einfach verbieten, dass meine Mitarbeiter ständig am Handy rumspielen, auch wenn mich das stört.

    Passt das zu einer konservativen Partei wie der CSU ?

    Ich war noch nie ein CSU-Gläubiger im Sinne von: Alles, was von oben kommt ist gut. Vieles zerreißt mich innerlich. Ich höre schon auch die Kritik, aber in dieser Gemengelage fühle ich mich doch der CSU sehr zugehörig. Ich sehe aber auch, dass wir vor einem Wandel stehen, der so groß ist, dass ich Angst habe, dass wir den nicht schaffen.

    Vor einigen Jahren wären solche Ideen für einen "Schwarzen" undenkbar gewesen, fühlen Sie sich durch Söders grüne Vorstöße ermutigt?

    Der Klimawandel ist ja längst kein grünes Thema mehr, sondern ein Gesellschaftsthema. Deshalb müssen sich dem alle annehmen.

    ...aber das hat die CSU ja lange nicht getan?

    Ja, das ist nicht angekommen. Wenn man politisch nach vorne schaut, ist die logische Konsequenz, eine konservativ-grüne Struktur zu finden.

    Also sind Sie für Schwarz-Grün?

    Ja, schon immer! Ich wäre auch für Schwarz-Gelb-Grün nach der letzten Bundestagswahl gewesen. Ich halte die Grünen auch für eher konservativ, schließlich wollen sie vor allem die Umwelt schützen. Die Grünen heute sind ja nicht mehr die Grünen der 1980er Jahre. Winfried Kretschmann könnte auch als CDU-Ministerpräsident durchgehen. Heute sind die Grünen für mich der logischste, der vernünftigste und der nachhaltigste Ansprechpartner in der Politik.

    Aber mal ehrlich: Die CSU kündigt jetzt - auch mit Hinweis auf ihr Buch - einen Nachhaltigkeitspreis an. Ist das glaubwürdig? Wieso erst jetzt, so kurz vor der Wahl?

    Natürlich ist das alles immer politisch motiviert, es geht ums Fortführen, also Weitertragen der eigenen Ideen. In den Wahlprogrammen geht es darum, was ich verändern will. Der Zeitpunkt ist immer auch Kalkül, aber ich würde es positiv sehen: Hauptsache, wir machen das jetzt. Der Kritiker sagt: Warum macht ihr das nicht schon immer so? Jetzt ist es wichtiger, den Nachhaltigkeitspreis mit Leben zu erfüllen.

    Und wo bleibt da die Jugend?

    Ich glaube nicht, dass Greta Thunberg in ihrer direkten Formulierung die Welt verändern wird, aber ich glaube, wir brauchen sie dringendst, auch wenn sie nur der Stein des Anstoßes ist. Natürlich können junge Menschen keine Berufs- und Lebenserfahrung haben, aber der Umkehrschluss ist auch: Sie sind so frei in ihrem Denken.

    Aber reicht das für eine politische Initiative wie "Generation Z"?

    Auch ich belächle oft die Forderungen meiner Tochter, und sage ihr: Wenn du mal in so einem Gremium hockst, siehst du, was geht und was nicht geht. Aber ich bin auch deshalb so stolz auf sie und die gesamte Idee, weil sie eben völlig unpolitisch ist und sich nicht einer Partei zuordnet. Selbstverständlich möchte ich nicht, dass alle 24 Stadträte 18 Jahre alt sind, aber wenn zwei oder drei rein kommen, ergänzt das die Sichtweise enorm.

    Das könnte ja auch bedeuten, dass Sie mit Ihrer Tochter im Stadtrat diskutieren müssen?

    Naja, wenn sie früher gesagt hätte, was sie machen will, hätte ich vermutlich nicht auf der Stadtratsliste kandidiert. Aber nicht wegen ihr, sondern wegen mir. Ich hätte sie natürlich gerne auf die CSU-Liste gebracht, habe aber erwartet, dass sie bei den Grünen landet.

    Floss Ihre neue Einstellung schon im Stadtrat ein?

    Als Außenstehender denkt man immer, Stadträte haben viel Einfluss, aber das haben wir ja nicht: Viele Aufgaben einer Kommune sind Pflichtaufgaben. Aber ich habe mich zum Beispiel im Stillen dafür eingesetzt, dass der jüngste Kindergarten-Bus ein Elektro-Fahrzeug ist. Viel größer sind die Möglichkeiten bei den Stadtwerken, etwa bei der Strom-Erzeugung. Bei der Kommune ist nachhaltiges Bauen immer wichtiger.

    Apropos Bauen: Wie geht es mit Ihren Immobilien in der Stadt weiter, allen voran dem ehemaligen Gasthaus "Zum Hirschen", das nach der Nutzung für Asylbewerber seit 2018 wieder leer steht? Das ist ja prägend für den Marktplatz.

    Das gehört mir nicht alleine, sondern in einer Gemeinschaft mit einem Architekten. Leider ist das Konzept eines Weinguts dort gescheitert, aber nicht an der Idee, sondern an der architektonischen Vorstellung, die war nicht mehrheitsfähig. Deshalb ist die Entwicklung unterbrochen worden. Aber ich bin natürlich Ihrer Meinung: Immobilien müssen immer gepflegt werden, aber vor allem in dieser Lage. Das Ziel ist eine touristische Mit-Nutzung, das Thema Gastronomie würde der Stadt dort sehr gut zu Gesicht stehen.

    Person Patrick Bindrum ist 55 Jahre alt, verheiratet und hat drei Töchter. Der Diplom-Bauingenieur ist geschäftsführender Gesellschaft der Josef Bindrum & Sohn GmbH mit rund 90 Mitarbeitern am Standort Hammelburg . Er führt das Familien-Unternehmen in sechster Generation. Kerngeschäft ist nach wie vor der Hoch- und Tiefbau, zu den Geschäftsfeldern gehören jedoch auch Projekt-Entwicklung und Beratung.

    Politik Obwohl sein Vater im Christlichen Bürgerblock aktiv waren, engagierte sich Patrick Bindrum in der Schülerunion und später in der CSU . 2002 zog er in den Hammelburger Stadtrat und in den Kreistag ein. Patrick Bindrum gehört dem Kreisvorstand der CSU sowie dem Vorstand der Bauinnung an. Zudem engagiert er sich im Bad Kissinger Chapter des Unternehmer-Netzwerks "Business Network International".rr

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    Ralf Ruppert

    Kommentare (3)

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