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    Münnerstadt

    Das erste Mal im Ausland: Auf Junggesellenabschied stirbt Bruder des Bräutigams

    Ein fröhliches Selfie der sieben jungen Männer, die zur  großen Sause aufbrechen. Nur Stunden nach diesem Foto fehlt einer: Sascha (3. von rechts) stirbt in Budapest. Seine Freunde - darunter Daniel Horbacz (rechts mit Brille) - organisierten einen Spendenaufruf: "Bringen wir Sascha gemeinsam heim"
    Ein fröhliches Selfie der sieben jungen Männer, die zur großen Sause aufbrechen. Nur Stunden nach diesem Foto fehlt einer: Sascha (3. von rechts) stirbt in Budapest. Seine Freunde - darunter Daniel Horbacz (rechts mit Brille) - organisierten einen Spendenaufruf: "Bringen wir Sascha gemeinsam heim"

    Es sollte die Feier ihres Lebens werden. Niko, ein junger Münnerstädter, wollte am 14. September heiraten. Zwei Wochen vorher überraschten ihn seine sechs Freunde und sein Bruder Sascha mit einer Reise nach Budapest. Dort wollten sie sein Junggesellendasein zum letzten Mal begießen. Die Reise endete in einer Tragödie. Sascha, 24 Jahre alt, starb nur Stunden, nachdem das Flugzeug in Budapest landete. Statt zu heiraten wird Niko heute seinen Bruder beerdigen. Und ohne die Mithilfe vieler teils unbekannter Spender wäre die Not der Familie jetzt noch größer.

    "Fischschuppenkrankheit"

    Rückblick: Am 30. August überraschten die sechs Freunde - darunter Sascha - Niko im Morgengrauen, als er in Münnerstadt zur Arbeit aufbrechen wollte. Die sieben halten schon ewig zusammen, sind aus Münnerstadt . Die Hälfte spielte beim TSV Münnerstadt Fußball, bevor sie das Studium anfing. Die sechs verrieten ihm nicht, wohin es ging, Niko wusste nur die Abflugzeit in Nürnberg. Dass Sascha, der Bruder, dabei war, freute alle. Daniel Horbacz: "Sascha ist schon sein ganzes Leben lang krank. Er hatte nie eine normale Jugend wie wir, keine Partys , keine Freundin." Der Grund ist die sogenannte Ichthyose, die "Fischschuppenkrankheit".

    Verstörte Blicke

    Eine seltene Erkrankung, die die oberste Hautschicht verhornen lässt. Die Haut ist sehr trocken, sie schuppt sich stark. Sie lässt Menschen häufig vereinsamen. Sascha hat sich mit seinen Freunden darüber ausgetauscht. Daniel Horbacz erinnert sich: "Er sagt: Ich werde immer wieder von den Menschen komisch angeschaut. Vielleicht denken sie ja auch, dass sie sich anstecken. Aber mittlerweile bin ich alt genug, um zu verstehen, dass ich etwas Besonderes bin und mich deswegen Menschen manchmal verstört, manchmal wehleidig ansehen."

    Mit der richtigen Therapie konnte Sascha ein fast normales Leben führen. Was es für ihn normal machte: Der Umgang der Jungs mit ihm. Die Clique hielt zusammen, Sascha war Mitglied - auch wenn er als Werder Bremen-Fan in Sachen Fußball einen schlechten Stand hatte. Was er vermisste: ein Mädchen an seiner Seite. Daniel: "Sascha wusste, dass es schwer war, mit seiner Erkrankung jemanden kennenzulernen."

    "Endlich coole Partys"

    Es war Saschas erster Flug und er war sehr nervös. Aber kneifen wollte er nicht. Er freute sich auf "endlich coole Partys in Discos oder Bars, auf die ich in meiner Jugend aufgrund meiner Krankheit meistens verzichten musste", so sagte er es seinen Freunden. Soweit kam es gar nicht.

    In Budapest hatte sich die Gruppe ein Appartement gemietet, mit der Metro kamen sie in die Innenstadt. Ein paar suchten einen Supermarkt auf, um Getränke zu kaufen. Sascha musste auf die Toilette, er sagte, er werde zu Burger King gehen. "Er ging und kam nie wieder", so hat es Freund Daniel Horbacz später im Spendenaufruf niedergeschrieben.

    Spurlos verschwunden

    Nach einigen Minuten wurden die jungen Männer unruhig. Sie durchsuchten den Metrokomplex - nichts. Mobiltelefon - er ging nicht ran. Paintball, Crazy Nightbus-Fahrten, Speedboat, das hatten sie geplant, jetzt hatten alle nur eins im Kopf: Wo ist Sascha? Sie gingen zur Polizei .

    Als die Beamten von Saschas Krankheit hörten, reagierten sie schnell. Sie werteten die Kameras bei Burger King aus. Doch auf keiner war Sascha zu sehen. Aber eine Kamera in der Metro hatte ihn aufgezeichnet. Doch noch gab es keine Spur zu ihm.

    Niedergeschlagen gingen die anderen ins Appartement zurück. Jemand rief zum gefühlt tausendsten Mal Saschas Handy an. Plötzlich hob jemand ab. Eine Krankenschwester. Sie sagte auf Englisch, dass er im Krankenhaus liege.

    Multiples Organversagen

    Noch gingen sie von einem Schwächeanfall aus. Doch die Nachricht aus dem Krankenhaus war schlimm: Er befinde sich in einem kritischen Zustand. Er wurde im Freien gefunden mit hohem Fieber, nach und nach würden seine Organe aussetzen. Für die Ärzte war klar: Sascha wird das multiple Organversagen nicht überleben. Der Bruder durfte sich noch verabschieden. In der Nacht starb Sascha.

    "Schlimm war, als Niko mit einem durchsichtigen Müllsack die Gegenstände von Sascha, seine Schuhe, sein Hawaiihemd mitnehmen musste. So viel ist also vom Menschen übrig geblieben", sagt Daniel. "Es sollte eines der schönsten Wochenenden für den Bräutigam werden, es wurde zum schlimmsten. Es ist eine Tragödie. Man reist in bester Laune zu siebt an und kehrt zu sechst zurück."

    Woran Sascha schlussendlich starb, konnte nicht geklärt werden. Vermutlich hatte seine Grunderkrankung den Grundstein gelegt. In bester Verfassung, so wie seine Kumpel, war er nie. Ein Unfall oder ein Verbrechen konnte ausgeschlossen werden, die Polizei bestand auf eine Obduktion.

    Spendenaufruf für die Überführung

    Am nächsten Tag reisten die Eltern und der achtjährige Bruder an. Die Freunde ließen die Familie allein und berieten sich. Sascha hatte keine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, die Überführung würde Tausende kosten, die Behandlung ebenso. Sie rechneten nach, kamen auf eine Summe von mindestens 10.000 Euro - und beschlossen in Absprache mit Niko, einen Spendenaufruf in den sozialen Netzwerken zu starten.

    Daniel Horbacz: "Es war Wahnsinn. Innerhalb von zwei Tagen wurde die Summe erreicht, jetzt sind wir bei 11.000 Euro." Damit sind zumindest die dringendsten Kosten gedeckt worden, Sascha konnte von Dienstag auf Mittwoch nach Münnerstadt überführt werden. Die Freunde und die Familie sind jedem einzelnen Spender zutiefst dankbar.

    Hochzeit abgesagt

    Statt ihrem Freund Niko bei den Vorbereitungen zur Hochzeit am nächsten Samstag zu helfen, werden die fünf Freunde ihm nun heute bei der Beerdigung beistehen. Die Hochzeit, die egal zu welchem Zeitpunkt immer an den tragischen Tod des Bruders erinnern wird, ist abgeblasen, Essen wurde storniert, gemietete Räume gekündigt. Daniel Horbacz: "Mit der unglaublichen Spendensumme ist das Nötigste zunächst abgesichert", klar ist, dass Geld noch gut gebraucht werden könnte.

    Wer der Familie helfen möchte, kann dies hier tun: betterplace.me/bringen-wir-sascha-gemeinsam-heim25

    Susanne Will

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