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    Bad Kissingen

    Dem Warum auf der Spur

    Gertie Martin-Schnapp aus Windheim hat ihren dritten Roman veröffentlicht, daneben auch schon Erzählungen, Weihnachtsgeschichten und Kinderbücher.
    Gertie Martin Schnapp bei der Buchbesprechung zu 'Paul' im Haus der Familie in Windheim.  Foto: Werner Vogel       -  Gertie Martin Schnapp bei der Buchbesprechung zu 'Paul' im Haus der Familie in Windheim.  Foto: Werner Vogel
    Gertie Martin Schnapp bei der Buchbesprechung zu "Paul" im Haus der Familie in Windheim. Foto: Werner Vogel

    Sie strahlt Optimismus aus, wirkt offen und realitätsbezogen. Wie jemand, der gestalten will und den Blick für das Machbare hat. Tatsächlich hat sie viel geschafft in sechzig Berufsjahren, mit fordernder, aufreibender Verantwortung. Lange Jahre als Leiterin der Altenpflege in Euerdorf und Münnerstadt und seit 1987 im eigenen "Haus der Familie" im Münnerstädter Stadtteil Windheim. Und diese Frau schreibt Bücher ? Seit vierzig Jahren?

    In die Wiege gelegt wurde ihr das nicht, ihre Kindheit und das Leben haben sie geprägt und ihr Beruf. Die Gemeinschaft mit Alten und Schwachen fordert, aber sie gibt auch viel, sagt Gertie Martin-Schnapp und betont: "Ja, auch mein tägliches Erleben gibt mir Impulse zum Schreiben." Dreizehn Bücher holt sie aus der Vitrine im "Café zum Elefant", der Begegnungsstätte der Einrichtung und breitet sie - unprätentiös - auf dem Tisch aus. Erzählungen, Weihnachtsgeschichten , Kinderbücher und nun schon drei Romane. Wie schafft man so ein Pensum? Woher kommt die Kreativität , woher der Mut ? In die Wiege gelegt wurde ihr das nicht.

    Was verbirgt sich dahinter?

    "Mich treibt eine Frage an, die mein Leben seit frühester Kindheit geprägt hat", beschreibt Gertie Martin-Schnapp ihre Motivation. "Diese Frage heißt: Warum? Ich wollte schon als Kind nicht alles als gegeben hinnehmen, wollte verstehen, was dahintersteckt, habe früh vieles hinterfragt." Warum war das so schwierig in karger Nachkriegszeit, mit in der Zeit verhafteter Großfamilie, auf dem Land aufzuwachsen? Mit überkommenen Vorstellungen der Großeltern zurechtzukommen, Kriegstrauma zu verkraften, labile Charakter um sich herum, samt wütend gelebter unterschiedlicher Konfessionen von Eltern und Großeltern ? Was macht das mit einem aufgeweckten Kind? Wie prägen prügelnde Lehrer und rigide Pfarrer die Entwicklung? Da kommen einem jungen kritischen Geist Fragen.

    "Oberflächlich werten und urteilen ist nicht mein Antrieb", meint die Autorin, "aber mein Leben hat mir früh gezeigt, die Dinge verstehen zu wollen. Aus dem ,Verstehen-Wollen‘ gründet sich meine schöpferische Kraft."

    Nicht autobiografisch

    Wie in "Das Leben ist wunderbar" aus dem Jahr 2013 und dem 2018 erschienenen Roman "Traumkind", so schreibt Gertie Martin-Schnapp auch im neuesten, 259 Seiten starken Werk "Paul" ihre Romane in der Ich-Form. "Das liegt mir einfach besser, ob ich dann als Mann oder Frau agiere, macht keinen großen Unterschied. Meine Romane sind nicht autobiografisch, sind aber auch keine Fantasie", meint die Autorin. "Sie sind aus dem Leben, aber nicht unbedingt aus meinem", fügt sie lächelnd hinzu. "Es sind unerwartete Momente, die mich inspirieren, aus einem Klick im Kopf die Idee für eine Figur zu finden und dann für ein ganzes Buch zu entwickeln. Die Geschichte spinne ich fort, sie entwickelt sich beim Schreiben, nimmt Format, Gestalt, Charakter an."

    Feste Zeiten, die sie sich nimmt, um zu schreiben, gibt es nicht. Die Aufgabe der Heimleitung steht dem entgegen, da gibt es täglich neue Herausforderungen, "aber ich finde meine Gelegenheiten und gerade dann, wenn es durchaus turbulent wird, habe ich gerne besonders kreative Ideen."

    Auch für "Paul" ist ein Klick im Kopf als Idee zu einem Buch entstanden. Der Vorname mit nur vier Buchstaben, ist Zündfunke für den Charakter des Titelhelden gewesen. Wie und wo "Paul" in den Kopf gekommen ist, gibt sie nicht preis. Als Familiengeschichte angelegt, könnte man ahnen, dass es im Buch Anklänge an ihr wirkliches Leben gibt, aber es kommt alles ganz anders.

    Paul, der Junge, der so gerne am Fluss sitzt, hat keine leichte Kindheit, glaubt nicht an sich. Da gibt es den Vater, der ihn (über)fordert und die Mutter , die ihn (be)schützt, die aber auch verhindert, dass Paul seinem Vater zeigen darf, was er durchaus kann. Und da gibt es noch die Schwester , und alle haben Wichtiges zur Geschichte beizutragen.

    Die Handlungsstränge winden und verknoten sich, offenbaren Hintergründe, erklären manches "Warum?" und doch sind dramatische Überschriften zu lesen, bis Paul wieder zu seinem Freund, dem Fluss zurückkehrt: "Sein Plätschern scheint sich gleichmäßig murmelnd zu wiederholen. Ich spüre, das Leben ist schön."

    Gertie Martin-Schnapp: "Paul" Roman, 259 Seiten, 14,95 im MEDU Verlag ISBN 978-3-96352-050-01

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    Werner Vogel

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