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    Bad Kissingen

    Der Pelzig in Bad Kissingen: AfD und AKK im Visier

    Frank-Markus Barwasser brillierte im Kurtheater. Sein Tempo, plakative, aber stimmige Wahrheiten unters Volk zu bringen, ist beachtlich.
    Frank-Markus Barwasser  als Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel im Kurtheater. Foto: Klaus Werner
    Frank-Markus Barwasser als Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel im Kurtheater. Foto: Klaus Werner

    Frank-Markus Barwasser , wer ist das? Das möchte man fragen, denn es gibt nur wenige deutsche Kabarettisten, die seit einem Vierteljahrhundert mit ihrer Kunstfigur den eigenen Bekanntheitsgrad überlagern. "Erwin Pelzig" ist diese Kunstfigur, die im fränkischen Trachtenanzug, mit kariertem Hemd, Herrenhandtäschli und Hütchen auf fast schon apokalyptische Art und Weise den bundesrepublikanischen wie weltweiten Saustall seziert.

    Eine Bühne mit einem Plastikstuhl in Orange, einem Tisch mit Stuhl und zwei Gläsern, die mit Weißbier den Hartmut und mit Rotwein Herrn Dr. Göbel ankündigen - mehr braucht es nicht für Barwassers mal polternde, mal filigrane Kunst, seinen Blickwinkel auf die großen Ereignisse zu werfen. Harmlos und unspektakulär steht der Biedermann Erwin Pelzig im tosenden Begrüßungsapplaus auf der Bühne, lächelt freundlich ins Publikum und begrüßt es mit einen Satz, der das aktuelle Chaos der letzten Tage zusammenfasst: "Willkommen an einem Abend, an dem die FDP leise röchelnd das Leben aushaucht - liegt's an Thüringen oder Corona?" Passend dazu die Mimik, mit der er zu befürchteten Alters-Depression überleitet und dann doch bekennt: "Es ist noch Luft nach unten!" Und an dieser Abwärtsspirale, die er als "Liftboy auf der globalen Palliativstation" begleitet, lässt er die Gäste im ausverkauften Kurtheater teilhaben, wenn er über die "Internationale der Nationalisten " schimpft, an deren vorderster Stelle Donald Trump mit "5000 Falschaussagen in 500 Tage" steht, gefolgt von den europäischen Autokraten aus Polen oder Ungarn als "Plünderer der europäischen Idee". Fast wehmütig sein Statement: "Man ist fast dankbar für das eigene Personal."

    Akribisch und wortgewaltig nimmt er sich die bundesdeutschen Entwicklungen vor, wenn er "AKK" auf dem orangenen "Träumer-Stuhl" Platz nehmen lässt, um sich selbst die Frage "Kann ich Vorsitzende" zu beantworten, oder wenn er " Pegida - Dresden - Nazis" assoziiert mit "männlich - weiß - heterogen" und dabei die Kausalkette darlegt: "Denkfaul - Rechtschreibschwäche - Internet, das erzeugt Hass und Wut ."

    Dem Internet als Grundlage vieler Missstände widmen sich dann Hartmut, Dr. Göbel und Pelzig in einem inszenierten Dialog, der aus Lachen Betroffenheit und aus Betroffenheit Bestürzung werden lässt und die seit Jahren auflaufende atmosphärischen Störungen im Schlagwort "Vertrauensverlust" zusammenfasst. Das "Schmierenschauspiel" in Thüringen sei nur ein weiterer Akt auf dieser Abwärtsspirale, wobei man die "Wahl von Höckes Gnaden" bestenfalls als Dämlichkeit von CDU / FDP , eigentlich als Skrupellosigkeit beschreiben kann. Mit dem Verkauf der "bürgerlichen Tugenden" habe sich "Kemmerich selbst versenkt und taugt nicht mal für die Resteverwertung im Dschungel-Camp".

    Die AFD sei der "Profiteur von Wut und Hass " und habe mit dieser Aktion "deutsche Parlamente lächerlich gemacht" - den aufkommenden Applaus erstickte Pelzig mit Verweis auf die andere Parteien, wobei er bei der SPD den § 168 StGB "Störung der Totenruhe" bemühte, den Grünen "Paarungswilligkeit mit allen Farben" bestätigte, die CDU als "Kanzlerwahlverein" deklassierte und der CSU einen "Söder-Lauf mit Scheuer als Eintagsfliege" bescheinigte.

    Doch allen gemein sei, sie hätten keine Antwort auf Wut , Hass , Bankenkrise, Umweltbedrohung und deshalb führen einfache, populistische Beschreibungen zu Hysterie, zu Distanz und zu skurrilen Entwicklungen, dass man selbst zu anerkannten Fakten wie "die Erde ist eine Scheibe" eine abweichende Meinung haben kann.

    Pelzig-Diagnosen zu Verschwörungstheorien, die sich aus unspezifischen Ängsten ergeben und in "Fake-News" ihren Lautsprecher finden, erschreckten ebenso wie seine Anmerkungen zum digitalen Lügen-Müll oder zur mafiösen Durchsetzung der Immobilienbranche, die zum Waschen von Drogengeld degradiert werde. Apokalyptisch blickt der Biedermann im fränkischen Trachtenanzug auf die Entwicklungen mit künstlicher Intelligenz, wenn er Roboter sowohl für die Altenpflege als auch als Sex-Spielzeug ankündigt und bei der "Prostata-Massage" die Kombination aus beiden sieht.

    Im weiten Rund des ausverkauften Kurtheaters sucht er nach "Digital Natives" und nach "digitalen Einwanderern mit analogem Migrationshintergrund", lobt das autonome Auto und verteufelt den SUV, der mit 2700 kg Eigengewicht 80 kg Mensch innerstädtisch mit 7,3 km/h von A nach B chauffiert: "Das ist ein Zeichen von Reichtum, aber nicht von Intelligenz", wobei er auch hier den aufkommenden Beifall mit dem Hinweis auf den nahe gelegenen Parkplatz unterbricht.

    Diese äußerst plakativen, aber stimmigen Wahrheiten sprudeln so schnell aus ihm heraus, dass der Intellekt dem Gesagten manchmal hinterherhinkt und der Applaus bzw. das Zwerchfell schneller reagiert als der Verstand. Auch Barwasser alias Pelzig weiß um die Beschaffenheit der Welt, um die Zähigkeit des Daseins, um Langsamkeit des Vernunft begründeten Wandels - und deshalb fordert er auf zum Perspektivwechsel oder bemüht Emanuel Kant für einen philosophischen Schluss: "Dein Verhalten soll Grundlage für ein Gesetz sein - oder einfach gesagt: Man soll kein Arschloch sein!"

    Klaus Werner

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