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    Bad Kissingen

    Die 80er Jahre im Landkreis Bad Kissingen: Atomkraft, Pershing und Volkszählung

    Am 6. August 1983 demonstrierten Mitglieder der neu gegründeten Bad Kissinger Friedensinitiative in der Innenstadt zum Jahrestag der Zerstörung der japanischen Stadt Hiroshima. Foto: Archiv/Koch
    Am 6. August 1983 demonstrierten Mitglieder der neu gegründeten Bad Kissinger Friedensinitiative in der Innenstadt zum Jahrestag der Zerstörung der japanischen Stadt Hiroshima. Foto: Archiv/Koch

    Kein Politiker prägte die 1980er in Bayern mehr als Franz-Josef Strauß , der am 3. Oktober 1988 starb. "Mein Vater war glühender Strauß-Fan", erinnert sich auch Volker Partsch (51). In der Gast-Wirtschaft der Eltern bildete sich das politische Bewusstsein des Langendorfers heraus, mit seinen älteren Brüdern fuhr er auf Demos zum "Fulda Gap", nach Wackersdorf, zum "besseren Müll-Konzept" oder gegen die Republikaner. Heute sitzt er für die Grünen im Kreistag und sogar im Aufsichtsrat des Kommunalunternehmens, das für die Kreis-Mülldeponie zuständig ist. "Viele Themen sind die gleichen, wie der Schutz der Natur oder neue Wege in der Energieversorgung", sagt er, und: "Das Streiten für die beste Lösung dauert ein Leben lang."

    1984 wurde Edgar Thamm als erster Grüner in den Kreistag gewählt, weil er wegzog, rückte Peter Christoph nach, der später den Grünen den Rücken kehrte. "Vielen waren wir nicht radikal genug", erinnert sich Volker Partsch . Auf der anderen Seite werde er bis heute immer wieder als "Grüner" beschimpft. Volker Partsch ist seiner Heimat treu geblieben, tritt kommendes Jahr zum zweiten Mal als Bürgermeisterkandidat in Elfershausen an. Sein Bruder Jochen ist grüner Oberbürgermeister in Darmstadt.

    "Früher waren die Menschen viel politischer, heute regen sich viele nur noch auf, wenn es sie unmittelbar betrifft", sagt Partsch. Im Gegensatz dazu seien früher Menschen auch mal einfach so bis nach Wackersdorf gefahren, auch wenn die Wiederaufbereitungsanlage weit weg war.

    Den gleichen Weg wie die demonstrierenden Partsch-Brüder legte damals ein anderer Langendorfer zurück: Alfons Hausmann war beim Einsatzzug der Polizeidirektion Schweinfurt. "In Wackersdorf habe ich zum ersten Mal die volle Breitseite abbekommen", erinnert er sich an fliegende Pflastersteine. Die Bevölkerung vor Ort sei allerdings gar nicht auf die Barrikaden gegangen, die meisten Atomkraft-Gegner seien von außerhalb gekommen. Solange alles friedlich blieb, hätten sich er und seine Kollegen neutral verhalten: " Demonstrationen gehören zu unserem Staatswesen dazu", betont Hausmann, aber: "Die Gewalt dort lag außerhalb jeglicher polizeilicher Akzeptanz."

    Dagegen seien alle Einsätze im Landkreis Bad Kissingen in dieser Zeit "sehr zivil" abgelaufen. In Wildflecken hätten Demonstranten einmal die Zufahrt zum US-Stützpunkt blockiert. Die Gegner seien ebenso weggebracht worden wie Demonstranten bei Veranstaltungen von rechtsextremen Parteien. Was er selbst davon hielt? "Die eigene Meinung muss man hinter das Gesetz zurückstellen", sagt der pensionierte Polizist und langjährige Leiter der Hammelburger Polizei über das Selbstverständnis der Polizei .

    Der Landkreis Bad Kissingen lag nahe am Fulda Gap, der als "heißeste Stelle des Kalten Krieges" galt: In Rhön und Vogelsberg ragten die DDR und damit der Warschauer Pakt weit in den Westen hinein. Deshalb wurden zum Beispiel bei der Erweiterung des Hammelburger Gymnasiums in den 1980er Jahren vier große Atom-Schutzbunker gebaut.

    Viele Themen damals waren aber viel konkreter: Die Grünen machten in den 1980er Jahren zum Beispiel Wahlkampf mit der Forderung nach Fahrradwegen oder nach dem Verbot von Spritzen des Weinbergs mit dem Hubschrauber. Kommunen sollten Recycling-Papier und bleifreies Benzin verwenden. "Vieles ist heute selbstverständlich", sagt Partsch, und: "Ich bin ja zum Beispiel nicht gegen Straßen, aber wir suchen halt die umweltverträglichste Lösung."

    Auch beim Protest gegen die Erdfunkstelle Fuchsstadt sei es den meisten nicht um die Verhinderung gegangen, sondern um die "Behörden-Willkür der Bundespost": Nicht einmal Gemeinderäte oder Kreistag seien vorab informiert worden. Am 1. Mai 1985 ging sie dann zwar in Betrieb, aber mit Änderungen: Die Gebäude wurden einem landwirtschaftlichen Betrieb nachempfunden. Wegen der Strahlung oder gar einem späteren Verkauf an ein amerikanisches Unternehmen und einer militärischen Nutzung habe sich damals keiner Gedanken gemacht.

    Kein großes Aufreger-Thema war im Landkreis die umstrittene Volkszählung: "Wir hatten vereinzelt Verweigerer, die leer abgegeben haben oder falsche Angaben machten", berichtet Jürgen Höfler aus Nüdlingen, der bei der Stadt Bad Kissingen für die Volkszählung verantwortlich war. Das Büro dafür musste 1987 außerhalb des Rathauses untergebracht werden, um eine klare Trennung zu gewährleisten. Die Polizei sei auch regelmäßig Streife gefahren, aber: "Es ist nie etwas passiert, außer einem Brief mit Beschimpfungen blieb alles ruhig."

    Detail am Rande: Ausgerechnet Hans Weiß, CSU-Oberbürgermeister von Bad Kissingen , Mitglied des später aufgelösten Senats und enger Vertrauter von Strauß, unterschrieb 1981 einen der ersten und von SPD-Politikern initiierten Friedensaufruf.

    Ralf Ruppert

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