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    Steinach an der Saale

    Die Suche nach der Vergangenheit

    Vor 75 Jahren befand sich der Zweite Weltkrieg in der Endphase. Die Kämpfe fanden auch im Verbreitungsgebiet der Saale-Zeitung statt. Die Redaktion hat sich auf Spurensuche gemacht.
    Ein deutscher Panther-Panzer liegt halb versunken im Wasser. Foto: Archiv: Mainpost       -  Ein deutscher Panther-Panzer liegt halb versunken im Wasser. Foto: Archiv: Mainpost
    Ein deutscher Panther-Panzer liegt halb versunken im Wasser. Foto: Archiv: Mainpost

    Für ein Sommer-Gewitter war es zu früh. Das Grollen, das die Steinacher vor 75 Jahren in den ersten Apriltagen vernahmen, war die unaufhaltsam näherrückende Front. Den Einwohnern war klar, Steinach wird Kampfgebiet, die Frage war für sie nur das wann. Klarheit gab es für die Steinacher, als deutsche Truppen einrückten und am 5. April die Verteidigung des Ortes organisierten.

    Dafür war unter anderem die 36. Volksgrenadier-Division des 82. Armeekorps zuständig - alte Männer, Hitlerjungen und versprengte Reste von Infanterieeinheiten. Um die 30 Tonnen schweren amerikanischen Panzerzerstörer aufzuhalten, griffen sie zu verzweifelten Mitteln. Zum Ortseingang gezerrte Pferdefuhrwerke, die mit Steinen beladen waren, sollten die US-Army stoppen.

    Vor Ort waren außerdem Reste der 2. Deutschen Panzerdivision. In den letzten Kriegstagen handelte es sich ebenfalls um einen bunt zusammengeschusterten Haufen. Aus Aufzeichnungen der US-Army geht hervor, dass die deutsche Division kaum mehr Kampfstärke als ein Rekrutenregiment hatte. Die einzige Gefahr für die GIs: 12 Panther-Panzer, die um Steinach herum Stellung bezogen hatten. Bei ihnen handelte es sich um den wohl besten Panzer des Krieges. Aber mit ungeübten Besatzungen, zu wenig Munition und zu wenig Treibstoff hatten sie der Stahllawine der US-Army nichts entgegen zu setzen.

    Das Ende des Kampfes zeigt sich auf alten Bildern. Rund um Steinach verrosteten deutsche Panzerwracks. Auf die Spuren dieser stählernen Kolosse möchte ich mich mit dem Metalldetektor begeben, in der Hoffnung Granatsplitter, ein Kettenglied oder aber ein Laufrad zu finden.

    Was ist erlaubt?

    Aber: Darf ich überhaupt mit der Sonde in die Natur? Thomas Baumeister, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizei in Bad Kissingen, sagt: "Auf öffentlichen Flächen braucht es die Billigung seitens der Behörden." Anders ist es, wenn ein Sondengänger privaten Grund und Boden durchleuchtet. In diesem Fall muss der Eigentümer dem Vorhaben zustimmen. Das bayerische Landesamt für Denkmalpflege bestätigt Baumeisters Aussage unter einer Zusatzbedingung: "Eine Sonde darf nicht in Bereichen verwendet werden, in denen Bodendenkmäler bekannt sind oder vermutet werden."

    Allerdings zeigt sich erst, was ein Bodendenkmal ist, wenn es offen zutage liegt. Das Landesamt für Denkmalpflege (LfD) sieht das Sondengehen deshalb kritisch (siehe Infokasten). Geschichte könnte verloren gehen. Denn prinzipiell haben laut Gesetz alle vom Menschen geschaffene, im Boden befindende Gegenstände geschichtliche und wissenschaftliche Bedeutung. Deshalb gibt es eine Meldepflicht für Funde. Nach Absprachen mit einem Landwirt darf ich auf seine Felder. Der Abgleich der alten Fotos mit dem Jetzt- Zustand zeigt, wo es sich lohnt zu suchen. Ich gehe fest davon aus, etwas zu finden. Immerhin wütete die Schlacht um Steinach mehrere Tage. Das Dorf hatte strategische Bedeutung. Die Übergänge an der Saale waren für die US-Army das Sprungbrett für ihre weitere Offensive in Richtung Südosten. Mörserfeuer hagelte von den Hängen auf den Ort hernieder. Brand- und Explosivgeschosse schlugen ein. Am Ende waren Dreiviertel des Dorfes zerstört, 296 Einwohner obdachlos und von 784 Steinachern waren 85 tot oder vermisst. "Steinach war verbrannt", sagt August Koch, der damals als elfjähriger die Kämpfe miterlebte. All das muss Spuren in- und um den Ort hinterlassen haben.

    Erste Signale

    In der Flur piept der Detektor dann tatsächlich das erste Mal. Aufregung macht sich breit, das Herz klopft. Um sicher zu gehen, fahre ich nochmals mit dem Detektor über die Stelle. Wieder piept es. Detektor weg, Klappspaten her. Nur schwer dringt das Spatenblatt in die trockene, harte Erde ein. Vorsichtig wühle ich Zentimeter für Zentimeter beiseite. Plötzlich ein metallisches Klingen. Behutsam geht es mit den Händen weiter - nicht, dass wegen Unachtsamkeit versehentlich ein Blindgänger hochgeht. Schließlich liegt der Fund offen. Ein kleiner Metallbrocken, nicht das erhoffte Kettenglied.

    Die Pechsträhne reißt nicht ab. Ein paar Coladosen und zusammengeknüllte Alufolie sind das Ergebnis meiner Suche, nicht aber die Reste der 2. Panzerdivision. Meldepflichtig sind die Funde laut Sebastian Sommer, dem Landeskonservator und Leiter der Abteilung Bodendenkmalpflege beim LfD, nicht. "Auch eine einzelne Patronenhülse ist nicht zwingend meldepflichtig - anders ist es, wenn sich die Funde häufen. Das kann ein Hinweis für ein Scharmützel sein", erklärt er. Ein solches hat es um Steinach gegeben, Spuren davon finden sich allerdings nur noch wenige.

    "Die Panzer sind gleich nachdem es in Steinach vorbei war abgeschleppt worden. Da ist alles weggekommen", sagt Koch. Er hat die Geschehnisse von den ersten Apriltagen 1945 noch immer im Kopf: "Schlimm war das damals. Ich habe mich eineinhalb Tage im Gewölbekeller versteckt." Grund dafür war der heftige Beschuss durch die Amerikaner, die von Reichenbach anrückten. "Ich höre die Flieger heute noch", sagt der 85-Jährige. "Die Brücke war gesprengt und die Soldaten sind dann durchs Wasser. Drei, vier Panzer sind auch ins Wasser gefallen."

    Am Ende des Kampfes um Steinach beerdigten sie die Gefallenen. Die Gräber gibt es noch heute oberhalb von Roth. Heute liegen dort vier tote Soldaten begraben. "Damals waren es sechs", weiß Koch. "Zwei Familien haben ihre Gefallenen heimgeholt."

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    Johannes Schlereth

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