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    Hammelburg

    Ein Stadtteil auf Zeit

    Die Düsseldorfer Siedlung "Am Gericht" befand sich in den späten 60er Jahren schon in der Auflösung. Der Sportplatz musste beim Bau des neuen Sportzentrums weichen.  Repro: Stadtbibliothek
    Die Düsseldorfer Siedlung "Am Gericht" befand sich in den späten 60er Jahren schon in der Auflösung. Der Sportplatz musste beim Bau des neuen Sportzentrums weichen. Repro: Stadtbibliothek

    Großes Interesse weckte die Spurensuche nach der "Düsseldorfer Siedlung - ein vergessener Stadtteil" im Rahmen der Reihe "Erlebt & Erzählt". Mit mehr als 120 Besuchern platzte die Stadtbibliothek aus allen Nähten.

    Zeitzeugen reisten sogar aus Düsseldorf an - ehemalige Bewohner des Barackenviertels - , um mit ihren Beiträgen die Vergangenheit zu beleben und Erinnerungen zu wecken. Bibliotheksleiterin Karin Wengerter, die in Zusammenarbeit mit Altbürgermeister Ernst Stross den "Erzählschoppen mit Wein" ins Leben rief, dankten ihnen und den unterstützenden Kräften, die mit Recherche, Fotos und Kartenmaterial die Veranstaltung ermöglichten.

    Moderator Stross konnte mit Bernhard Schmidgunst, Heinz Streibich, Walter Frank, Waldemar Göhl und Peter Krapf auf heimische Erzähler zurückgreifen, die ihre Kinder- und Jugendjahre in dem Hilfsquartier verbrachten, was den Berichten eine authentische Note gab. Stross klärte auch über den Namen der Notunterkunft auf, die durch die Stadt Düsseldorf finanziert wurde. Englische Bombardements im Zweiten Weltkrieg bewegten die Großstadt, die ihre Bürger schützen wollte, zu diesem Schritt. Eine Maßnahme, die vielen Zuhörern unbekannt war.

    Provisorische Schule

    Als die Bewohner 1945 wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten, gab es schnell Nachfolger die einzogen, wie zum Beispiel Flüchtlinge, aber auch Hammelburger, die ihre Bleibe verloren hatten. Nur wenige Zuhörer wussten, dass die Siedlung einst 330 Männern des Reichs-Arbeitsdienstes als Unterkunft diente.

    Wenige Jahre nach dem Krieg entstand hier ein Sportplatz. Auch eine provisorische Schule hielt Einzug, die jedoch nicht lange bestand. Den heimlichen Bürgermeister, den von der Stadt bestellten "Hausmeister" Johann Tomsche, fürchteten besonders die Halbwüchsigen bei ihren Streichen, wenn sie beispielsweise Straßenlampen mit dem "Astgäbele" zerschossen. "Gugg hie, die Baraggevöigel komme", hieß es, wenn die Siedlungs-Jungs am Feierabend oder am Wochenende gemeinsam ausrückten, um ihre Stammkneipen zu besuchen, das "Weiße Ross" oder "Muttis" Ratsschenke in der Weihertorstraße. Walter Frank sprach zwar von "einem guten Ansehen und Durchsetzungskraft" der Gruppe mit den schwarz-rot karierten Mützen - die auch die Polizei kannte - doch wichen die Stadtleute ihr lieber aus. Denn nicht selten gab es Ärger oder Händel mit ihnen. Im damaligen Heim der offenen Tür, ein Freizeitaufenthalt für alle auf dem ehemaligen Baywa-Gelände, durften nur die von der Bande aus "Klein-Chicago" geduldeten Stadtkinder.

    Obstklau war seinerzeit ein Kavaliersdelikt. Gestohlene Kirschen , Birnen oder Trauben deklarierte man als "Mundraub". Allerdings mussten sich die Diebe vor Flurwächter Gerlach in acht nehmen. Tauchte er auf, stopften sich die Jungs das Hemd oder die Jacke voll Obst und rannten davon. Wer Pech hatte, stolperte und hinfiel, hatte Kirschen- oder Traubenbrei auf dem Bauch.

    Sportplatz als Treffpunkt

    Das Kolonialwarengeschäft Hass öffnete 1951. Dort hatte Schmidgunst sein prägendes Erlebnis mit dem Fritz Rahn, dem Fußballer aus der Weltmeisterelf von 1954, auf einem Plakat. Später traf er ihn persönlich in München und er erhielt ein Foto mit Autogramm. Der Sportplatz, den auch die Schulen benutzten, war Tummelplatz für die Jungs aus der Siedlung, die hier Fußball spielten.

    Die Mädchen schlichen sich dabei durch die Hintertür ein und schauten zu. Maler Fritz Ringelmann malte hier die erste Bandenwerbung auf. "Trockene Kehlen - Salch-Bier wählen", hieß der Spruch des Sponsors. Unter dem Strich erhielt die Barackenbehausung "Am Gericht" positive Noten von ihren Bewohnern. "Es war immer warm, wenn auch eng in den holzbefeuerten Räumen", erinnerten sich die Ehemaligen. Auch kleine Gärten und Unterstellmöglichkeiten für Kleinvieh gab es und eine gemeinsame Waschküche. Die Monatsmiete betrug zwischen 15 und 18 Mark, die an die Stadt Düsseldorf abgeführt wurde. Der Zahn der Zeit sorgte dafür, dass die Holzbaracken an der heutigen Weber- und Schlereth-Straße nach und nach neuen, festen Häusern weichen mussten, deren meiste Bewohner keine Erinnerung mehr an die "wilde Zeit" der Nachkriegszustände haben. Doch vergessen ist der "Stadtteil auf Zeit" nicht wie der rege Austausch unter den Ehemaligen zeigte.

    Bibliotheksleiterin Karin Wengerter dankte zum Abschluss des interessanten Abends den Zeitzeugen mit einem Bocksbeutel.

    Winfried Ehling

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