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    Bad Kissingen

    Ein Traum für jeden Chor

    Die Konzertchöre der Kissinger Sängervereinigung und der Liedertafel Schweinfurt führten mit den drei Solisten, Bassist Eric Fergusson, Tenor Falk Hoffmann und   Sopranistin Anna Nesyba "Die Jahreszeiten" auf. Gerhild Ahnert
    Die Konzertchöre der Kissinger Sängervereinigung und der Liedertafel Schweinfurt führten mit den drei Solisten, Bassist Eric Fergusson, Tenor Falk Hoffmann und Sopranistin Anna Nesyba "Die Jahreszeiten" auf. Gerhild Ahnert

    Es ist kein Zufall, dass Joseph Haydns "Schöpfung" bekannter und beliebter geworden ist als "Die Jahreszeiten ", das andere große Oratorium aus seinen späten Jahren. Denn ersteres ist, ganz im Sinne der Gattung, stark auf die Bibel und ihre Texte gegründet, während letzteres mehr oder weniger den Jahreskreislauf in einer landwirtschaftlich geprägten Welt beschreibt, und erst gegen Ende, im Winter, wenn die Menschen stärker auf sich selbst bezogen sind, christliche Aspekte entwickelt und damit erst das abschließende "Amen" begründet. Und außerdem ist der Text - nicht erst heute - gewöhnungsbedürftig: Auch Haydn hatte schon seine Probleme damit.

    Als der Baron Gottfried van Swieten, der große Wiener Mäzen dieser Jahre, einmal mehr das Libretto für Haydn verfasste (auch die "Schöpfung" ist von ihm), da griff er auf eine Eigenübersetzung des Versepos "The Seasons" des Engländers James Thomson zurück. Nur am Schluss, wo, der Text die christliche Kurve kriegt, wurde van Swieten original. Man könnte geneigt sein, den Text als typisch aufklärerisch in seinen ethischen Grundierungen zu nennen. Aber dazu ist er einfach zu naiv gestrickt. Da findet sich eher der Einfluss von Rousseau und seiner Philosophie, der von Landwirtschaft so viel Ahnung hatte wie Voltaire oder wie der Sonnenkönig vom Geschirrspülen.

    Auch van Swieten war vermutlich nie auf einem Bauernhof außerhalb von Wien. Sonst hätte er sich verkitschende Sätze verkneifen müssen wie: "Des Tages Herold (gemeint ist der Hahn) meldet sich;/Mit scharfem Laute rufet er/Zu neuer Tätigkeit/Den ausgeruhten Landmann auf." An Jagden muss er allerdings mal teilgenommen haben, und um die Wirkung des Weines wusste er auch. Eigentlich viel Grund zum Lachen. Haydn muss gerade ziemlich schlechte Laune gehabt haben, als er das Libretto bekam. "Französischen Abfall" soll er es genannt haben. Aber so ganz sicher ist das nicht belegt.

    Nein, es ist die Musik, die eine Aufführung so hörenswert und liebenswert macht: der Reichtum an wunderschönen Melodien in den Chorsätzen und Arien, aber auch in den durchkomponierten Rezitativen. Dann Haydns Fähigkeit Töne aus der Natur, die der Text reichlich beschwört, in Musik zu fassen, Klangmalereien zu komponieren, sei es für die Hitze des Sommers oder für ein heraufziehendes Gewitter. Beethoven muss das Werk gekannt haben, bevor er seine "Pastorale" schrieb. Und schließlich seine Fähigkeit, spannende Strukturen zu schaffen im Zusammenwirken des Chores mit seinen einzelnen Registern und den Solisten - und dabei die Übersicht und den erzählenden Faden zu behalten.

    Für einen Chor allein zu schwierig

    Trotz aller Schwierigkeiten also ein Traum für jeden Chor. Man konnte verstehen, dass sich die Konzertchöre der Kissinger Sängervereinigung und der Liedertafel Schweinfurt zusammentaten, um gemeinsam eine Aufführung zu realisieren - für einen Chor allein wäre es schwierig gewesen. Und haben sie sich damit übernommen, wie im Vorfeld von manchem Hauptbedenkenträger zu hören war? Sie wären freilich nicht die ersten gewesen. Die Antwort: Nein, eigentlich nicht. Es war allein schon beeindruckend, wie die Sängerinnen und Sänger die rein physische Belastung durchstanden. Wenn man die 20 Minuten Pause und die eine oder andere kleine Kürzung abzieht, dauerte die Aufführung trotzdem von 19.30 bis 22.15 Uhr. Trotzdem war der Chor bis zum Schluss hochkonzentriert präsent, verlor sich nicht im Gestrüpp der vielfältigen Einsätze. Vor allem aber sang er strukturell sehr klar, geriet auch in den schwierigen Fugen nie außer Tritt.

    Ein Aber muss jedoch gestattet sein. Das betrifft zum einen die Artikulation, die das Textverständnis etwa erschwerte, weil viele Wörter kein Ende hatten. Und das betraf nicht nur die Verschlusslaute. Man kann fast jeden Schlusskonsonanten ein bisschen übertreiben, um die Deutlichkeit zu erhöhen. Zum anderen - aber das geht vor allem an die beiden Dirigenten Hermann Freibott und Matthias Göttemann, die sich in der Leitung abwechselten, war die rein technische Bewältigung so fordernd, dass die Gestaltung ein bisschen zu kurz kam.

    Oft hätte man sich ein Aufbrechen des statischen Berichtens und manchmal auch etwas mehr Tempo gewünscht. Wirklich auffallend deutlich wurde das im Herbst in dem langen Chorsatz "Juhhe! Juhhe! Der Wein ist da". Das ist die Vertonung eines kollektiven Besäufnisses eines ganzen Dorfes, und das sollte man über ein reines Crescendo hinaus auch hören. Haydn hat selbst dazu die konzeptionellen Tore weit geöffnet. Hätte er einen nüchternen Bericht gewünscht, hätte er den Satz erheblich kürzer halten können.

    Drei Solisten stehen dem mächtigen Chor gegenüber. Den Bassisten Eric Fergusson kennt man in Bad Kissingen bereits von vielen Auftritten in der Erlöserkirche. Er war der, der in der Partie des Simon die Sache mit dem gestaltenden Singen wirklich ernst nahm. Beispielhaft war seine Arie "Seht auf die breiten Wiesen hin!", die in einer Vogeljagd kulminiert: "Es blitzt, es knallt, ihn erreichet das Blei/Und wirft ihn tot aus der Luft herab.". Das war hochdramatisch gesungen. Aber leider geriet Fergusson immer mehr in den Klammergriff einer Erkältung. Er hielt sich bravourös. Aber eine Arie mehr am Ende wäre sein Stimmtod gewesen.

    Bei dem Tenor Falk Hoffmann als Lukas lag die Sache anders. Er hat eine auch in der Höhe sehr freie Stimme. Aber er sang zu vorsichtig, setzte immer leise ein, hielt die Dynamik flach und bremste vor allem in den Rezitativen das Tempo. So musste die Spannung immer wieder neu aufgebaut werden. Gesanglich überzeugend war die Sopranistin Anna Nesyba als Hanne, die ihre gut sitzende Stimme auch sehr gut instrumental einsetzen konnte. Nur war es bei ihr wie beim Chor: Man hätte gerne ein bisschen mehr vom Text verstanden.

    Das große Rätsel war das "Orchester Würzburg", das es offiziell gar nicht gibt und das ein Projektorchester aus Musikschaffenden und älteren Musikstudenten ist. Es schlug sich ausgezeichnet, spielte nicht nur sehr klar, sondern auch stark auf die Klangfarben und Effekte der Naturbilder abgestimmt. Man hätte sich die Besetzung - vor allem in der Bassgruppe - etwas größer gewünscht, um sich gegen den Chor besser behaupten zu können. Da ging manches Schöne leider ganz einfach unter.

    Am nächsten Samstag, 23. November, wird die Aufführung um 19.30 Uhr im Schweinfurter Theater wiederholt.

    Thomas Ahnert

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