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    Bad Kissingen

    Ein Universum aus vier dünnen Saiten

    Christian Tetzlaff spielt Bach. Foto: Gerhild Ahnert
    Christian Tetzlaff spielt Bach. Foto: Gerhild Ahnert

    Zwei Partiten (d-moll und E-dur) und zwei Sonaten (a-moll und C-dur) für Violine solo von Johann Sebastian Bach : Es war erstaunlich, wie viele Menschen sich an einem ganz normalen, aber überhitzten Montagabend in den Rossini-Saal locken ließen. Aber es war nicht nur das Programm, das lockte, sondern auch der Interpret: Christian Tetzlaff .

    Bei ihm konnte man sicher sein, dass der Abend kein trockener Exkurs über Polyphonie oder ein mehr oder weniger bemühtes Heruntersäbeln von drei- und vierstimmigen Akkorden werden würde. Denn Christian Tetzlaff versteht diese hochvirtuose Musik, auch wenn sie phasenweise wie auf dem Reißbrett entstanden wirkt, nicht im geringsten als abstrakt, sondern er kann es sich dank seiner technischen Souveränität leisten, höchst emotional zu gestalten.

    Das heißt nicht, dass er das Konstruktive vernachlässigt. Er spielt genau wie kaum einer, kümmert sich um jeden Ton und hat die Strukturierungen genau auskalkuliert. Denn dass man bis zu vier einzelne Töne pro Akkord spielen muss (mehr geht nicht), ist nur ein Teil der Schwierigkeiten. Der andere ist, die Töne herauszustellen, die für den melodischen Fortgang entscheidend sind. Bestes Beispiel war das E-dur-Präludium. Das spielte Christian Tetzlaff so rasant, dass aus der Oberstimme als Metastruktur plötzlich ein eigenes Thema hervortrat und in der Unterstimme die tiefen Töne der Akkorde zum Basso continuo wurden.

    Es war vor allem die Gestaltung, die so beeindruckte. Chrsistian Tetzlaff spielte vorbehaltlos. Er bremste sich nicht dadurch aus, dass er vor allem auf den schönen Ton zielte. Das wäre schon nach kurzer Zeit langweilig geworden. Er ging damit höchst kreativ um, sah auch den kratzigen Ton als integralen Bestandteil seiner Konzepte. Er ging sehr frei mit den Tempi um und wurde nicht langsamer, wenn es schwieriger wurde, sondern wenn er intensivieren wollte.

    Und das war oft nicht bei den harmonisch dicken Brocken, sondern dann wenn die Musik schlicht, einstimmig wurde, wenn sie zu singen begann wie in der E-dur-Loure oder im C-dur-Largo oder in der d-moll-Sarabande mit ihrem seufzenden Gestus. Auch wenn Christian Tetzlaff mit seinem virtuosen Zugriff in den schnellen, harmonisch dichten Sätzen verblüffte, entwickelte er in der relativen Schlichtheit der langsamen Sätze eine enorme Emotionalität, die lange nachwirken wird.

    Es ist vielleicht ein bisschen ungerecht gegenüber den anderen Sätzen, aber die d-moll-Chaconne war - nicht ganz unerwartet - herausragend. "Für mich ist der Inhalt der Chaconne eine Totenklage - oder Angst vor dem Tod, oder streckenweise Sehnsucht nach dem Tod", hat Christian Tetzlaff einmal gesagt. Und so spielte er sie auch: unruhig, mit einer gewissen Getriebenheit vor allem in den Phasen der harmonischen Verdichtung - insbesondere in den beiden sich aufbäumenden Arpeggien, an deren Ende die Musik in eine abrupte resignierte Einstimmigkeit abstürzte. Da spürte man, was Christian Tetzlaff meinte, da bekam dieser Satz sinfonische Dimensionen.

    Was schön war - aber das ist eine Aussage, die sicher nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen wird: Christian Tetzlaff spielt keine Stradivari, deren Klang zu dieser Musik nicht geschaffen ist. Historisch betrachtet, hätte Bach schon eine Stradivari besitzen können, denn Antonio Stradivari war 31 Jahre älter als er. Aber es ist davon auszugehen, dass er am Hof von Köthen Streichinstrumente aus der ja auch nicht ganz schlechten thüringisch-sächsischen Produktion spielte. Christian Tetzlaffs Geige ist ein absolut modernes Instrument, Peter Michael Greiner hat es 2000 in Bonn gebaut. Sie hat nicht nur ein ausgezeichnetes Ansprechverhalten, sondern auch einen sehr konkreten, vitalen, ein bisschen rauen Klang. Das bringt eine gewisse Erdung im Leben, zeigt Musik auch als "work in progress" mit ihren Arbeitsgeräuschen.

    Am Ende war man ganz einfach überwältigt von der Wucht und Kraft dieses einen, kleinen, viersaitigen Instruments. Auf eine Zugabe verzichtete Christian Tetzlaff zu recht: Es schwitzten alle schon genug. Und die d-moll-Sarabande, mit der er als Zugabe im vergangenen Sommer das Publikum so begeistert hatte, war ja schon im Abendprogramm drin gewesen. Die noch fehlende Sonate und Partita wird er hoffentlich irgendwann nachliefern.

    Thomas Ahnert

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