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    Bad Kissingen

    Einer, der die Welt mit Tönen ändert

    Damian Scholl (rechts) und Thomas Ahnert beim Interview.  Foto: Gerhild Ahnert
    Damian Scholl (rechts) und Thomas Ahnert beim Interview. Foto: Gerhild Ahnert

    Was macht man, wenn man bei einem Festival wie dem Kissinger Sommer gerne eine Oper aufführen möchte, aber in der Kasse der Boden schon bedenklich durchschimmert? Viel kann man schon sparen, wenn man sie konzertant aufführt. Denn bei den Opern sind die Musik und der Gesang ja doch immer noch wichtiger für die Spannung und die Emotionen als ein Bühnenbild und üppige Kostüme.

    Man kann aber noch weiter gehen: Man kann aus weniger mehr machen oder aus altem etwas Neues und dabei auch noch sparen. So wie in diesem Sommer bei der Aufführung der Oper "Orfeo ed Euridice" ("Orpheus und Eurydike") von Christoph Willibald Gluck am Samstag, 6. Juli, um 15 Uhr im Rossini-Saal mit der Mezzosopranistin Lena Belkina und Mitgliedern des Kammerorchesters Bad Brückenau unter der Leitung von Andrea Sanguineti. Was soll man sich darunter vorstellen, was erwartet einen da? Orpheus zähmt mit seiner Musik die wilden Tiere. Mosaik, 194 v. Chr.

    Die Sache hat eine kleine Vorgeschichte. 2014 lernte Tilman Schlömp, damals nochbeim Bonner Beethovenfest , den 26-jährigen Schweinfurter Komponisten Damian Scholl kennen. Der hatte gerade begonnen, sich einen guten Namen zu machen. Er hatte während des Festivals von der Studienstiftung des Deutschen Volkes und dem Beethovenhaus ein einmonatiges Residenzstipendium der Villa Wasmuth südlich von Bonn bekommen. Man kam ins Gespräch, bekundete gegenseitiges Interesse und verlor sich wieder etwas aus den Augen, behielt sich aber im Hinterkopf.

    Eine Urauffühung

    Drei Jahre später fragte Scholl wieder nach, und da klappte es mit einem Auftrag des Kissinger Sommers. Er ist zweiteilig: zum einen Glucks Oper so zu kürzen und zu bearbeiten, dass man sie konzertant mit einer Sängerin und einem Instrumentalensemble aufführen kann. Und zum anderen Glucks Oper eine Antwort aus der Gegenwart zu geben: Damian Scholl wird also ein neues Werk, "Orpheus Reflections", schreiben. Das wird dann die eigentliche Uraufführung.

    Natürlich hat er sich sehr gefreut, als der Auftrag kam: "Das ist eine tolle Aufgabe, der ich mich auch gewachsen sehe, die auch genau auf meine Begabungen anspielt." Und worin liegen die? "Naja, darin, Musik auch zur Rührung im weitesten Sinne einzusetzen. Musik ist für mich ein Destillat von Emotionen. Wir konzentrieren uns ganz auf den Orpheus. Und diese Psychologisierung in der Musik fortzusetzen, durch die Musik zu erreichen, das ist genau mein Ding. Ich bin Neue-Musik-Komponist, aber ich mache ja auch sehr viel Filmmusik . Da verbinden sich dann die Dinge."

    Diese Konzentration bedeutet, dass die beiden anderen Figuren der Oper , Eurydike und Amor, wegfallen. Eigentlich könnte die Mezzosopranistin Lena Belkina, die den Orpheus singen wird, auch die beiden anderen Figuren übernehmen: Eurydike ist Sopran, Amor Mezzosopran. Aber sie sind absolute Randfiguren, für den Fortgang der Oper fast ohne Bedeutung, und sie haben auch nur sehr wenig zu singen. "Das ist kein großer Verlust."

    Große Spannung

    Für Damian Scholl sicher nicht, aber für Orpheus. Den treibt die Trauer um die gestorbene Eurydike so sehr in die Verzweiflung, dass er bereit ist, in den Hades, das Totenreich der antiken Griechen, hinabzusteigen, um sie wieder rauszuholen. Scholl: "Durch die Streichungen kann ich mich auf ein Psychogramm eines Menschen konzentrieren, der diesen Verlust erfahren hat, der jetzt gerade frisch die Liebe seines Lebens verloren hat." Das verspricht nicht nur eine große Spannung, sondern das zeigt auch, wie absolut zeitlos das Thema ist, das Gluck und sein Librettist Ranieri de Calzabigi in dieser Oper verhandeln.

    Und das wird von Damian Scholl auch spannend gemacht. Wenn Amor am Anfang auftaucht, um Orpheus den Weg zu bereiten, dann erscheint er in einem Pizzicato: "In dieser Szene stelle ich eine Nervosität dar. Für mich ist das ja letztlich eine Wahnvorstellung, die Orpheus hat, da runter in den Hades zu gehen und seine Geliebte zu suchen. Der Mann muss eigentlich eine Therapie machen. Der ist am Rande zum Wahn, und das möchte ich auch musikalisch ausdrücken."

    Kein trockenes Konzert

    Wobei er sich da nicht nur auf die musikalischen Mittel stützt, denn es gibt Momente, in denen er Glucks Orchester verlässt: "Ich musste mir überlegen, wie ich nach den Kürzungen eine eigene Dramaturgie bekomme. Und ich habe schon recht früh die Entscheidung getroffen, auch ein Zuspiel vom Band zu nehmen, dass ich ein eigenes Sound-Design mache, sprich, damit auch eine Art Kinogefühl erzeugen möchte." Denn es soll kein "trockenes Konzert" werden, sondern der Zuhörer soll durch die Psychologisierung in die Seele des Orpheus hineingezogen werden.

    Vermutlich würde Gluck seine Oper in der neuen Fassung wiedererkennen, auch wenn er stutzen würde. Damian Scholl: "Also, seine Sachen kürze ich nur, aber ich dekonstruiere sie nicht. Ich greife an manchen Stellen auch künstlerisch noch mal ein, aber nie dekonstruierend, und ich mache nie eine Kommentierung aus heutiger Sicht, sondern ich überhöhe dann vielleicht noch mal Gefühlsausdrücke, was ja auch im Sinne Glucks wäre."

    Andererseits: Der erste Teil ist quasi fertig. Den zweiten Teil will der Komponist noch überdenken: "Da wird es wirklich happig mit der Eurydike, die dann immer dazwischen quäkt. Da muss ich schauen, was ich mit reinnehme und was nicht. Es könnte auch wirklich sein, dass dann da mehr Scholl drin ist als in der ersten Hälfte."

    Auch in seinen "Orpheus Reflections" konzentriert sich Damian Scholl ganz auf die Hauptfigur: "Ich erfinde mich hier jetzt ja auch nicht neu. Mein musikalischer Stil: Ich nehme einfach nicht viel Material. Ich lasse die Dinge lange stehen, ich lasse den Menschen Zeit, das Gehörte auf sich wirken zu lassen. Da ist in diesem Fall eine einfache absteigende Sekund, die sich immer und immer wieder wiederholt. Die Menschen haben Zeit, sich da reinzuhören und das Gehörte mit seiner Suggestivkraft auf sich wirken zu lassen."

    Kämen auch Zuhörer auf die Orpheus-Problematik, die kein Programm gekauft haben? Scholl meint: ja - wenn sie den Orpheus-Mythos kennen: "Da ist das emotionale Wechselbad, die Dramaturgie, die dahintersteht, erst den Verlust zu haben und dann den Wahn, der sich steigert." Der Unterschied: Die "Reflections" enden mit dem berühmten "Che farò senza Euridice?" ("Was werde ich ohne Eurydike tun?") Bei Gluck erscheint die Arie zwar auch im letzten Akt, als die Geliebte wieder im Hades verschwindet, aber da läutet Amor dann das Happy End ein: Er holt Eurydike wieder nach oben. Damian Scholl: "Das halte ich, ehrlich gesagt, für eine Schwäche der Oper . Mich überzeugt das nicht, dass wir dann alle wieder tanzen." Aber das war damals wohl so gewünscht.

    Natürlich sind Komponisten immer unter Zeitdruck, vor allem, wenn sie selbstkritisch sind und alles immer noch ein bisschen besser machen wollen. Bis Mitte Mai sollten die Musiker die Noten haben. Dann kann Scholl nur noch auf den 6. Juli warten. Er ist ein bisschen nervös, wie die Kissinger die beiden Werke aufnehmen werden. Und es ist gut, dass es sie gibt, denn Orpheus ist nicht nur eine Gestalt des Wahns: "Orpheus ist eine Metapher für die Musik schlechthin, die die Menschen und Götter rührt und die die Tiere bändigt." Die Konsequenz: "Deshalb muss die Orpheus-Geschichte immer wieder komponiert werden, die Geschichte von einem, der es schafft, die Welt mit Tönen zu verändern."

    Der Komponist

    Damian Scholl, 1988 in Schweinfurt geboren, arbeitet als Komponist von sowohl zeitgenössischer Konzertmusik als auch Film- und Theatermusik. Schon im Kindesalter entdeckte er die Welt der Klänge für sich und begann mit dem Versuch, diese in Noten zu bannen. Während der Schulzeit wirkte er als Geiger, Bratschist und Komponist in verschiedenen Ensembles mit.

    Nach dem Kompositionsstudium an der UdK Berlin bei Walter Zimmermann , das durch einen Studienaufenthalt in Glasgow angereichert wurde (Unterricht bei David Fennessy), absolvierte Damian Scholl den Master in Filmmusik an der Filmuniversität "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg.

    Zu seinen jüngsten Erfolgen zählen der 1. Preis beim Deutschen Musikwettbewerb 2015 sowie der WDR Filmscore Award 2015. Kompositionsaufträge erhielt er unter anderem vom Deutschlandfunk , dem Deutschen Musikrat, den Ludwigsburger Schlossfestspielen und dem Kissinger Sommer .

    Für Filmpreis nominiert

    Im Sommer 2017 wurde er zur AYE Composer's Week nach Bangkok eingeladen, die von Prof. Dieter Mack und Peter Veale betreut wurde. Mit dem Dokumentarfilm "Beuys" von Andres Veiel , der seine Premiere im Rahmen des Wettbewerbs der Berlinale 2017 feierte, erhielt Scholl als Filmkomponist große Aufmerksamkeit. Die Musik, die in Kooperation mit seinem Kollegen Ulrich Reuter entstanden ist, wurde 2018 für den Deutschen Filmpreis ("LOLA") nominiert und hat den Dokumentarfilmmusikpreis des Dokfest München gewonnen.

    Damian Scholls Werkkatalog zeitgenössischer Musik beinhaltet Werke für Soloinstrumente, verschiedene Ensemblebesetzungen, darunter eine Kammeroper, sowie für symphonisches Orchester. Seine Konzertwerke wie Filmmusiken zeichnen sich durch ihre subtile Abseitigkeit, Klangfreude und Empfindsamkeit aus. Scholl ist Mitglied der Deutschen Filmakademie, der GEMA und Alumnus der Studienstiftung des deutschen Volkes.

    Der Komponist lebt und arbeitet heute in Berlin.

    Worum es eigentlich geht

    Das Stück "Orfeo ed Euridice" ist eine Oper in drei Akten, die die Geschichte des thrakischen Sängers Orpheus erzählt. Musik: Christoph Willibald Gluck , Libretto: Ranieri de' Calzabigi. Die Uraufführung fand am 5. Oktober 1762 in Wien, die der französischen Zweitfassung am 2. August 1774 in Paris statt.

    Die Handlung Gemeinsam mit Hirten und Hirtinnen beweint Orpheus den Tod von Eurydike, seiner Geliebten. Als er die Götter um Gnade bittet, erscheint Amor, der Liebesgott, der ihm erklärt, dass Göttervater Zeus dem Sänger den Abstieg in den Hades erlaube: Wenn es ihm gelingt, die Furien dort mit seinem Gesang zu rühren, darf er Eurydike wieder zu den Lebenden zurückführen - aber unter der Bedingung, dass er sich beim Rückweg nicht zu ihr umsieht. Orpheus nimmt seine Leier und macht sich auf den Weg.

    Dem Sänger gelingt es erst durch hartnäckiges Spielen und Singen, die Wächter des Hades (Cerberus) zu besänftigen, die ihn schließlich einlassen. Orpheus betritt das Elysium, die Heiterkeit der seligen Geister umfängt ihn, doch er kann seine Unruhe erst ablegen, als seine Gattin, von den Klängen seiner Leier angelockt, erscheint. Er schließt seine Augen und dreht sich um, nimmt sie an der Hand und läuft hinaus, ohne sich umzusehen.

    Als sie fast ans Tageslicht treten, klagt Eurydike, dass ihr Mann sie nicht ansehe, also nicht mehr liebe und sie lieber in die Unterwelt zurückkehren wolle. Orpheus kommt nicht umhin, sich umzudrehen, und in diesem Moment bricht sie zusammen. Erneut beklagt er sein Leid und will sich erstechen, aber Amor entreißt ihm den Dolch und holt Eurydike zurück ins Leben. Happy End.

    Thomas Ahnert

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