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    Bad Kissingen

    Eishockeysport in Unterfranken hat es schwer

    Nikolai Kiselev (vorne) ist ein Fixpunkt im Sturm der Kissinger Wölfe. Und die Kurstädter sind dankbar, solch einen Aus...

    Tatsache ist, dass das Trio von Saale und Main eine Reihe von ausländischen Spielern unter Vertrag hat. Was einerseits absolut legitim ist, andererseits zu kritischen Worten von Seiten des Bayerischen Eishockeyverbandes (BEV) geführt hat. Die Kissinger Wölfe sehen sich zu Unrecht von BEV-Obmann Marc Hindelang an den Pranger gestellt. Wir hörten uns bei allen drei Vereinen um.


    Kissinger Wölfe


    "Die Aussagen von Marc Hindelang haben mich extrem verletzt. Ich bin schwer am Überlegen, ob ich überhaupt weitermache", sagt Michael Rosin. Der Vorsitzende der Kissinger Wölfe beklagt insbesondere die aktuelle Hetze in den sozialen Medien. "Wir wollen unseren Fans attraktives Eishockey bieten, um auch als Verein attraktiv zu sein. Und zwar insbesondere für den Nachwuchs, der bei uns in der ländlich geprägten Region natürlich schwerer zu rekrutierten ist als im Großraum München." Rosin wundert sich über den Vorwurf der mangelnden Nachhaltigkeit, schließlich spielen aktuell etwa 50 Kinder und Jugendliche in verschiedenen Altersklassen in Spielgemeinschaften mit Haßfurt und Schweinfurt. "Lizenzierte Trainer und viele motivierte Eltern unterstützen uns vorbildlich. Und es kommen permanent neue Spieler dazu. Da bewegt sich was." Über die Äußerung, die Kissinger Wölfe würden jungen Spielern keine Perspektive bieten, wundert sich Michael Rosin. "Wir befinden uns noch im Aufbau. Und verfügen aktuell schlichtweg über keine älteren Jugendlichen, die in naher Zukunft die erste Mannschaft verstärken könnten." Rosin bedauert, dass in den vergangenen Jahren deutsche Spieler wie Michael Stach, Kevin Faust, Kevin Keßler, Jonas Manger oder Sidney Els den Verein verlassen hatten und verteidigt die Verpflichtung diverser ausländischer Spieler. "Wir wussten doch bis kurz vor der Saison nicht einmal, ob uns eine Halle zur Verfügung steht. Als die Zusage kam, war der Markt quasi abgegrast. Da gab es nur die Alternative, sich im Ausland umzuschauen oder keine Mannschaft zu melden."


    ERV Schweinfurt


    Beim ERV Schweinfurt stehen neben Spielertrainer Zdenek Vanc aktuell dessen tschechische Landsmänner Richard Adam, Marek Proks und Marc Zajic unter Vertrag, dazu kommt der kanadische Kapitän Dion Campbell. Teambetreuer Thomas Berndaner sagt dennoch: "So kann es nicht weitergehen. Ich bin schon der Meinung, dass das eingedämmt gehört." Nur die Frage nach dem Wie, die kann auch Berndaner spontan nicht beantworten - hat aber zumindest einen Ansatz parat: "Vielleicht braucht es eine knallharte Regel und die Transferkarten werden mit jedem ausländischen Neuzugang teurer. Das deutsche Eishockey soll sich ja entwickeln." In der Ausbildung der Spieler sieht der Schweinfurter derweil auch einen Grund für die steigende Tendenz in Richtung Legionärs-Spieler: "Die guten Spieler aus dem eigenen Nachwuchs gehen zum Beispiel nach Köln. Was ja auch richtig ist, aber für unsere Vereine ein Riesen-Problem." Weil der Standort-Nachteil die Unterfranken zu kostspieligen Lösungen zwingt. "Wir haben hier ganz klar das Problem, dass wir kaum Vereine ringsherum haben. Außer uns, Haßfurt, Bad Kissingen und Würzburg gibt es ja nichts. Dadurch hast du weniger Nachwuchs und entsprechend keine deutschen Spieler auf hohem Niveau. Denn jeder Zuschauer will ja auch in der Landesliga gutes Eishockey sehen. So ist ein bestimmtes Level anders einfach nicht zu bieten."


    ESC Haßfurt

    Deutliche Worte findet der Haßfurter Trainer Martin Reichert: "Der Verband hat bereits für alle Nachwuchsligen die Beschränkung von ausländischen Spielern aufgehoben. Nebenbei schafft Herr Hindelang Regelungen, welche die Südvereine bevorzugen. So muss etwa ein Verein keine U9-Mannschaft stellen und darf höherklassig spielen, wenn er kein eigenes Stadion besitzt. Warum ist das so? Alle neuen Regelungen des Verbandes nehmen Rücksicht auf die Südvereine und die Nordvereine werden angeprangert. Nein, auch wenn es aus Herrn Hindelangs Sicht fragwürdig ist, was der ein oder andere Verein entscheidet, so halten sich alle an die offiziellen Regeln. Somit ist es mehr als fragwürdig, dass Herr Hindelang diese Vereine an einem Aufstieg hindern will. Zusätzlich wird dieses Verhalten der Verbandsseite früher oder später auch rechtliche Konsequenzen haben, da die Entscheidungen rechtlich nicht haltbar sein werden, weil eine gewisse Willkür nicht zu übersehen ist. Eine Landesliga in zwei Teile aufzutrennen, die niemals gegeneinander antritt - ein Novum im Sport, um die Südvereine zu schützen?"

    Auch ESC-Vorstandsmitglied Andreas Kurz fordert einen präziseren Blick auf die jeweiligen Strukturen. "Komplett einverstanden sind wir mit dem Programm des BEV und DEB 'Wir sind Eishockey'. Ziel des Programms in einem Fünf-Stufen-Konzept ist die Gewinnung von Nachwuchs. Überhaupt nicht einverstanden sind wir mit dem Plan dieser Umsetzung. Ein Beispiel: Nur die Vereine, die im nächsten Jahr eine eigene U9-Mannschaft haben, dürfen Landes- oder Bayernliga spielen. Wir haben Verträge mit den Eishallenbetreibern, mit Sponsoren, Busunternehmen, Trainern, Spielern, und so weiter. Diese Verträge sind meist langfristig und an bestimmte Rahmenbedingungen gebunden. Worst-Case-Szenario eines Eishockeyvereins kann durchaus sein, dass halt im Sommer ein paar sechs- bis neunjährige Kinder das Zünglein an der Waage sind, in welcher Liga du spielst, und damit vielleicht über den Fortbestand eines Vereins entscheiden. Warum werden Städte mit zehn- bis 15 000 Einwohnern mit Städten von 100 bis 500 000 Einwohnern gleichgesetzt? Falsch ist die Behauptung, es hätte eine freiwillige Selbstbeschränkung gegeben, gegen die wir nun verstoßen würden. In der Landesliga-Tagung im Herbst 2017 haben alle anwesenden Vereine, außer ein Verein - und das war nicht Bad Kissingen - zugestimmt, mit nur einem transferkartenpflichtigem Spieler zu spielen. Nachdem sich die Vereine verständigt hatten, alle oder keiner, gab es diese Vereinbarung nicht. js/si/rn

    Der Kommentar zum Thema von Jürgen Schmitt

    Marc Hindelang ist Medienprofi. Schließlich arbeitet der 50-Jährige als Sportkommentator fürs Bezahl-Fernsehen. Die jüngsten Äußerungen über das "Wettrüsten" in der Eishockey-Landesliga und die damit verbundene konkrete Kritik an der Personalpolitik der Kissinger Wölfe haben denn auch ihre Wirkung entfaltet. Und zwar zum Nachteil der Saalestädter, die sich an den medialen Pranger gestellt sehen. Es ist tatsächlich so, dass viele (auswärtige) Fans und einige Clubs vornehmlich im Netz und aus der Anonymität heraus ordentlich schüren gegen den Eishockey-Verein von der Saale, der sich rein gar nichts hat zuschulden kommen lassen. Ja, es stimmt, dass bei den Wölfen relativ viele Spieler mit ausländischen Wurzeln unter Vertrag stehen. Weil dies aktuell die einzige Möglichkeit des Überlebens ist. Mangelnde Solidarität mit den anderen Vereinen der Landesliga wirft Hindelang den Bad Kissingern vor, die sich beim Treffen der Vereine einer freiwilligen Selbstbeschränkung verweigert hätten. Was Wölfe-Boss-Michael Rosin einerseits deutlich dementiert, und was andererseits allenfalls eine moralische, sicher keine rechtliche Verpflichtung bedeutet hätte. Der eigene Nachwuchs ist viel zu jung, deutsche Spieler auf dem Markt sind nur schwer zu bekommen, zumal die Kaderplanung extrem kurzfristig erfolgte aufgrund der unsicheren Situation rund um die Immobilie Eishalle. Wahrheiten, die ein Mann vom Fach wissen und in sein Urteil mit einbeziehen muss. Das hat der Obmann im Bayerischen Eishockey-Verband und Vizepräsident im Deutschen Eishockey-Bund leider versäumt. Eine über 40-jährige Eishockey-Geschichte gibt es in Bad Kissingen. Und zwar deshalb, weil der Verein die Ausbildung des eigenen Nachwuchses an die erste Stelle der Vereinspolitik setzte. Dass die baulich bedingte Schließung der Eishalle nahezu das komplette Ausbildungs-Aus bedeutete, kann dem Verein nicht angelastet werden. Zum Wiederaufbau braucht es einen langen Atem - und ein Aushängeschild, wie es die aktuelle erste Mannschaft ist. Die Fans goutieren diesen Weg und kommen zahlreich zu den Spielen der Wölfe, die das Sportangebot in der Stadt und der Umgebung definitiv bereichern. Mit seinen Äußerungen hat Marc Hindelang für keinen einzigen neuen Nachwuchsspieler gesorgt. Aber dafür reichlich Frust über den Traditions-Verein ausgekippt, weshalb sich Michael Rosin gar mit Rücktrittsgedanken trägt. Dies alles hat dem Eishockeysport definitiv mehr geschadet als genutzt. Redaktion

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