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    Münnerstadt

    Fränkische Oliven und tropische Nächte

    In Unterfranken ist die Erderwärmung schneller vorangeschritten als im globalen Mittel. Prof. Heiko Paeth von der Universität Würzburg befasst sich als Klimaforscher mit diesem Phänomen und mit vielen anderen Dingen rund um den weltweiten Klimawandel.
    Prof. Heiko Paeth zeigt eine Tabelle, die den Temperaturanstieg der vergangenen Jahre in Unterfranken darstellt.Heike Beudert       -  Prof. Heiko Paeth zeigt eine Tabelle, die den Temperaturanstieg der vergangenen Jahre in Unterfranken darstellt.Heike Beudert
    Prof. Heiko Paeth zeigt eine Tabelle, die den Temperaturanstieg der vergangenen Jahre in Unterfranken darstellt.Heike Beudert

    Professor Heiko Paeth ist Klimaforscher an der Universität Würzburg. Seit vielen Jahren will er mit seinen Vorträgen die Bevölkerung und vor allem junge Leute für das Thema sensibilisieren. Im Februar ist der Naturwissenschaftler zwei Mal im Landkreis zu Gast: am Freitag, 7. Februar, um 13.30 Uhr beim landwirtschaftlichen Klima-Symposium in Maria Bildhausen und am Donnerstag, 13. Februar, um 19 Uhr beim "Frobenius-Forum" im Hammelburger Gymnasium. Paeth spricht jeweils über den Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Region. Die Veranstaltung in Maria Bildhausen findet am 7. und 8. Februar zum Thema "Es wird heiß und trocken: Klima-Anpassung in der Landwirtschaft " statt. Wir haben im Vorfeld mit Prof. Paeth über den Klimawandel gesprochen.

    Wo in unserer Region macht sich der Klimawandel bereits bemerkbar?

    Prof. Heiko Paeth: Wenn wir das nördliche Bayern meinen, dann ist die Antwort sicherlich: überall. Es gilt, dass der Süden Deutschlands im Hinblick auf viele Ausprägungen des Klimawandels stärker betroffen sein wird als der Norden. Das liegt daran, dass wir im Norden einen ausgleichenden Effekt durch die Meeresoberflächen bekommen. Die Meere sind riesige Energiespeicher und brauchen länger, sich zu erwärmen. Das kühlt ein bisschen die Nordseeküste und die nördlichen Teile der Republik. Zum Süden hin haben wir den Effekt, dass wir im Winter eigentlich mehr Schnee haben. Wenn im Winter künftig weniger Schnee fällt, drückt sich das auch aus in Erwärmungsraten. Im Sommer sind wir im Süden näher am Azorenhoch dran, das bei uns die warmen und trockenen Wetterlagen macht.

    In welchen Bereichen (zum Beispiel Land-, Forst- oder Wasserwirtschaft ) wird sich der Klimawandel in Unterfranken am spürbarsten auswirken?

    Das kann ich nicht beurteilen. Man wird ihn in allen Bereichen feststellen. Der Klimawandel befindet sich ja noch in den Kinderschuhen. Es ist aber erstaunlich, dass wir jetzt schon so starke Einbußen und Einschränkungen in der Forstwirtschaft haben.

    Wie müssen wir uns in Zukunft das Wetter in Unterfranken vorstellen?

    Es werden die Wetterlagen häufiger vorkommen, die bei uns im Sommer starke Sonneneinstrahlung, hohe Temperaturen und wenig Niederschlag bringen. Das sind bei uns Hochdrucklagen, die häufig in Verbindung stehen mit dem Azorenhoch. Für den Winter sagen die meisten Klimamodelle, dass wir eher solche Bedingungen haben werden wie in diesem Winter. Tiefdruckwetterlagen vom Atlantik werden häufiger vorkommen. Das heißt, die Winter werden milder, vielleicht sogar feuchter.

    Wird der Schneefall in der Rhön in Zukunft Seltenheitswert haben?

    Auf jeden Fall. Wir sind hier klimatologisch gesehen an einer Grenze zu den Regionen weiter nach Norden und Nordosten, die eine relativ hohe Schneesicherheit haben und dem Westen und Südwesten, der eigentlich fast niemals Schnee hat. Weil wir eine solche Übergangszone sind, ist der Schnee ganz stark an die Höhenlage gebunden. Da sind schon leichte Erwärmungsraten ausschlaggebend, dass die Schneefallgrenze hochrutscht. In der hohen Rhön wird es auch in 50 oder 60 Jahren immer mal wieder Schnee geben, aber erheblich weniger als bisher.

    Wie ist der Erwärmungstrend in Unterfranken überhaupt?

    Im globalen Durchschnitt hat sich der Planet um gut 0,9 bis ein Grad erwärmt. Und zwar seit 1880. In Unterfranken hat sich die Temperatur im gleichen Zeitraum nicht um 0,9 Grad, sondern um 1,6 Grad erhöht, also fast doppelt so viel.

    Woran liegt das?

    Wir sind hier in einem Übergangsbereich, wo es früher häufiger Schnee gab und mittlerweile überhaupt nicht mehr. Wenn kein Schnee mehr liegt, kann die Erdoberfläche mehr Sonneneinstrahlung in Wärme umsetzen. Das ist der Wintereffekt. Der Sommereffekt ist, dass wir nicht nur steigende Treibhausgas-Konzentrationen haben, sondern eine Veränderung der Wetterlagen . Im Sommer sind das die Hochdruckwetterlagen und im Winter die Tiefdruckgebiete, die uns immer wieder mit milder Luft versorgen.

    Und dieser Erwärmungstrend bei uns setzt sich fort?

    Ja, am stärksten werden sich die Landmassen der Nordhalbkugel erwärmen, zu der wir ja gehören. Die höchsten Erwärmungsraten erwarten wir im Nordpolarmeer, dort wo das Meereis zurückgeht. Da erwarten wir in Zukunft Erwärmungsraten von bis zu 12 Grad. Bei uns, wenn's schlimm kommt, vielleicht die Hälfte davon. Ich denke, dass wir hier eher mit einer Erwärmung zwischen 3,5 und 4,5 Grad rechnen müssen.

    Wenn die Sommer heißer werden. Müssen wir dann öfters mit Temperaturen über 40 Grad rechnen?

    Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann gilt für Unterfranken, das Maintal und den Würzburger Raum, dass sich die Region im Sommer um 4,9 Grad erwärmen wird bis zum Ende des Jahrhunderts. Das ist ungefähr so wie heute in Bordeaux oder Toulouse. Wenn bestimmte Wetterlagen länger andauern, dann können wir sogar mehr Erwärmung bei den Extremereignissen haben als im Mittel. Die letzten beiden Jahre sind ein schönes Beispiel dafür gewesen. 2018 war der zweitwärmste Sommer der Bundesrepublik, 2019 nur der drittwärmste, hatte aber die höheren Extremtemperaturen. Wir müssen aber auch darauf schauen, was nachts passiert. Stichwort Tropennächte. Diese bergen ein großes gesundheitliches Risiko, wenn sie in gewisser Folge auftreten. Eine Möglichkeit ist natürlich, man macht die Klima-Anlage an. Das wird aber sicherlich keine Option für die Bundesrepublik werden, denn Klimaanlagen haben zwei Probleme: Erstmal verlagern sie das Problem nur von innen nach außen und blasen die ganze heiße Luft in die Straßen. Zum anderen haben sie eine katastrophale - Bilanz.

    Seit wann fällt die Erwärmung bei uns besonders auf?

    Wir haben eine beschleunigte Erwärmung seit den 1980er Jahren. Dann in den 90ern sehr stark, weil sich die Zirkulation verändert hat. Ab 2008 hatten wir dann gedacht, dass die Erwärmung auf einem damals schon hohen Nivea stagnieren würde für vielleicht 10 bis 15 Jahre. Das wäre ein natürlicher Prozess gewesen. Das hat sich überhaupt nicht bewahrheitet. Seit 2014 sind alles Rekordjahre gewesen. Damit war eigentlich nicht zu rechnen. Es zeigt, wie dominant der treibhausgas-bedingte Erwärmungstrend gegenüber den natürlichen Schwankungen geworden ist.

    Wie wird die Landwirtschaft der Zukunft in Unterfranken Ihrer Meinung nach aussehen? Was kann noch wachsen? Benötigen wir künftig eine Bewässerung ?

    Wissenschaftler sind sich eigentlich einig, dass wir den Klimwandel nicht mehr vollständig abwenden können. Wir entscheiden eigentlich jetzt aufgrund der politischen Weichen, die wir im Klimaschutz stellen, wie das Ausmaß der Erwärmung sein wird. Insofern ist die Frage nach der Anpassung in der Landwirtschaft wichtig. Eine Möglichkeit ist das Anbauprodukt. Es gibt Produkte, die mit höheren Temperaturen und weniger Wasser gut auskommen. Wenn wir heute weiter nach Süden schauen, erleben wir dort ein Klima, das wir vielleicht in Zukunft bei uns haben werden. Da kann man sich abschauen, was es so gibt. Tendenzen gibt es ja schon, Sonnenblumen beispielsweise und vielleicht klassische Getreidearten aus dem vorderen Orient. Vielleicht wachsen Sonderkulturen, die bislang noch gar nicht bei uns vertreten sind: Feigen, Mandeln, Oliven. Wir haben mal grobe Berechnungen dafür gemacht. Wenn die Temperaturen sich so erhöhen wie bisher, ist noch nicht einmal ausgeschlossen, dass wir in Zukunft - vielleicht nicht bei uns, aber im Oberrheingraben- Zitrusfrüchte anbauen können, bei uns Oliven und Feigen.

    Von welchem Zeitraum sprechen wir da?

    Bis zum Ende des Jahrhunderts. 80 Jahre vielleicht, also relativ schnell. 80 Jahre ist aber ein langer Zeitraum, um sich technisch und im Hinblick auf Kultivierungsmaßnahmen anzupassen. Bewässerung ist immer eine Möglichkeit. Das ist eine Investition, aber ich glaube, dass man dadurch landwirtschaftliche Erträge sichern kann. Andere Bodenbearbeitungen sind auch denkbar. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, sich lokal zu verschieben, das heißt Flächen aufzugeben und woanders zu erschließen. Das wäre beim Weinbau wichtig, der ja nur ganz dezidierte Flächen einnimmt, traditionell die südexponierten Hänge. Hier würde man im Hinblick auf die Überhitzung und das UV-Risiko auf eine Ost- oder Westlage gehen können. Wir haben im Weinbau ein so großes Spektrum an Rebsorten, die unter wärmerem und trockenerem Klima enorme Qualitäten erreichen, so dass vielleicht sogar das Anpassungspotenzial noch etwas größer ist, wohlgemerkt mit dem Risiko, dass wir Rebsorten verlieren, mit denen wir uns in der Region identifizieren.

    Welche Möglichkeiten der Klima-Anpassung gibt es in den Städten. Kann man ein Mikro-Klima erzeugen, um den Klimawandel abzumildern?

    Städte sind Brennpunkte des Klimawandels. Hier kommen zwei Prozesse zusammen. Städte sind ganz ohne globale Erwärmung wärmer als ihr Umland. Das hat etwas mit dem Bebauungskörper und dem hohen Versiegelungsgrad zu tun. Wenn es in Zukunft mehrere Grad wärmer wird, wird sich das vor allem auf das Stadtklima auswirken. Begrünung ist eine und offene Wasserflächen eine andere Möglichkeit. Das sind zwei zentrale Aspekte, die im Moment in der Stadtklimaforschung diskutiert werden. Offene Gewässer hat man jedoch in den meisten Städten kanalisiert. Es wird diskutiert, ob man die fließenden und stehenden Gewässer renaturiert. Ein offenes Gewässer verdunstet stark und kühlt die Umgebung. Wichtig ist zudem, dass man sich Kaltluftschneisen erhält, durch die der Flurwind, der vom Umland in die Stadt hineinweht, ventilieren kann und die Hitze ausräumt.

    Müsste der Klimaschutz in der Stadtentwicklung ein größeres Augenmerk bekommen?

    Das müsste so sein. Denn das steckt noch in den Kinderschuhen. Würzburg hat vor drei oder vier Jahren einen städtischen Klimaschutzbeirat gegründet. Da bin ich als Wissenschaftlicher auch vertreten. Da werden genau solche Themen diskutiert. Wir wollen Städte nachverdichten und günstigen Wohnraum schaffen. Das konterkariert die Bemühungen um Grün und mehr offene Wasserflächen. Es ist ein diffiziles Problem, bei dem es viele Interessenkonflikte gibt und geben wird. Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt, ein Augenmerk auf unsere letzten Parkanlagen und Grünflächen in den Städten zu richten. Da haben wir in Deutschland eine Menge Luft nach oben.

    Kann man auch auf dem flachen Land etwas dafür tun, um ein Mikro-Klima zu schaffen, beispielsweise über zusätzliche Bepflanzungen?

    Eine Idee könnte sein, dass wir - wie es früher war - an unseren landwirtschaftlichen Nutzflächen, die heute monokulturell erschlossen werden, die Hecken zwischen den Feldern wieder beleben würden. Dann sollte aus der Theorie heraus zumindest die Turbulenz, also die Wirbel in der Atmosphäre, verstärkt und die besonders warme Luft, die über dem Acker entsteht, in die freie Atmosphäre entlassen werden. Das könnte ein interessanter Effekt sein. Mir sind dafür in Deutschland aber keine Feldstudien bekannt.

    Haben Sie das Gefühl, dass der Klimaschutz bei uns trotz aller Informationen nicht ernst genug genommen wird?

    Ernst genommen wird er schon, leider wird noch nichts gemacht. Wir haben ein Klima-Schutzpäckchen verabschiedet. Wenn es dann um die Umsetzungen geht, wird im Nachgang trotzdem alles wieder so verhandelt, dass alles möglichst spät kommt, zugunsten der Industrie und der Arbeitsplätze. Wobei letzteres Argument gerade eines ist, das ich seit über 20 Jahren höre. Wir haben damals gesagt: Wenn ihr nichts macht und sitzt das aus, dann werden andere das Geld mit der Transformation verdienen, und die Arbeitsplätze werden trotzdem dran glauben müssen. Und genau davor stehen wir jetzt.

    Wir müssten jetzt Maßnahmen tätigen, die kurzfristig unsere Wirtschaft in einigen Bereichen wahrscheinlich auch belasten würden, in anderen Bereichen aber auch große Impulse liefern würden, damit in zwei Generationen Menschen davon profitieren. Dazu braucht man schon ein großes Maß an Selbstlosigkeit. Da waren wir Menschen noch nie so gut drin.

    Es kommt immer wieder das Argument: Wenn wir was machen und die anderen nicht, dann bringt das ja gar nichts. Was sagen Sie dazu?

    Diejenigen, die als letzte die Transformation aktiv begleiten werden, werden diejenigen sein, die den geringsten wirtschaftlichen Nutzen daraus ziehen. Wir merken im Moment, dass eben die neuen Technologien nicht mehr aus Deutschland kommen, sondern aus ganz anderen Ländern. Das haben wir tatsächlich verschlafen. Ich glaube, wir haben das verschlafen, weil wir uns so wohlgefühlt haben in dem Wirtschaftssystem und seiner Dynamik in den letzten Jahren. Das Gespräch führte

    Heike Beudert

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