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    Bad Kissingen

    Für das Leben vor dem Tod

    "Sterben ist Alltag, aber nie Routine", sagt Rita Eber, eine der Ehrenamtlichen des Kissinger Hospizvereins. Mit Respekt...

    Noch am selben Tag hat ihr Mann beschlossen, nie wieder Auto zu fahren. Der Tumor in seinem Kopf, wegen dem er mit dem Wagen an der Garagenwand hängengeblieben war, war so groß wie ein Tennisball. Abwesend kam er ihr damals vor, erzählt Hannelore Wandelt. Neun Monate nach der Diagnose schlief ihr Ehemann ein und wachte nicht mehr auf. Alles kommt wieder hoch, wenn sie heute davon erzählt. Hannelore Wandelt saugt die Tränen mit einem Papiertaschentuch auf. Es ist kein halbes Jahr her, dass die 77-Jährige zur Witwe wurde. Eigentlich wollte sie zuerst sterben, sagt sie. Allein war sie während der Zeit nicht. "Man kann froh sein, dass man jemanden hat, den man anrufen kann." Jemanden wie Magdalena Markard und Rita Eber.

    Ehrenamt mit Feingefühl

    Ihr Mann war immer gut drauf, erzählt die 77-Jährige; hat gelacht, war fröhlich. Bis ihm der Arzt verkündete: Der Tumor ist wieder gewachsen. "Ab dem Zeitpunkt war es vorbei mit dem Lebensmut." Magdalena Markard weiß: "Es braucht Feingefühl: In welcher Phase ist derjenige gerade?" Klar, man könnte versuchen, jemanden zum Lachen zu bringen, meint Rita Eber. Das sei aber nicht das Ziel ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Die beiden Frauen sind Hospizbegleiterinnen. Sie erklären, dass sie die " Lebensfreude stärken" möchten - auf dem allerletzten Abschnitt eines Menschen. Sie wollen das Sterben leichter machen.

    Hannelore Wandelt hat sich den Ehering ihres Mannes hinter den eigenen am rechten Ringfinger angesteckt. Zweimal die Woche geht sie ins Fitness-Studio. Yoga, Rückengymnastik, für die Kondition aufs Laufband. Zuletzt saß sie jeden Tag neben dem Bett in der Klinik. Für ein paar Stunden Schlaf war sie heimgefahren. Es war früh an diesem Dienstag, als ihr Mann beschloss, nicht mehr aufzuwachen. "Man sagt ja, sie suchen sich die Zeit aus, in der die Angehörigen nicht da sind." Wer für Hannelore Wandelt und ihren Mann da war, war die Dame vom Kissinger Hospizverein. "Man ist nicht allein", sagt die 77-Jährige.

    "Man geht mit den Leuten auf und ab", sagt Magdalena Markard, eine der Ehrenamtlichen beim Hospizverein. Früher hat die 65-Jährige als Krankenschwester gearbeitet. "Ich kenne das Sterben." Nach dem Berufsleben wollte sie weiter für Menschen da sein und unheilbar Kranken beistehen. Es gehe um Respekt, sagt sie. "Hinhören, hinfühlen. Nicht mitleiden, sondern mitfühlen. Nur dann habe ich eine Chance, zu helfen."

    Wer auf diese Weise hilft, hat sich in einer Schulung zum Hospizbegleiter ausbilden lassen. Was es dafür braucht? "Man sollte einen Menschen als Menschen schätzen und würdigen", sagt Rita Eber. Jahrelang hat sie in der Pflege gearbeitet. Heute betreibt sie "Pflege auf mentaler Ebene". Magdalena Markard meint: "Es ist keine Frage des Alters, sondern der inneren Einstellung." Die Jüngste im Verein ist Anfang 20.

    Quirlig oder ruhig: Bei einem Erstgespräch loten Begleiter und Betroffene aus, ob die Charaktere zueinander passen, erklärt Michaela Kaiser, Koordinatiorin beim Hospizverein. Geschichten erzählen, zusammen aus dem Fenster schauen - einfach da sein. Manchmal, wenn ein Patient im Wachkoma liegt, klappt die Kommunikation nur über die Augen, erzählt Magdalena Markard. "Sterben ist einfacher, wenn jemand da ist, dem man vertraut", sagt Rita Eber. Wie stecken sie und die anderen Ehrenamtlichen den Verlust weg - jedes Mal aufs Neue? "Für mich ist der Tod etwas Menschliches. Er gehört zum Leben", sagt die 62-Jährige. Einmal im Jahr verabschieden sich die Ehrenamtlichen gemeinsam bei einer Trauerfeier; manchmal direkt bei der Beerdigung des Verstorbenen. Immer wieder besprechen sich die Hospizbegleiter untereinander. Magdalena Markard wünscht sich mehr, die sich an das Ehrenamt herantrauen und will Mut machen: "Man muss nicht perfekt sein, um sich um jemand anderen zu kümmern." Hannelore Wandelt ist auch jetzt, nach dem Tod ihres Ehemannes, froh, zu wissen, wen sie anrufen kann. "Es war einfach angenehm, dass da jemand ist, mit dem man reden kann. Einfach als Beistand."

    Hospizverein Bad Kissingen

    Verein Gegründet hat sich der Verein 1994. Der Hospizverein Bad Kissingen sieht sich als "weltanschaulich neutral, humanitären Werten und der christlichen Ethik verpflichtet". Aktive Sterbehilfe lehnt der Verein ab. Die Hospizbegleiter betreuen Sterbende und Angehörige zu Hause, im Krankenhaus, auf Palliativstationen und in Pflegeeinrichtungen.

    Kurse Regelmäßig beginnen Schulungen, in denen man sich als Hospizbegleiter ausbilden lassen kann. Der nächste startet am 10. September.

    Kontakt Der Bad Kissinger Hospizverein ist erreichbar unter der Tel.: 0971/7858856 oder 0151/22584920 und per Mail hospizverein_badkissingen@t-online.de . bcs

    Carmen Schmitt

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