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    Bad Kissingen

    Great Spas of Europe: Gentlemans Sport fürs Weltbad

    Das Badekommissariat verlegte die Tennisplätze in den Luitpoldpark. Seit 1907 wird dort gespielt. Quelle: Stadtarchiv
    Das Badekommissariat verlegte die Tennisplätze in den Luitpoldpark. Seit 1907 wird dort gespielt. Quelle: Stadtarchiv

    Von Tennis über Krocket und Golf bis zum Reiten, Motorsport und Fliegen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Bad Kissingen einen regelrechten Sport-Boom erlebt. Sportvereine gründeten sich, der Golfplatz an der Saale , die Tennisanlage an der Lindesmühlpromenade, der Tattersall als Reithalle und das Turniergebäude in der Au wurden gebaut. "Um 1912 hat Bad Kissingen massiv mit Sport geworben. Das war gerade die Mode", sagt Birgit Schmalz vom städtischen Unesco-Projektteam. Eine Anzeige aus diesem Jahr bewirbt bildgewaltig unter dem Titel "Hervorragende Gelegenheit für Sport aller Art" die verschiedenen modernen Sportstätten - die Heilquellen und gegen welche Leiden sie helfen werden dagegen nur in einem Textblock am Rand der Annonce erwähnt. Für die Vermarktung war der Sport wichtiger.

    Besonders angesagt waren englische Sportarten wie Golf, Reiten und Tennis . "Den Anstoß für diese Entwicklung haben die englischen Kurgäste gegeben", erklärt die Historikerin. Bad Kissingen war bei englischen Gästen beliebt. Weil viele Engländer an der Saale kurten, verlegten deshalb sogar englische Badeärzte während der Saison ihre Praxis in die Stadt. Die englischen Gäste schätzten aber nicht nur ihre eigenen Ärzte vor Ort. "Die wollten ihre sportliche Infrastruktur haben", ergänzt Peter Weidisch, Kulturreferent und Unesco-Projektleiter. Wenn ein renommierter Kurort modern und wettbewerbsfähig bleiben wollte, musste er seinen Gästen deren gewohnte Sport- und Freizeitbeschäftigungen bieten.

    Englischer Sport in den Badeorten

    Allerdings hatte Bad Kissingen zu der Zeit ein buntes internationales Publikum. Warum etablierten sich keine in Russland oder in Frankreich beliebten Sportarten? "Die Engländer galten damals als Leitnation", sagt Schmalz. Was in England "in" war, wurde anderswo übernommen. Große Badeorte wie Bad Kissingen waren dabei Vorreiter. "Die ersten Orte, an denen Sportarten mit großer Bandbreite Fuß gefasst haben, waren die Kurbäder . Das hängt mit deren Bedeutung als Weltbäder zusammen", erklärt Weidisch.

    Bad Kissingen besitzt zum Beispiel den ältesten Golfplatz und den zweitältesten Golfclub (1910) in Bayern. Tennisplätze gibt es dagegen schon länger. "Schon seit 1888 wird in Bad Kissingen Tennis gespielt", heißt es in einem Bericht der Saale-Zeitung zum 100-jährigen Jubiläum des Tennisclubs Rot-Weiß. "Es gab viele Tennisplätze in Bad Kissingen ", sagt Schmalz.

    Die Plätze des Badekommissariats für die Kurgäste befanden sich zunächst direkt am Kurgarten, an der Stelle, an der Max Littmann 1913 den Regentenbau errichtete. Ab 1905 überlegte die Kurverwaltung, die Plätze zu verlegen. Die Wahl für die königlichen Spielplätze fiel auf den heutigen Standort im Luitpoldpark. "Das Tenniscafé wurde im Kern sogar von Max Littmann gebaut", weiß die Historikerin.

    Was gab es noch? Für Krocket sind Plätze und Spielmaterial zur Verfügung gestellt worden, davon ist bis heute aber nichts mehr erhalten geblieben. Für den Reitsport wurde zunächst der Tattersall (1911) und später das Turniergebäude (1922) gebaut. Letzteres war auch für Motor- und Flugsportveranstaltungen gedacht. Auf einer Anzeige in der Saale-Zeitung wirbt die Turnierleitung 1922 für eine Automobil- und Motorsportwoche mit Sternfahrt, Schönheitskonkurrenz sowie Flach- und Bergrennen. Spektakulär ging es auf den Flugveranstaltungen zu. "Bei den Flugschauen kamen unter anderem die Fliegerasse des 1. Weltkriegs nach Bad Kissingen ", erzählt Weidisch.

    Radfahren am Rosengarten

    Die Stadt war aber nicht nur fortschrittlich bei Sportangeboten für Kurgäste , sondern auch für seine Bürger. Dort, wo heute der Rosengarten zum Verweilen einlädt, gab es bis 1913 eine Radfahrschule. Gefahren wurde in den üblichen Trikots. Schmalz: "Das galt als ganz fortschrittlich. Die Leute sind bewundert worden." Schwimmen war eher eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Aber auch für dieses Klientel hielt Kissingen als berühmter Kurort Angebote parat. Zum einen gab es das Flussschwimmbad am heutigen Campingplatz und das Musikerbad an der Saline.

    "Die Sportstätten für den Kurgast sind ein wesentlicher Bestandteil eines Weltbades", fasst Weidisch zusammen. Deshalb spielen die bis heute existierenden Sportanlagen eine Rolle beim Unesco-Weltkulturerbeantrag der Stadt als Teil der " Great Spas of Europe ". Turniergebäude, Tattersall, Tennisanlage und Golfplatz zählen zum Property, also zur zentralen Schutzzone.

    Zur Unesco-Serie

    Bewerbung Elf traditionsreiche Kurorte aus Deutschland, Tschechien, Österreich, England , Italien, Frankreich und Belgien wollen als " Great Spas of Europe " von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt werden. Welche Argumente führt Bad Kissingen an, als Teil der Gruppe welterbewürdig zu sein? Die Saale-Zeitung beleuchtet einmal im Monat die Hintergründe.

    Benedikt Borst

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