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    Maßbach

    Hier sind Sie richtig

    Selten, dass ein Theaterstück eine so deutliche Botschaft in seinem Titel hat: "Hier sind Sie richtig!" Die klassische Verwechslungskomödie des französischen Erfolgsautors Marc Camoletti, die als "La bonne adresse", die 1966 am Théâtre des Nouveautés am Boulevard Poissonnière in Paris herauskam, war von Anfang an ein internationaler Kassenschlager und ist es bis heute geblieben.
    Das Stück ist aber auch wirklich gut konstruiert, schon vom Personal her, das sich in einer Wohngemeinschaft gefunden hat.
    Da ist die naive Janine (Silvia Steger), eine junge Klavierlehrerin, die dringend einen (zahlenden) Schüler braucht. Da ist die Malerin Jacqueline (Sandra Lava ), die noch dringender einen jungen Mann sucht, der ihr als Spartacus Modell sitzen kann. Denn der Ölschinken vom römischen Gastmahl, an dem sie gerade arbeitet, soll in einen Wettbewerb gehen, und die Zeit drängt. Und dann ist da Georgette (Angela Koschel-de la Croix), Ballettratte von anno Tobak und Typ Generalswitwe, die einen ruhigen Mieter für ihre viel zu große Wohnung sucht, weil sie die beiden Künstlerinnen endlich rausschmeißen will. Ach ja, und Janine sucht auch noch einen Mann. Kein Versprechen auf ein friedliches, irritationsfreies Miteinander.


    Das Problem wird allerdings dadurch noch verschärft, dass die drei sich der Kleinanzeige als Suchmittel bedienen. Und um Kosten zu sparen, der gnadenlosen Abkürzerei. Das kannte man von Telegrammen, das setzte sich fort bei der SMS (die neueren Social Media sind ja eher fürs Aussülzen. O-Ton: "Bin heut früh aufgestanden, ey!" Gut, dass es Facebook gibt). Was VSOP, UAwg, GÜST oder 14u heißt, weiß man ja noch - oder? Aber die drei denken sich ihren Text und schreiben nur die Anfangsbuchstaben auf den Anzeigenauftrag. Man könnte das Kaputtsparen der Kommunikation nennen. Der Effekt ist klar: Nacheinander klingeln drei Männer an der Tür, die zwar ungefähr wissen, was sie selbst wollen, aber nicht von wem: der narzisstische Spartacus (Lukas Redemann), der schüchterne Bernard (Georg Schmiechen) und der verklemmte Jean (Marc Marchand). Und da die drei Frauen nichts von den Anzeigen der beiden anderen wissen, beziehen sie alles auf sich. Der vergnügliche Weg in die Katastrophe kann beginnen. Am Ende stehen die drei Herren mehr oder weniger derangiert alle in der Unterhose da, weil Jacqueline sie alle begutachten musste - Ladies' Night lässt grüßen. Und allen sechs brummt der Schädel vor Missverständnissen. Aber am Ende findet sich alles - bis es plötzlich ein viertes Mal klingelt - bevor das Licht ausgeht. Nur der aufmerksame Zuschauer weiß, wer das ist.
    Ingo Pfeiffer hat das Stück auf die Bühne gebracht. Er hat einerseits eine genaue Personenregie und ebenso genaue Profile entwickelt, in denen sich seine Leute trotz des hohen Tempos entfalten können. Er hat ihnen aber so auch viel Freiraum geschaffen, um genau das zu tun: Sie können die komödiantische Sau rauslassen, die Pointen ebenso auszukosten wie die Missverständnisse. Was sich da entwickeln kann, ist bestes schauspielerisches Handwerk auf der Basis einer kompromisslosen Handlung und eines geistreichen, manchmal auch etwas schlüpfrigen Textes. Das nutzt vor allem Lukas Redemann, den man bisher von eher zurückhaltenden Rollen kannte. Seine lächerlich gestelzte Präsentation des Modell-Spartakus, der beim Bodybuilding offenbar mal durchgefallen war und der mit Muskeln prahlt, die er nicht hat - bis ihm ein Krampf ein peinliches Ende bereitet - ist nicht nur höchst komisch, sondern verschleiert geschickt und unterhaltsam auch den etwas langsamen Anlauf, den Camoletti im ersten Akt braucht. So kann sich die Handlung bereits auf hohem Niveau verdichten.
    Die Krone geht allerdings an Angela Koschel-de la Croix. Wie sie die ehemalige Moulin-Rouge-Tänzerin zwischen pikiert und schlüpfrig, zwischen naiv und raffiniert, zwischen zerstreut und zielstrebig gestaltet und wie sie mit ihren Opern Katz und Maus spielt und doch eine gute Seele ist, das ist allerhöchste komödiantische Kunst. Chapeau!
    Allerdings hat Ingo Pfeiffer auch ein Bühnenbild, das mitspielt. Patrick Schmidt hat einen Pariser Salon auf die Bühne gestellt, der den Generationenkonflikt spiegelt. Denn der Möblierungskampf zwischen Empire und Modernismus ist noch nicht entschieden. Vor allem aber hat er die Freitreppe als Klaviatur mit weißen und schwarzen Tasten ausgelegt. Wer nicht ganz außen geht, kann beim Hinauf- und Hinuntersteigen Melodien spielen oder Gefühle zum Klingen bringen. Kein Wunder, dass Ingo Pfeiffer, der "Hauspianist", das reichlich auskostet. Allerdings: Triller gibt es keine. Obwohl Silvia Steger die schaffen würde. Nicht, weil sie die Klavierlehrerin ist, sondern aufgrund ihrer gymnastischen Fähigkeiten: Sie kann von allen am besten mit hohem Tempo auf der Stelle treten. Also: Wer sich einen Abend köstlich unterhalten will: H. s. S. r.! Thomas Ahnert

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