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    Münnerstadt

    In Münnerstadt: Leidenschaft, Kraft und Sehnsucht bei "Meer und Mehr"

    Die Litera(n)ten begeisterten mit ihren szenischen Vorlesungen im Deutschherrnkeller in Münnerstadt zum Thema "Meer und Mehr". Foto: Hartmut Hessel
    Die Litera(n)ten begeisterten mit ihren szenischen Vorlesungen im Deutschherrnkeller in Münnerstadt zum Thema "Meer und Mehr". Foto: Hartmut Hessel

    "Und der Haifisch, ... ." Den Rest kennen Sie aus der Brecht/Weil´schen "Dreigroschenoper. Sie hätten aber auch die Neuinterpretierung durch Bernt Sieg erleben können. Der Litera(n)t der gleichnamigen Münnerstädter szenischen Vorlesetruppe wagte sich in der Vorstellung im Deutschherrnkeller zum Thema "Meer und Mehr" in die Rolle des Mackie Messer und gewann.

    Zuerst waren es die ehrfürchtig-staunenden Musiker, dann kurze Sekunden später das in den Gesang einfallende Publikum, welches es dem Interpreten leicht machte, die Einsätze in die Melodie richtig zu setzen. Bereits vorher konnten die Gäste im fast voll besetzten Deutschherrnkeller die Zähne der diesmal besonders gut aufbereiteten Literatur-Choreografie von Bärbel Fürst erkennen. Die dann auch dank eines langen Schauspielerlebens von Jens-Müller Rastede sich in kurzen Spielszenen austoben konnte. Rastede, der natürlich seine Dialektik einbringen konnte, ließ in der Komik kaum ein Auge trocken. Das gelang dem musikalisch-literarischem Ensemble diesmal ganz besonders. In sprichwörtlich, schäumenden, manchmal sonnig plätschernden Meereswellen kamen die Beiträge daher. Dem Publikum wurde salzig um den Mund, wenn es Texte von René Goscinny, (Asterix und Obelix) hört, der seine familiären Erfahrungen mit Schiffsreisen von Argentinien nach Frankreich als Kind und Jugendlicher einordnete in "Tänzerschiffe" Spielerschiffe," Trinkerschiffe und Beischläferschiffe", wobei sich fließende Übergänge natürlicherweise ergeben haben. "What shall we do with the drunken sailor", sangen dazu Milli Genth, Sabine Häring und Detlev Beck, samt dem Gästechor.

    Zum Mitsingen animiert

    Überhaupt, es musste nicht extra ein Wirtshaussingen anberaumt werden bei diesem musikintensiven Abend. Es war die Auswahl, deren Melodien mit einfachen Texten zum Mitsingen animierten, was Entertainerin Milli Genth immer wieder herausforderte. Ihre "La mer"-Interpretation in flüssigem Französisch war aller Ehren wert. Mit Detlev Beck und seiner Frau Sabine Häring, die an verschiedenen Instrumenten fit sind, und dies mehrfach unter Beweis stellten, verbindet die Lokalmatadorin eine lange musikalische Freundschaft.

    "Ein Schiff wird kommen", wird in "gegenderter" Version gesungen - denn da steht plötzlich ein Junge am Hafen und macht irgendwen glücklich. Elke Heidenreichs romantische Eindrücke vom ersten Nordsee-Besuch als Kind auf der Insel Borkum setzt bei so manchem Anwesenden eigene Erinnerungen frei. Wobei es heute eher so ist, dass Kinder ihre ersten Stranderlebnisse unter südlicher Sonne rund ums Mittelmeer erfahren. Dass das Meer mehr für Männer als für Frauen übrig hat, ist literarisch seit Jahrtausenden belegt: "Die Männer beherrschen und bezwingen das Meer, sei es als Kämpfer, Seefahrer oder Fischer. Sie setzen sich mit Ungeheuern, weißen Haien und verführerischen Sirenen auseinander". Die Frauen - warten.

    Ein Wink an die Vereinigten Staaten von Amerika

    Wie "Iphigenie auf Tauris": Und an dem Ufer steh' ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele suchend". Mehrere vorgetragene Beispiele in Gedichten oder Essays , etwa von Homer (ca.8.Jhd.v.Chr.), Charles Baudelair (1821 - 1867) oder Henrik Ibsen (1828 - 1906). Auch Heinrich Heine(1796 - 1856) und Erich Fried (1921 - 1988) konnten zu den Meeresgefühlen in Gedichten etwas beitragen. Der eine spürt "die Nixen" auf, der andere fordert bei Ansicht des "Meeres" zum Schweigen auf. "The Sea", ein Song von Moorcheba, lässt buchstäblich einem die Haare ins Gesicht blasen. Das Meer sei ein Synonym für Leidenschaft, Kraft und Sehnsucht, setzen die Litera(n)ten als Pflock für die weiteren Geschichten. Natürlich darf dabei die Titanic nicht fehlen, deren Reederei, wie auch die anderen bis von 1820 bis 1920 circa 32 Millionen Europäer nach Nordamerika schifften. An den "Wirtschaftsflüchtlingen" in den Unterdecks verdienten sie viel Geld und investierten protzig in den Wettbewerb um die "Schnellste Überfahrt" - das blaue Band. Mit Überheblichkeit und damit nachlassender Sicherheit wurde das mit dem Untergang der Titanic übel bestraft. Der Wink ist klar, die USA von heute will davon nichts mehr wissen, dass Menschen aus wirtschaftlicher Not an die Sonnenseiten der Erde strömen. Gilt das auch für uns?

    Freundschaft und Sehnsucht auf dem Meer

    Die "Andrea Doria" war das letzte Fahrgastschiff, welches auf der Transatlantik-Route gesunken ist. Wir wissen nicht unbedingt von dem Unglück, sondern kennen Udo Lindenbergs Songversion aus dem Jahre 1974. Die Litera(n)ten-Musikanten lassen auch hier das Publikum kräftig mitsingen.

    Eine längere Passage wurde aus "Moby Dick" vorgetragen, der Geschichte um den Walfang und eine Suche nach Freundschaft und Sehnsucht auf dem Meer. Dass der Genuss eines Walsteaks inzwischen erheblich eingeschränkt ist, macht die Sequenz um den Smutje und das Lieblingsessen von Stubbs umso geschmackvoller. Zumal die Konkurrenz bei der Jagd und dem Verzehr von Walfleisch auf hoher See für den Menschen damals immer zugunsten der Haie ausging.

    Da wären wir wieder bei Bernt Sieg und der Dreigroschenoper. Und bei den anderen, die als Litera(n)ten- Ensemble schon weitere Projekte ankündigte. Also bis zum nächsten Mal" war der Abschiedsgruß von Bärbel Fürst. Hätte noch gefehlt "#Ohwieschönistmünnerstadt' s Kulturle

    Hartmut Hessel

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