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    Bad Kissingen

    Kissinger Sommer: Liederabend mit Julia Lezhneva

    Die Sopranistin Julia Lezhneva , Artist in residence des Kissinger Sommers 2019, begeisterte auch beim Liederabend in der Erlöserkirche das Publikum.  Thomas Ahnert
    Die Sopranistin Julia Lezhneva , Artist in residence des Kissinger Sommers 2019, begeisterte auch beim Liederabend in der Erlöserkirche das Publikum. Thomas Ahnert

    Sie ist in diesem Jahr Artist in residence des Kissinger Sommers. Vor einer knappen Woche hatte die Sopranistin Julia Lezhneva bei ihrem ersten Auftritt im Regentenbau mit Dmitry Sinkovsky und seinem Ensemble "La voce strumentale" nicht nur spektakulär deutlich gemacht, dass diese Wahl ein echter Volltreffer war, sondern sie hatte auch beste Werbung für ihre beiden folgenden Konzerte gemacht. Jetzt hatte sie zu einem Liederabend in die Erlöserkirche geladen. Er stand unter dem aufrüttelnden Thema "Herzensstürme". Aber Julia Lezhneva und ihr Klavierpartner Mikhail Shekhtman machten deutlich, dass die Liebe nicht immer stürmische Auftritte braucht, sondern auch auf leisen Sohlen daherkommen kann.

    Die Programmauswahl hat vielleicht den einen oder anderen ein bisschen irritiert, weil Julia Lezhneva bunt gemischt hatte, himmelhoch jauchzend neben zu Tode betrübt, lustig neben traurig, fromm neben unfromm. Aber sie wollte ganz offensichtlich alles zeigen, was sie drauf hat, und für das Publikum hatte die Zusammenstellung den Vorteil, dass sich die eine oder andere Betrübnis zwar einstellen, aber nicht einnisten konnte.

    Vor allem aber zeigte sich, wenn man den Vergleich mit Cecilia Bartoli nach dem ersten Konzert fortspinnen wollte, dass Julia Lezhneva sich nicht auf den "canto fiorito" konzentriert, sondern auch erfolgreich im "canto naturale" angekommen ist, dass sie sich auch mit der Musik jenseits des Barock auseinandersetzt, dass sie sich mit dem Kunstlied befasst. Und das ist bekanntlich ein Kapitel für sich.

    Wobei sich als interessanter Aspekt die Sprache ergab. Italienisch singt Julia Lezhneva perfekt, das war Teil ihrer Ausbildung schon in Russland. Englisch hat sie spätestens bei ihrem Studium in Cardiff gelernt, und es ist ja auch zu ihrer Konversationssprache außerhalb von Russland geworden. Beim Deutschen merkt man den Lernprozess bei manchen Lauten noch - vor allem bei dem silbenanlautenden "h", mit dem die russische Phonetik allgemein so ihre Probleme hat. Bei ihr wird sich das geben.

    Was halt wieder so beeindruckte, war neben ihrer absoluten technisch-intonatorischen Souveränität, die sie mit ihrer Stimme wirklich alles machen lässt, was nur denkbar ist, ihre gestalterische Kompetenz. Julia Lezhneva weiß genau, wovon sie singt, wie sie die emotionalen Kurven anlegt, um größtmögliche Wirkung zu entfalten. Wie etwa in Joseph Haydns "The Mermaid Song", das, vom Klavier gemütlich wiegend in Gang gebracht, immer werbender wurde, bis man sich den Seemann nicht mehr vorstellen konnte, der nicht mit der Meerjungfrau zu den bunten Korallenfelsen hinabsteigt.

    Oder in "O liebes Mädchen, höre mich", das von floskelhafter Anmache zu echter Innigkeit gelangte. Und das erfreulich schnell. Denn Lezhneva und Shekhtman hatten einige der enervierend langen, immer gleichen Strophenlieder dankenswerterweise mehr oder weniger radikal gekürzt und sich auf Ausgang und Ende konzentriert. Der musikalische Gehalt wurde trotzdem deutlich, und der Inhalt hatte seinen Anfang und sein Ende.

    Ein kleines Zeugnis humorvoller Gestaltung wurde Haydns "Lob der Faulheit" nicht nur wegen seiner verschmitzten Logik, sondern auch wegen seiner gesungenen und gespielten Müdigkeitsanfälle.

    Andererseits, bei Mozart: "Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte", da spürte man mit Anteilnahme das Hin und Her zwischen Wut über die Treulosigkeit des Geliebten und die Trauer darüber, ihn nur deshalb in die Wüste schicken zu müssen. Andererseits spiegelten sich Trauer und Versöhnlichkeit in den verhaltenen Koloraturen von "Auf meines Vaters Grab". Dagegen entwickelte sich in dem stark kolorierten kleinen Walzerlied "La pastorella al prato" von Schubert der ganze Charme einer idyllischen Hirtenliebe.

    Rossinis dreiteilige "Regata veneziana" wurde zu einer kleinen Komödie. Da war Julia Lezhneva ganz die junge Anzoleta, die den geliebten Momolo vom Balkon aus anfeuert. Da entwickelte sie ein köstliches, ein bisschen überdrehtes Wechselbad der Gefühle, als sei sie selbst dabei gewesen, da war jede Distanz verschwunden. Um sofort die Ernsthaftigkeit der Zuneigung in Bellinis "Ma rendi pur contento" entgegenzusetzen.

    Bei den Liedern von Glinka, Tschaikowsky und Rachmaninow zeigte sich die absolute Kompetenz der Muttersprachlerin, da flossen Musik und Sprache wirklich ineinander, wie bei Glinkas "Ich erinnere mich an den magischen Moment", in dem Julia Lezhneva die Erinnerungen eines Gefangenen an eine Liebe in ihrer ganzen Vielschichtigkeit gestaltete. Oder bei dem relativ tief gesetzten "Nur wer die Sehnsucht kennt", das zum Vergleich mit den Vertonungen von Beethoven, Schubert, Schumann und Wolf geradezu herausforderte und keineswegs schlecht abschnitt. Oder bei Rachmaninows "Traum" mit seiner sich verdichtenden Klavierstimme, die die Gesangsstimme in eine euphorische Öffnung treibt. Die "Frühlingsfluten" waren ein wunderbarer Schluss. Den wenn in Russland der Schnee schmilzt, steigt nicht nur der Stimmungspegel.

    Das restlos begeisterte Publikum forderte vier Zugaben, die noch einmal Julia Lezhnevas breites Spektrum zeigten: "Agitata da due venti" aus Antonio Vivaldis Oper "Griselda", das Schluss-Alleluja aus dessen Motette "In furore iustissimae irae", "Ellens Gesang III ,Hymne an die Jungfrau" D 839, besser bekannt als "Ave Maria" von Franz Schubert , und "Margaritki" op. 38/3, eines der allerletzten Lieder, die Sergej Rachmaninow 1916 schrieb, bevor er ein Jahr später Russland endgültig verließ und - leider - auch die Liedproduktion einstellte.

    Thomas Ahnert

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