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    Bad Kissingen

    Landkreis Bad Kissingen: Südlink im Osten, Masten im Westen?

    Vor gut zwei Jahren war der Widerstand gegen Südlink riesig:  Bei der Antragskonferenz demonstrierte unter anderem die  Bürgerinitiative "Sinntal gegen die Stromtrasse" vor dem Regentenbau Bad Kissingen, rund 11 000 Bürger unterzeichneten damals eine Resolution gegen die Stromtrasse mit Masten. Mittlerweile ist es ruhiger geworden: Gegen die P 43 hat noch fast niemand unterschrieben.Ralf Ruppert
    Vor gut zwei Jahren war der Widerstand gegen Südlink riesig: Bei der Antragskonferenz demonstrierte unter anderem die Bürgerinitiative "Sinntal gegen die Stromtrasse" vor dem Regentenbau Bad Kissingen, rund 11 000 Bürger unterzeichneten damals eine Resolution gegen die Stromtrasse mit Masten. Mittlerweile ist es ruhiger geworden: Gegen die P 43 hat noch fast niemand unterschrieben.Ralf Ruppert

    Ingo Queck, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Sinntal gegen die Stromtrasse", ist sich sicher: "Die Bedrohung durch die P 43 ist für unsere Region sogar noch höher als die durch Südlink ." Eine 380-Kilovolt-Wechselstrom-Doppelleitung soll ab dem Jahr 2030 das hessische Dipperz mit dem unterfränkischen Bergrheinfeld verbinden. "Diese Variante ist die kürzeste und bringt die geringste Gesamtbelastung", heißt es im Vorschlag des Bundeswirtschaftsministeriums zur "Lösung im Dreiländereck Bayern, Hessen und Thüringen."

    Während die Staatsregierung in München den Kompromiss mit dem Bund feierte und Oberfranken sich freute, dass die P 44 von Schalkau in Thüringen nach Grafenrheinfeld gekippt wurde, läuteten in Unterfranken die Alarmglocken. Als "Opfer des Kompromisses" bezeichnete selbst CSU-Landrat Thomas Bold den Landkreis Bad Kissingen . Er geht davon aus, dass die neue Leitung "genau unsere Heimat durchqueren" wird. Der Landkreis hatte vor allem auf die Alternative auf der bestehenden Trasse von Dipperz nach Urberach, die sogenannte P 43 mod, gehofft, die jedoch ebenso verworfen wurde wie die "bisher von den Netzbetreibern und der Bundesnetzagentur als zwingend erforderlich angesehene Leitung P 44 samt Alternativen".

    "Die Region verraten"

    " Hubert Aiwanger hat die Region verraten", greift Markus Stockmann, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Der Gegenstrom Elfershausen", den Wirtschaftsminister der Freien Wähler an. Er verweist auf den Kompromiss nach dem Kampf gegen die Höchstspannungs-Gleichstrom-Trasse " Südlink ": Erdkabel auf der gesamten Länge und keine Trasse durch "schützenswerte Gebiete": "Hier war die Rhön gemeint", betont Stockmann.

    Nur abschnittsweise Erdkabel

    Die Vereinbarung mit der Großen Koalition sei nun dahin: "Das ganze Verfahren fängt von vorne an." Stockmann glaubt auch nicht den Beteuerungen der Staatsregierung, dass die Wechselstromleitung ohne Masten auskomme: "Es ist ein Irrglaube zu meinen, dass die P 43 als Erdkabel kommen wird, auch wenn dies von der Politik versprochen wurde."

    Auch das Bundeswirtschaftsministerium schränkt im Hinblick auf die P 43 ein: "Aus netztechnischen Gründen ist die Erdverkabelung bei Drehstromvorhaben nur auf Teilabschnitten möglich." Bei bereits geplanten Vorhaben schließt der Kompromiss zwischen Bund und Ländern Erdkabel bereits so gut wie aus, weil "eine Umplanung auf Erdkabel zu mehrjährigen Verzögerungen und damit zu gravierenden Netzengpässen führen" würde.

    Weil es für den südlichen Abschnitt der P 43 zwischen Dipperz und Bergrheinfeld zumindest noch keinen Trassen-Vorschlag gibt, soll zumindest eine abschnittsweise Erdverkabelung geprüft werden. Zuständig dafür ist die Bundesnetzagentur , die auf Nachfrage ebenfalls bestätigt, dass im Gegensatz zu den großen Gleichstromleitungen bei den Wechselstromleitungen durchgehende Erdkabel unwahrscheinlich sind.

    Bislang erst 612 Unterschriften

    "Alle Aussagen deuten darauf hin, dass die P 43 kommt", ist auch der Mottener CSU-Bürgermeister Jochen Vogel sicher, und: "Es geht entweder auf der einen oder der anderen Seite der Mottener Haube entlang, im Altlandkreis Bad Brückenau müssen alle die Augen und Ohren offen halten." Umso erstaunlicher ist, dass in den vier Kommunen der VG Bad Brückenau bislang kein einziger Bürger die Resolution des Landkreises gegen die P 43 unterschrieben hat. In der Stadt Bad Brückenau waren es laut einer Umfrage dieser Zeitung zu Beginn der Woche 27, in Motten immerhin 61. Insgesamt gibt es im Landkreis bislang erst 613 Unterschriften.

    Unmittelbar nach dem Kompromiss des Bundeswirtschaftsministers mit den Ländern Bayern, Hessen und Thüringen (siehe Titelseite) haben der Landkreis Bad Kissingen und die Kommunen protestiert: In einer Resolution wird gefordert, "den transparenten und für die Bevölkerung verständlichen Nachweis zu erbringen, dass die P 43 tatsächlich erforderlich ist und das damit verfolgte Ziel nicht auch durch andere netztechnische Maßnahmen erreicht werden kann". Der Kreis hofft auf höhere Übertragungsleistungen vorhandener Leitungen oder Optimierung des vorhandenen Netzes. "Vorrang sollte aber auch der Bau neuer Leitungen wie der P 43 mod in bereits bestehenden Trassen haben", heißt es weiter.

    Seit Anfang August liegt die Resolution in Rathäusern und im Landratsamt aus. Die Rückmeldung aus 25 der 26 Kommunen zeigt jedoch, dass das Interesse bis jetzt gering ist: 455 Bürger haben bis Wochenmitte in den Kommunen unterschrieben (nur von Oerlenbach kam keine Rückmeldung), im Landratsamt waren es 156 Bürger aus dem Landkreis und zwei von außerhalb. Zum Vergleich: Gegen Südlink hatten vor vier Jahren noch 11 252 Bürger ihren Protest namentlich dokumentiert.

    In sechs Kommunen blieben die Listen komplett leer: in Hammelburg, Bad Bocklet, Geroda, Oberleichtersbach, Riedenberg und Schondra. In Wartmannsroth zählte die Verwaltung erst zwei, in Nüdlingen und Münnerstadt jeweils fünf, in der VG Euerdorf sieben, in der VG Maßbach zwölf, in Wildflecken 13, in Burkardroth 17 und in Bad Kissingen zehn Unterschriften, obwohl zum Beispiel in Bad Kissingen 21 527 Bürger ab 16 Jahren mitmachen könnten. Größer ist das Interesse in der VG Elfershausen (144 Eintragungen), in Oberthulba (65), Zeitlofs (37) und Motten (61).

    Offiziell läuft die Aktion noch bis Ende September, allerdings liegen die Listen in einigen Kommunen (Motten, Bad Brückenau) nur bis 25. September und in einigen bis 27. September aus, darunter Elfershausen oder Nüdlingen. In den meisten Gemeinden können sich die Bürger während der üblichen Öffnungszeiten der Verwaltung eintragen, lediglich in Zeitlofs liegt eine Liste beim Bäcker aus. "Die Listen sollen aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht offen ausliegen, und die schon auf der Liste befindlichen Namen sollen abgedeckt werden", teilt Jürgen Metz vom Landratsamt mit. Die Handhabung sei aber den Kommunen überlassen.

    Nur 15 Prozent Auslastung

    Laut Markus Stockmann, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Der Gegenstrom Elfershausen", sammeln auch die Bürgerinitiativen Unterschriften, unter anderem bei der heutigen Mitgliederversammlung der BI "Sinntal gegen die Stromtrasse" um 19.30 Uhr in der Gaststätte "Breitenbach" in Römershag. Laut Stockmann gab es auch bereits erste Gespräche mit dem Netzbetreiber Tennet . Das Ziel dabei: "Die Schutzwürdigkeit der Rhön darf weiterhin nicht gefährdet werden", sagt Stockmann, und: "Wir werden versuchen, alles mögliche zu tun."

    Landrat Thomas Bold ( CSU ) ist wichtig, dass durch die Unterschriftenaktion die Bevölkerung im Kreis rechtzeitig unterrichtet wird und jeder Bürger seinen Unmut kund tun kann. Bold kündigte an, sich "ungeachtet der Anzahl der Unterschriften auch weiterhin für die Interessen der Bevölkerung im Landkreis Bad Kissingen bei den Netzausbauvorhaben einzusetzen".

    Neben der Unterschriftenaktion können sich Bürger auch direkt einbringen: Nach dem Kompromiss von Bund und Ländern prüft die Bundesnetzagentur aktuell die "energiewirtschaftliche Notwendigkeit der Projekte P43 wie auch P44". Dazu laufe noch bis Mittwoch, 16. Oktober, eine "öffentliche Konsultation". Die Unterlagen dazu gibt es unter www.netzausbau.de . "Da kann sich jeder Bürger beteiligen", stellt eine Sprecherin der Bundesnetzagentur klar. Einwände könne es zu allen Themen geben, von der Umweltprüfung bis zur Methodik der Bedarfsermittlung. Oder einfach zu Ungereimtheiten: Im "Netzentwicklungsplan Strom 2030" sind die 80 Kilometer von Dipperz nach Bergrheinfeld auf Seite 183 unter "Ausbau" eingetragen, in den vorläufigen Prüfungsergebnissen zur Bedarfsermittlung dagegen steht die Fläche auf Seite 154 als "Bestand". "Das ist ein Fehler", bestätigt eine Sprecherin. Und eine letzte Zahl: Die durchschnittliche Auslastung der neuen Leitung wird mit 15 Prozent angegeben.

    Ralf Ruppert

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