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    LKR Bad Kissingen

    Landkreis Bad Kissingen: Wie geht Notfallseelsorge?

    Er ist eine wichtige Stütze in Extremsituationen. Notfallseelsorger Stephan Hartmann berichtet von seinen Einsätzen.Dabei braucht er starke Nerven.
    Neongelb tragen Notfallseelsorger, damit sie bei Unfällen gut sichtbar sind. Charlotte Wittnebel-Schmitz       -  Neongelb tragen Notfallseelsorger, damit sie bei Unfällen gut sichtbar sind. Charlotte Wittnebel-Schmitz
    Neongelb tragen Notfallseelsorger, damit sie bei Unfällen gut sichtbar sind. Charlotte Wittnebel-Schmitz

    Ein schweres Unglück? Das passiert nur anderen. Diese Vorstellung hilft, im Alltag nicht ständig Angst zu haben. Und dann ist der Moment doch da. Ohne Vorwarnung drängt er sich ins Leben. Plötzlich gibt es keinen Alltag mehr. Ohne es zu wollen, in eine Situation zu geraten, die alles Bisherige verändert. Eine Ausnahmesituation. Dann ist es gut, wenn jemand da ist. Jemand, der unterstützt. Das ist die Aufgabe von Notfallseelsorgern. Jeder Einsatz ist eine Herausforderung.

    Ein Beispiel: "Der 80-jährige Ehemann ist zu Hause aufgrund eines Herzinfarktes verstorben. Der Rettungsdienst ist da. Die 82-jährige Ehefrau ist völlig durch den Wind." So beschreibt Dekan und Notfallseelsorger Stephan Hartmann ein mögliches Einsatz-Szenario.

    Wie lässt sich helfen? Eine Möglichkeit: Der Notseelsorger hilft der Ehefrau, sich vom Verstorbenen zu verabschieden. Wenn die Frau es wünscht, sprechen sie gemeinsam ein Gebet. Die Notfallseelsorge arbeitet ökumenisch.

    Mit beim Einsatz ist ein Notfallrucksack. Darin befinden sich Kerzen, eine Bibel , ein Plüschtier, Ausmalbilder und ein Handschmeichler zur Beruhigung. "Manchmal braucht jemand auch einen Schnaps", sagt Hartmann.

    Während eines Einsatzes kümmert sich Hartmann auch darum, dass Familie, Freunde oder Nachbarn verständigt werden. "Ziel ist es, ein soziales Umfeld herzustellen. Es geht darum, ein tragendes Netz aufzubauen, das sich um Betroffene kümmert, wenn die Notfallseelsorger wieder gehen", sagt Hartmann. Die Seelsorger hinterlassen Flyer bei den Angehörigen, die auf Beratungsstellen und Trauerbegleitung hinweisen.

    Wenn die Integrierte Rettungsleitstelle in Schweinfurt anruft, beginnt ein Einsatz. Jeder Einsatz ist anders. "Ich könnte kein Lehrbuch schreiben, vor Ort muss man flexibel und nach Gefühl entscheiden", sagt Hartmann.

    Schwere Unfälle

    Trotzdem gibt es Ereignisse, bei denen die Integrierte Rettungsleitstelle Schweinfurt die Notfallseelsorger typischerweise anruft.

    Dazu gehören schwere Unfälle. Beistand brauchen Angehörige , die einen Unfall miterleben oder einen geliebten Menschen verlieren. "Auch ein Augenzeuge, der sieht, wie sich das Auto überschlägt, kann Hilfe benötigen", sagt Hartmann.

    "Wir sagen den Menschen, was normal ist, wenn man so eine schreckliche Situation erlebt." Bilder, die sich vom Unfall aufdrängen, wenn man an der Unfallstelle vorbeifährt, seien nichts Ungewöhnliches. "Aber sie dürfen einen nicht steuern."

    Sei das der Fall, bauche es professionelle Hilfe . Das machen dann aber nicht die Notfallseelsorger. Sie sind fast ausschließlich für die akute Notsituation zuständig.

    Auch Ersthelfer an der Unfallstelle brauchen manchmal Hilfe , um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Besonders niederschmetternd ist es, wenn Rettungsversuche vergeblich bleiben. "Es geht nicht um Schuld", sagt Hartmann.

    Oftmals sei es wichtig, dass ein Arzt als objektive Kraft bestätige, dass der Mensch nicht gerettet werden konnte. Manchmal sind Menschen nach einem Unfall so geschockt, dass auch Autofahren nicht mehr geht. "Wir fahren sie dann nach Hause", sagt Hartmann.

    "Man erlebt die ganze Bandbreite an Notfällen." Auch Suizid gehört dazu. Das Überbringen der Todesnachricht übernimmt die Polizei . Der Seelsorger bleibt, um das Geschehene mit den Menschen aufzuarbeiten. "Im Vorfeld informiert uns die Polizei über die Hintergründe." Mit dem Wissen im Hinterkopf ließe sich den Angehörigen besser helfen.

    Die schreckliche Nachricht zu akzeptieren, falle vielen schwer. "Das ist ein Albtraum! Wenn ich aufwache, ist es ganz anders", hört Hartmann oft bei seinen Einsätzen. Dann sehe er es auch als seine Aufgabe, den Menschen zu sagen: "Nein, es ist kein Traum. Sie müssen sich damit auseinandersetzen, derjenige wird nicht mehr wiederkommen."

    Wenn die Welt für jemanden zusammenbricht, dann versucht ein Notfallseelsorger, doch noch für etwas Stabilität zu sorgen. Besonders wichtig: "Die Betroffenen sollen spüren, da ist jemand, auf den ich mich verlassen kann."

    Als Notfallseelsorger muss man stressresistent sein. Ein Gespür für Zwischenmenschliches und Flexibilität ist erforderlich. Ab 23 Jahren kann man als Notfallseelsorger arbeiten. Auch die Kirchenzugehörigkeit gilt als eine Voraussetzung.

    Im Landkreis Bad Kissingen gibt es zwei Bereiche für die Notfallseelsorge. Die Autobahn A 7 bildet die Grenze. Alles, was westlich der Autobahn liegt, gehört zum System West. Alles, was östlich der A 7 liegt, ist System Ost. In beiden Systemen sind insgesamt 18 Notfallseelsorger tätig.

    Die Notfallseelsorge ist ökumenisch. Das heißt, evangelische und katholische Hauptamtliche arbeiten mit Ehrenamtlichen zusammen. Marcus Döbert aus Bad Kissingen, Pfarrer des evangelisch-lutherischen Dekanats Schweinfurt, ist ebenfalls als Notfallseelsorger tätig.

    "Von etwa 70 Prozent der Betroffenen erhalten wir eine sehr gute Rückmeldung. Jeder Zweite ruft an, schreibt einen Brief oder eine andere Botschaft als Dank", sagt Hartmann. Und er fügt hinzu: "Wenn jemand Interesse hat, Notfallseelsorger zu werden, dann ist er ganz herzlich willkommen", sagt Hartmann.

    Ausbildung zum Notfallseelsorger

    Zeitraum ganztägig in einer Woche oder modulartig in mehreren Wochen

    Interessierte melden sich bei Maritta Ziegler, Leiterin des Diözesanbüros Bad Kissingen , 0971 1448 oder dioezesanbuero.kg@bistum-wuerzburg.de

    Ehrenamt Notfallseelsorge ist immer ehrenamtlich. Auch für Hauptamtliche.

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    Charlotte Wittnebel-Schmitz

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