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    Bad Brückenau

    Lasst Jan Ullrich in Ruhe

    Der ehemlige  Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich   Ennio Leanza/Keystone, dpa (Archiv)
    Der ehemlige Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich Ennio Leanza/Keystone, dpa (Archiv)
    Der frühere Radprofi Jan Ullrich soll sich zum Entzug in der "My Way Betty Ford"-Klinik in Bad Brückenau aufhalten. Eine Bestätigung ist nicht zu erhalten, der 44-Jährige ist Patient und die Klinik besticht durch absolute Vertraulichkeit. Das ist die Nachricht.
    Alles andere, was in den letzten Tagen über den Menschen Ullrich geschrieben wurde, ist schlicht ekelhafte Schlüsselloch-Spioniererei. Geifernd und sabbernd wird von vielen Menschen und Medien aus der Krise eines Menschen Kasse gemacht. Oder Publicity. Was ficht Schauspieler Til Schweiger an, die Vorfälle auf Mallorca eins zu eins Boulevard-Zeitungen weiterzugeben? Schweiger gibt sich fürsorglich und verkauft das Öffentlichmachen als Freundschaftsdienst. Der Tenor: Durch die öffentliche Demütigung könne er ihn zum Entzug bewegen. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
    In der Causa Ullrich versagten in vielen Redaktionen jegliche Beißhemmungen. Allen voran in den Räumen der Bild-Zeitung.
    Da werden zum x-ten Mal in diesen Tagen Intimitäten und höchst Privates von Ullrich auf die Titel-Seite gepackt. Was bitteschön geht es uns an, wie viele Geld Ullrich noch auf dem Konto hat? Scheinheilig fragt die Bild: "Wann geht Ullrich das Geld aus?", um 18 Zeilen später dem Leser Entwarnung zu geben: Er habe noch ein Vermögen im "hohen einstelligen Millionenbereich". Da dürfte aber ein Seufzer der Erleichterung durch Deutschlands Wohnzimmer und Baustellen gehen: Ullrich wird die Klinikrechnung noch selbst zahlen können.

    Es ist wohl die Lust am Niedergang - und nein, es war früher nicht besser. Wer erinnert sich noch an den stinkbesoffenen Harald Juhnke, den niemand vor der laufenden Kamera schützte?
    Während die Bild die Zigaretten zählt, die Ullrich raucht - wenn Sie es auch wissen wollen: drei gleichzeitig - werden auf anderen Kanälen wie RTL vergessene Sportpromis aus der verstaubten Kiste der Ex-Werbepartner gezogen. Henry Maske zum Beispiel. Der darf zunächst seine Frau loben. Weil er eine "wunderbare Frau hat", so liest es sich auf t-online zwischen den Zeilen, ist ihm so etwas nicht passiert. "Es gibt Höhepunkte und es gibt möglicherweise Schwierigkeiten und damit umzugehen, da hat man nicht immer die richtige Hand an der Seite und da muss man sich manchmal auch selber durchbeißen." Hat sich Maske einmal überlegt, wie es Frau Ullrich gehen muss, wenn sie so etwas liest? Die Frau, die Jan Ullrich mit den gemeinsamen Kindern verlassen hat, der Grund dürfte auch in der Suchterkrankung ihres Mannes gelegen haben. Ich möchte nicht wissen, was diese Frau bis zu diesem Punkt erlitten und erduldet hat. Es ist schlicht eine Frechheit, was sich jetzt mancher herausnimmt und auf einen einprügelt, der offensichtlich am Boden liegt.
    Jan Ullrich scheint sehr krank zu sein, er scheint der hinterlistigen Sucht nach Alkohol verfallen zu sein. Die Sucht nach einem Stoff, der überall greifbar ist, der nicht nur nicht verboten ist, sondern der gesellschaftlich volle Akzeptanz genießt. Mehr noch: Wer keinen Alkohol anrührt, der gilt als verdächtig. Und wie viele bemerken die Grenze zwischen Genuss und Sucht nicht?
    Gut, wenn sich Jan Ullrich jetzt helfen lässt. Wie all die Alkoholkranken in der Betty Ford-Klinik und anderswo. Allein: Es geht uns nichts an. Man sollte Jan Ullrich endlich in Ruhe lassen und zwar alle - Journalisten, die sich jetzt profilieren wollen wie vermeintliche Freunde, die auf dem Rücken eines gefallenen Stars wieder in die Schlagzeilen kommen.
    Jedoch, sind wir ehrlich. Würde Jan Ullrich einen Ausflug nach Bad Kissingen machen, würde er ausgerechnet in der Theresienstraße 21 klingeln und sagen: "Ich möchte gerne mit der Saale-Zeitung über meine Suchterkrankung sprechen" - ja, natürlich. Ich würde mit ihm reden. Ohne Häme, ohne erhobenen Zeigefinger, denn über die am weit verbreitetste Sucht in Deutschland muss geschrieben und geredet werden. Aber: Jan Ullrich wird wohl mit keinem Journalisten mehr reden. Ich verstehe ihn.

    Susanne Will

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