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    Bad Kissingen

    Mit viel Feingefühl

    Begeisterung für das Objekt: die Mechanik macht den Unterschied.
    Begeisterung für das Objekt: die Mechanik macht den Unterschied.

    Gelegentlich mal ein Zahnrad erneuern oder die Batterie austauschen sind Dinge, mit denen der normale, sprich unkundige Mensch mit dem Beruf des Uhrmachers verbindet. Manch einer fragt sich sogar, warum man für diese Tätigkeiten überhaupt professionelle Hilfe aufsuchen sollte. Für moderne Wegwerfware, bei der sich eine Reparatur nicht lohne, sei diese Frage auch durchaus legitim meint Michael Servatius, der seinen Meister- sowie Restauratorentitel in der genannten Berufssparte errungen hat und im elterlichen Unternehmen in Bad Kissingen beschäftigt ist.

    Schaut man jedoch einmal näher hin, dann offenbart die Uhrmacherei viele Facetten und so einige Hürden, die sie schon allein durch die vielen zu erwerbenden Fertigkeiten zu einem nicht alltäglichen Beruf machen.

    Noch bevor man überhaupt dazu kommt, sein eigentliches Handwerk auszuüben, gilt es zunächst Grundfertigkeiten zu erwerben. Servatius beginnt aufzuzählen und es dauert eine Weile, bis er schließlich fertig ist.

    Löten, fräsen, bohren

    "Wir löten, fräsen, bohren oder feilen, im Grunde unterscheidet sich unsere Grundausbildung nicht von der in einem Industrieberuf. Wir fangen halt schon klein an und werden anschließend auch immer kleiner", fasst Servatius am Ende zusammen. Ebenso baue man Schaltungen, zeichne das eigene Meisterstück am Computer und programmiere sogar CNC-Maschinen. "Unser Beruf ist unglaublich vielseitig, was kaum ein Mensch weiß, und es ist wirklich toll und ich glaube, dass es wenige Berufe gibt, die an Grundkenntnissen so breit gefächert sind", ist Servatius im Laufe des Gesprächs die Begeisterung für einen Berufsstand in jeder Sekunde anzumerken.

    "Man lernt nie aus"

    Ebenso vielfältig wie die handwerklichen Kenntnisse sind auch die Materialien, mit denen die Uhrenmacher arbeiten. Leder, Edelmetalle , Holz und auch Glas oder Steine gehören zu Dingen des täglichen Gebrauchs. Geändert hat sich hingegen der Schwerpunkt des Berufes. Der Begriff Uhrmacher sei laut Servatius ein wenig irreführend, weil weniger die Herstellung als vielmehr Serviceleistungen im Mittelpunkt der täglichen Arbeit stehen. Doch das macht den Alltag nicht langweilig, im Gegenteil: "Es passiert ganz oft, auch bei erfahreneren Kollegen, dass sie bei einer Reparatur auf etwas stoßen, das sie noch nie gesehen haben. Man lernt einfach nie aus", so Servatius. Deshalb sei er selbst zwar stolz auf seinen schon früh erworbenen Meistertitel gewesen, hatte aber stets im Bewusstsein, dass man einem erfahrenen Gesellen immer noch nichts vormachen könne. Erfahrung sei im Uhrenmacherhandwerk einfach der beste Lehrmeister. Da half es dem jungen Uhrmachermeister ungemein, dass er im Geschäft seiner Eltern Sabine und Karl schon in der Kindheit permanent mit eingebunden war.

    Ebenso braucht man viel Geduld, denn es kann durchaus mal sein, dass man mehrere Arbeitstage an einer einzigen Reparatur sitzt. "Manchmal muss man dann die Uhr auch einfach mal weglegen und erst einmal einen Kaffee trinken und dabei grübeln. Es spielt sich unglaublich viel im Kopf ab", erklärt Servatius. Da man vieles in einem Uhrwerk einfach nicht sehen könne, brauche man eine sehr visuelle Vorstellungskraft mit physikalischem Verständnis, um einen Arbeitsschritt und dessen Wirkung vorhersehen zu können. Nicht nur, aber auch aufgrund der hohen Anforderungen gibt es keine Heerscharen an Bewerbern im Uhrmachernachwuchs. Gerade einmal 17 Lehrlinge befinden sich aktuell in der Ausbildung für Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz. Servatius betont aber, dass es auch schon schlechtere Zahlen gab. Nicht wenige hörten nach kurzer Zeit auch schon wieder auf, da sie die ein oder andere Anforderung nicht erfüllen konnten.

    Dabei ist Begeisterung für den Beruf und das Arbeitsobjekt unabdingbar. Deshalb ärgert Servatius auch die stetig zunehmende Verwendung von billigeren Materialien mit höherem Verschleiß bei gleichbleibendem Preis in der Uhrenindustrie : "Wir versuchen da auch im Verkauf gegenzusteuern, aber manche sind einfach unbelehrbar und entscheiden lediglich nach dem Aussehen einer Uhr." Auf der anderen Seite gebe es aber die Liebhaber, die das Ticken der Uhr hören, vielleicht sogar deren Mechanik sehen wollen.

    Mit vielen dieser Kunden pflege man Laut Servatius lange Beziehungen und mache dann auch schon mal den ein oder anderen Hausbesuch. Generell gehe es aktuell wieder mehr in Richtung bewusstem Uhrenkauf, bei dem man für die Anschaffung ein wenig mehr berappen muss. Servatius gibt für jeden potentiellen Uhrenkäufer zu bedenken: "Es ist doch schön, auch etwas Dauerhaftes zu erwerben, das man eventuell sogar vererben kann. Wenn man die Uhr des Großvaters tragen kann, die immer noch funktioniert, weil die Mechanik einfach auch nach so langer Zeit immer noch reparierbar ist."

    Bastian Reusch

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