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    Bad Kissingen

    Neue Hutträger im Wald

    Viele Sammler zieht es derzeit ins Grüne, um Pilze zu sammeln. Dabei stößt mancher auf ihm unbekannte Arten. Einige sind gefährlich für den Menschen. In die Region kamen sie durch den Klimawandel.
    Es ist Pilzzeit: Ein Sammler hält  Steinpilze, Pfifferlinge und Maronen in seinen Händen. Symbolbild: Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa
    Es ist Pilzzeit: Ein Sammler hält Steinpilze, Pfifferlinge und Maronen in seinen Händen. Symbolbild: Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa

    Herbst ist Pilzzeit, an vielen Waldwegen stehen die Autos von Pilzsammlern. "Es ist viel los seit Anfang Oktober", sagt Ingo Queck, der zweite Vorsitzende der Bad Kissinger Kreisgruppe des BN. Das hänge mit dem derzeitigem feuchten Wetter zusammen. "Wenn man in den Wald schaut, sieht man durch die Bäume meistens schon die ersten Pilze stehen." Darunter sind allerdings nicht nur der Steinpilz oder der beliebte Parasol.

    "Vergangenes Jahr hat mir jemand einen fransigen Wulstling gezeigt", sagt Queck rückblickend. Ein Sammler erntete den Speisepilz im Klauswald. Optisch ähnelt er einem Fliegenpilz - bis auf einen großen Unterschied. Statt einer roten Kappe, hat der fransige Wulstling eine weiße Kappe. "Der Pilz stammt eigentlich aus dem submediterranen Raum", informiert der Fachmann. Ins Saaletal kam er höchstwahrscheinlich durch den Klimawandel. Queck geht davon aus, dass in Zukunft mehrere Arten aus dem Mittelmeerraum in der Region heimisch werden. Darunter beispielsweise der Kaiserling. Bei ihm handelt es sich ebenfalls um einen Speisepilz.

    Neue Arten sind im Kommen

    Auch neue giftige Doppelgänger und giftige Pilzarten kommen durch die klimatischen Veränderungen auf. Ein neuer Hutträger im fränkischen Raum ist der giftige Ölbaumpilz, der dem Pfifferling sehr ähnlich sieht. Für das Wild scheinen die neuen Giftpilze momentan noch kein Thema zu sein. Experten hoffen auf den tierischen Instinkt, der beispielsweise Wildschweine vom Verzehr neuer giftiger Arten abhält.

    Nicht jede neue Pilzart lässt sich jedoch sofort erkennen. "Oberirdisch sehen wir ja nur den Fruchtkörper", sagt Queck. Der eigentliche Pilz verbirgt sich unter der Erde. Dort verläuft ein weit verzweigtes wurzelähnliches Netz, das den Pilz mit Nährstoffen versorgt. Aber: "Es bildet sich nicht immer ein Fruchtkörper aus", sagt Queck. Es könne also sein, dass bereits weitere neue Arten in der Region heimisch sind, und trotzdem noch keine Fruchtkörper zu sehen sind. Denn bevor sich ein solcher entwickelt, muss der Pilz sich fortpflanzen. Dafür muss das Wurzelgeflecht, die Hyphen, zweier Paarungstypen einer Art verschmelzen. Hinter den Paarungstypen verbergen sich die verschiedenen Geschlechter. Als Folge biologischer Prozesse bildet sich schließlich das heraus, was im Volksmund allgemein als Pilz bekannt ist - der Fruchtkörper.

    Doch der Klimawandel begünstigt in der Welt der Fungiden nicht nur Speisepilze. Fehlende Niederschläge und die hohen Temperaturen führten dazu, dass die Rußrindenkrankheit beim Ahorn ausbrach. "Die Krankheit ist vom Süden in den Norden gewandert", teilt Bernhard Zürner, Forstdirektor beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, mit. Im Landkreis Bad Kissingen sind davon Bäume an drei Standorte betroffen. Mehr Fälle der Rußrindenkrankheit gibt es im Bereich der fränkischen Platte bei Würzburg, Schweinfurt und Kitzingen.

    Bäume leiden

    Bei der Krankheit handelt es sich um eine Pilzerkrankung des Baumes. Der Pilz Cryptostroma corticale nistet bereits seit längerem im Baum. "Ein gesunder Baum schafft es, ihn in Schach zu halten", erklärt Zürner. Fängt der Baum durch Wetterextreme an zu schwächeln, gelingt es dem Baum nicht mehr Widerstand zu leisten. "Mit zunehmender Schwäche des Baums wird der Pilz dann pathologisch", sagt der Forstdirektor. "Das ist ein Todesurteil. In ein bis zwei Jahren ist der Baum dann tot." Durch die Rußrindenkrankheit verliert der Baum seine Rinde - und damit seine Schutzhaut. An deren Stelle tritt eine schwarze Sporenschicht. Daher rührt auch der Name der Rußrindenkrankheit. Der Wind verbreitet die Pilzsporen anschließend.

    "Mittelfristig müssen die befallenen Bäume raus aus dem Wald", sagt Zürner. Das soll am besten während der feuchten Jahreszeit geschehen. "Der Regen bindet die Sporen". Allerdings muss eine Spezialfirma engagiert werden. Denn die Pilzsporen sind gefährlich für den Menschen. "Das ist ähnlich wie bei der Farmerlunge, die durch Pilzsporen bei der Getreideernte hervorgerufen wird." Atmet ein Mensch Sporen ein, führen diese zu Entzündungen in der Lunge. Als Folge vernarbt das Lungengewebe. Reizhusten, Atemnot, Fieber und Schüttelfrost treten auf. "Deshalb ist es notwendig, das Fällen befallener Bäume Fachleuten zu überlassen, die mit entsprechender Schutzausrüstung rangehen." Das befallene Holz muss in Müllverbrennungsanlagen verbrannt werden. Derzeit errechnen Fachleute die Kosten für eine solche Entsorgung.

    Welche Böden?

    Laut Fabian Menzel, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Rhön-Saale, führen verschiedene Böden zu Unterschieden, was das Pilzwachstum angeht. "Das zeigt sich beispielsweise in Bereichen, in den Buntsandstein vorkommt." Dort wachsen andere Pilze als beispielsweise auf lehmigen Böden. Wichtig sind außerdem das Klima, das Wetter und die Höhenlage.

    Wie ernten?

    Die Gretchenfrage bei der Pilzernte befasst sich mit der richtigen Ernteweise. Mancher Sammler befürwortet das Abschneiden mit einem Pilzmesser, während andere auf ein vorsichtiges Herausdrehen setzen. Ingo Queck, der stellvertretende Vorsitzende der BN Kreisgruppe Bad Kissingen , favorisiert das Herausdrehen. "Dabei verletzt man das empfindliche unterirdische Geflecht weniger", erklärt er. Damit ist es für ihn allerdings noch nicht getan. "Dabei handelt es sich letztlich um eine Wunde - deshalb gebe ich immer noch etwas Streu auf den Ort, wo ich den Fruchtkörper herausgedreht habe."

    Tipps für Neulinge?

    Ohne Kenntnis Pilze zu sammeln, kann ein böses Ende nehmen. In Pilzkursen und -Seminaren vermitteln Kenner das Wissen an Neulinge. Angeboten werden sie beispielsweise im Haus der Schwarzen Berge. Die Termine für das kommende Jahr stehen bereits fest. Außerdem gibt es zahlreiche Pilzkundebücher. "Es ist wichtig, dabei auf neue Publikationen zu setzen", sagt Queck. Das zeigt sich an Pilzen wie dem Kahlen Krempling. Einst führte die Literatur den Pilz als genießbar. Allerdings enthält er Allergene, die nach mehrmaligem Genuss das Paxillus-Syndrom hervorrufen. Dabei handelt es sich um eine Immunreaktion, die bis zum Tode führen kann. Queck hält es deshalb für sinnvoll, auf Pilzkurse und Fachliteratur zu setzen. "Die Bücher zeigen oftmals nur den ausgewachsenen Pilz - die jungen Stadien finden sich selten". Gerade im jungen Stadiumwürden sich manche Gift- und Speisepilze ähneln. "Außerdem ist es wichtig zu wissen, wie ein Pilz riecht, Bücher allein können das nicht bieten." Ein weiterer Grundsatz: "Nur das Sammeln, was sich zweifelsfrei identifizieren lässt."

    Welche Pilze gibt es im Landkreis?

    Der Landkreis - und allgemeine die Rhön sind pilzreich. "Es gibt sogar Veröffentlichungen aus der Forschung zur Pilzwelt der Rhön", sagt Queck. Die fungide Vielfalt bestätigt auch Menzel, der in seiner Funktion häufig im Wald unterwegs ist: "Es gibt Steinpilze, Maronen, Hexenröhrlinge, die krause Glucke, den Parasol, Wiesenchampignons - und noch viel mehr."

    Was ist der Pilz?

    Der Pilz setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Der Großteil ist für das Auge unsichtbar, weil es sich unter der Erde befindet. Das Wurzelgeflecht nennt sich Myzel und kann leicht einen Baum in der Größe übertreffen. Was sichtbar ist, ist der Fruchtkörper. Viele Pilzarten gehen mit Bäumen eine Symbiose ein. Die Bäume bekommen über den Wurzelkontakt mit den Pilzen Nährstoffe und Wasser, während die Pilze von den Photosynthese-Produkten profitieren. Die Folgen dieses Zusammenlebens sind beispielsweise eine bessere Resistenz gegen Trockenheit und Schädlinge.

    Wie viel darf ich mitnehmen?

    Immer wieder kursieren Meldungen von Pilzsammlern, die zuviel gesammelt haben. "Pilze dürfen in geringen Mengen für den eigenen Bedarf gesammelt werden", sagt Melanie Hofmann , zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landkreises. Geregelt ist das in der Bundesartenschutzverordnung. Hinter dem Begriff der "geringen Menge für den eigenen Bedarf" verbirgt sich nur so viel, wie in einer Mahlzeit verspeist werden kann. "Es geht nicht darum, sich den Gefrierschrank zu füllen", sagt Hofmann. "Eine Genehmigung zum Sammeln braucht man nicht." Diese ist erst notwendig, wenn die Pilze verkauft werden sollen, oder der Pilzsammler auf der Suche nach Trüffeln ist. Wichtig ist allerdings noch ein anderer Punkt: "Man sollte sich fragen, ob man wirklich jeden Pilz mit nach Hause nehmen muss", sagt Queck. Denn: "Pilze verbreiten sich über die Sporen im Fruchtkörper."

    Was ist mit der Strahlungsbelastung?

    Der Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 wirkt noch heute nach. Das radioaktive Isotop Cäsium-137 baut sich nur äußerst langsam ab. In Pilzen reichert sich die Radioaktivität an. "Bei uns sind die Pilze eher weniger strahlenbelastet", sagt Queck. Problematischer sei die Lage im südbayerischen Raum. Das hat sogar Auswirkungen auf das Wild in den Regionen. Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz werden noch heute vereinzelt Werte gemessen, die den Grenzwert für die Vermarktung um mehr als das Zehnfache überschreiten.

    Johannes Schlereth

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