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    Machtilshausen

    Offenes Denkmal mit ganz viel Leben

    Die Führung am historischen Schreinersch-Haus nahm German Zier wahr.Gerd Schaar
    Die Führung am historischen Schreinersch-Haus nahm German Zier wahr.Gerd Schaar

    Das Interesse der etwa zwei Dutzend Besucher, die nach und nach eintrafen, war groß. Die Führung durch das ursprüngliche Schultheis-Haus aus der Zeit um 1485 nahm German Zier wahr.

    Das sei Geschichte zum Anfassen, meinte die junge Familie Martin und Sabrina Böckle, die sich der kundigen Führung mit ihren zwei Kleinkindern anschloss. In Machtilshausen wohnen sie erst seit einem Jahr, verriet der gebürtige Nürnberger. So also haben die Leute in dem etwa 500 Jahre alten Gebäude gewohnt, gearbeitet und gelebt? Das Bewusstsein für die Historie sei in den vergangenen Jahren beträchtlich gewachsen.

    Der neue Holzpellet-Ofen im alten Wohnzimmer bullert und strahlt wohlige Wärme aus. In der Glasscheibe eines Fensters ist noch ein Bild der letzten Bewohnerinnen Ida, Isabella und Berta Mützel zu sehen. Die angrenzende Küche und das Schlafzimmer hinterließen auf die Betrachter den Eindruck, als wären die Zimmer noch im Gebrauch. "Ga Obachd, niedrer Dür-Schduz", warnt der Hinweis davor, beim Betreten des Raumes auf den niedrigen Querbalken über der Türe zu achten.

    Fast schien es also, als ob die Bewohner des Schreinersch-Hauses noch drin wohnen würden. Jetzt die steile Holztreppe hoch gehen und neugierige Blicke in die oben liegende Wohnung und die angrenzende Werkstatt werfen. Hier waren früher Schreiner, Schneider und Schuster nebeneinander daheim. Lange Zeit war der Familienname der Bewohner Feser. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten viele Fesers in die U.S.A. und nach England aus. "Die Männer waren dort alle in der Pianobau-Branche als Schreiner tätig", sagte Ingrid Mützel.

    Ausstellung über Auswanderer

    Die Besucher waren beeindruckt von der Sternengalerie und dem Stammbaum der nachweisbaren früheren Bewohner. "Leider fehlen viele Hinweise aus Zeiten vor dem 18. Jahrhundert, aber Rückmeldungen aus Amerika, wie bei Caspar Feser aus dem Auswanderungsjahr 1879 sind nachweisbar", wies Ingrid Mützel auf den Schwerpunkt der Ausstellung hin, die heuer den vielen Auswanderern im späten 19. Jahrhundert zum Denkmalschutztag gewidmet sei.

    So zum Beispiel auch die Geschichte von Donald Feser, der als New Yorker Polizist bei dem Terroranschlag auf das World-Trade-Center 2001 im Einsatz war und wegen Lungenkrebs aufgrund der eingeatmeten Stäube 2009 starb. Er werde in Amerika als Held verehrt, weil er viele Leute gerettet hat. Genutzt sei das Schreinersch-Haus in den 1960er Jahren als Unterkunft für italienische Gastarbeiter worden, was den internationalen Charakter unterstreiche, so Ingrid Mützel.

    Ein Abenteuer sei der Erwerb dieses Schreinersch-Hauses gewesen, das seit 1993 leer stand, erklärte Zier. Schon drohte dieses Gebäude aus dem späten Mittelalter, das mit seinen spätgotischen Fachwerkformen zu den ältesten Bauernhäusern Bayerns zählt, zu verfallen. Der ansässige Verein für Gartenbau, Brauchtums- und Heimatpflege erwarb das Objekt und rettete es rechtzeitig vor dem Verfall. Mit dem Wiederaufbau unter der Unterstützung des Denkmalschutzes wurde 1995 begonnen. Etwa 12 000 ehrenamtliche Arbeitsstunden seitens des Vereins seien geleistet worden, so Zier.

    Die Hofanlage sei ebenfalls neu gestaltet worden, so dass das Anwesen Schreinersch-Haus nach Fertigstellung 2003 als neuer Mittelpunkt des Ortes Machtilshausen galt. "Unsere Kinder und nachfolgende Generationen sollen Kenntnis von der Jahrhunderte alten Bautradition und der damaligen Lebensweise erhalten", nannte Zier das langfristige Ziel.

    Das Schreinersch-Haus hätte theoretisch auch im Freilandmuseum landen können. Doch so ist es authentisch am Ursprungsort geblieben, und der Bau kann mit Leben erfüllt werden. So zum Beispiel mit solchen Fachführungen wie jetzt, als Zielpunkt für Wanderer und Radfahrer, als beschaulicher Ort für fränkische Brotzeiten und Familienfeiern, für Vorträge, Seminare und Versammlungen, die zumeist im gemütlichen Gewölbekeller stattfinden. Jährlich landet hier auch das symbolische Floß des Saale-Musicums und nutzt Hof und Scheune für die musikalischen Veranstaltungen.

    Gerd Schaar

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