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    Hammelburg

    Oft kein leichter Start in den Beruf

    In der Erzählreihe "Erlebt & Erzählt" standen diesmal die Lehrjahre, der Anfang des Berufslebens verschiedener Zeitzeugen im Mittelpunkt.
    Auch Kopien von Beurteilungen, Prüfungen und Briefe lagen bei der Erzähl-Reihe zum Einblick vor.  Fotos: Winfried Ehling
    Auch Kopien von Beurteilungen, Prüfungen und Briefe lagen bei der Erzähl-Reihe zum Einblick vor. Fotos: Winfried Ehling

    Dass "Lehrjahre keine Herrenjahre waren" - das Thema des jüngsten Live-Podiums der Reihe "Erlebt & Erzählt" - ist Menschen im Ruhestand nur zu gut bekannt. Dem Initiator und Organisator dieser beliebten Erzählrunde, Altbürgermeister Ernst Stross , gelang es erneut, sein Projekt in der Stadtbibliothek mit Zeitzeugen auszustatten, die das Motto ergiebig und aus eigener Erfahrung ausschmücken konnten.

    Viele Berufe verschwunden

    Bibliotheksleiterin Karin Wengerter hieß rund 100 Zuhörer willkommen, deren Erinnerungen und Austausch interessante Einblicke in das "Damals" eröffneten. Denn in den ersten zwei Dritteln des verflossenen Jahrhunderts war der Start ins Berufsleben noch ein echtes Abenteuer, zumal in einer Zeit, in der Lehrstellen Mangelware, insbesondere in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, waren.

    Maurer, Tischler, Maschinenschlosser und Maler hießen die gefragten Lehrberufe. Einige gibt es heute gar nicht mehr oder nur in veränderter Form, man denke an den Maschinenschlosser, der zum Kfz-Schlosser, zum Kfz-Mechaniker und schließlich zum Mechatroniker wurde. Für Mädchen kamen Einzelhandelskauffrau, Damenschneiderin oder Friseurin in Frage. Die Putzmacherin lässt sich nicht mehr finden, und Berufe wie Bankkauffrau oder Arzthelferin tauchten erst später auf.

    Otmar Huppmann, Wahl-Diebacher des Jahrgangs 1930, sollte nach Willen des Vaters Bauer werden. Ihn zog es jedoch zum Schmiede-Handwerk, das Landwirte seinerzeit meist selbst praktizierten. Aus Sömmersdorf stammend, fand er eine Ausbildungsplatz in Lindach. Doch Hammer und Amboss blieben ihm weitgehend versagt. Er musste mit einem polnischen Kriegsgefangenen den Acker bestellen und - haute ab.

    Glücklicherweise fand er gleich eine Lehrstelle bei Schmied Jakob in Geldersheim, das täglich mit dem Fahrrad zu erreichen war. Arbeitszeit: Von morgens 6 Uhr bis abends 9 Uhr. Samstags verkürzt, musste der Lehrling jedoch noch die Straße kehren, wobei die Schmiedetöchter feixend zuschauten. Der Monatslohn betrug zwischen zehn und 15 Reichsmark. Wenn Mutter eine Brotzeit einpackte, reichte das Geld noch für eine Suppe im Gasthaus um zehn Pfennige.

    Der Hammelburger Josef Kirchner, 1936 geboren, erinnert sich an die Zeiten der Arbeitslosigkeit in der landwirtschaftlich geprägten Saalestadt. Die Lage erschwerten in den 50er Jahren viele Flüchtlinge. Er trat nach einer Wartezeit eine Lehrstelle in der Buchdruckerei Seipel an und konnte nach relativ kurzer Zeit "schon 1000 Kuverts mit der DIN-A5-Druckmaschine runterhauen". Von der Firma, die das Hammelburger Wochenblatt ausreichte, schnell zum Bus am Marktplatz, der die Journaille zu den umliegenden Ortschaften brachte. "Im dritten Lehrjahr verdiente ich schon 60 Mark monatlich", freute sich der Lehrling stolz, ein von der Gewerkschaft ausgehandelter Tarif.

    Nach Abschluss der Lehre ging es mit anderen nach Bamberg, wo die frischgebackenen Buchdrucker "gegautscht" wurden, in die Zunft aufgenommen - mit einer Wassertaufe. Die jungen Gesellen sollten außerdem eine Maß Bier austrinken, kamen, aber nicht dazu, weil ihnen die älteren einen eiskalten Guss ins Genick schütteten.

    Lange Arbeitszeiten

    Renate Kossmehl, ebenfalls Hammelburgerin, konnte sich mit Erlaubnis der Eltern selbst für die Einzelhandelskauffrau-Lehre entscheiden. Diese trat sie bei der Hausrat- und Porzellan-Firma Marterstock in der Bahnhofstraße an. "Ich wollte nicht mehr zur Schule gehen", begründete sie ihren Entschluss. Pakete auspacken, Rechnungen schreiben, die integrierte Tankstelle putzen gehörten zu ihren Aufgaben.

    Die Arbeitszeit währte von 8 bis 20 Uhr, allerdings mit zwei Stunden Mittagspause, die das Essen zu Hause erlaubten. Später auch im Verkauf tätig, verdiente sie zwischen zehn und 30 Mark monatlich. Ohne ein Zubrot der Eltern hätte es jedoch nicht gereicht für das Wochenende im Café Claßen oder Feser. Die Bilanz der Befragten: "Ich konnte mich eigentlich nicht beschweren".

    Zahlreiche weitere Zuhörer gaben einen Einblick in ihre Lehrzeit, wie der in der Herrenmühle wohnhafte Berthold Kegel, der eigentlich Elektriker erlernen wollte. Der Vater steckte in aber in die Autowerkstatt Hack, wo er eine 60-Stunden-Woche hatte, Hühner füttern und auch die Straße und Werkstatt sauber halten musste. Oder Friseurin Blanka Traumann, die für die Heizung im Salon verantwortlich war, mit herbeigeschafften Holz und Eierbriketts, was sie nach Geschäftsübernahme an ihre Lehrlinge weitergab.

    Den Abend füllten anschließend noch zahlreiche Gespräche und Erfahrungen, und manch einer dachte wohl insgeheim, "gut, dass diese Zeit vorbei ist". Doch Schaden hat keiner der Interviewten genommen.

    Winfried Ehling

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