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    Hammelburg

    "Erlebt- erzählt" in Hammelburg: Oft ohne Pausenbrot zur Schule

    Moderator Ernst Stross (rechts) befragt (v. l.) Christa Plihal, Reinhard Oswald und Angelika Stahl nach ihren Schulerlebnissen.  Foto: Winfried Ehling
    Moderator Ernst Stross (rechts) befragt (v. l.) Christa Plihal, Reinhard Oswald und Angelika Stahl nach ihren Schulerlebnissen. Foto: Winfried Ehling

    Bittere Armut herrschte in den Nachkriegsjahren auch in der Saalestadt, wie der aktuelle Beitrag aus der Vortragsreihe "Erlebt - Erzählt" in der Stadtbücherei belegte. Das von Bibliotheksleiterin Karin Wengerter und Moderator Ernst Stross ausgewählte Thema betraf die Schuljahrgänge von 1940 bis 1960, zu denen Zeitzeugen Erinnerungen, Eindrücke und emotionale Empfindungen wiedergaben.

    Stross, selbst einer dieser Jahrgänge und später Lehrer, begrüßte das Publikum mit den Worten "Liebe Schülerinnen und Schüler " und ging umgehend auf den Übergang vom Kindergarten in die 1. Klasse ein. Zu dieser Zeit hatte jedes Dorf eine Schule unterschiedlicher, baulicher Voraussetzung. Doch nicht alle Einzuschulenden kannten einander, denn der Kindergarten wurde nicht von jedem besucht. Oft mussten die Jüngsten beim elterlichen Tagwerk mithelfen.

    Für viele erhob sich beim Schuleintritt die bange Frage, wer und wie ist der Lehrer, so wie bei Christa Plihal. Im heutigen Stadtteil Diebach gab es sogar drei Schulen , wie Helmut Vierheilig erzählt. Frau Mehling unterrichtete im Raum des Kindergartens die 1. und 2. Klassen, die so genannte "kleine Schule". Dritt- und Viertklässler fanden Unterschlupf im Nonnen-Kindergarten und die "große Schule", besucht von den älteren Schülern, lag direkt an der Dorfstraße.

    Die Westheimer erreichten ihr Schulhaus zuweilen auf unkonventionellen Wegen. Bei Hochwasser mussten die Kinder in einer Messingwanne in das Klassenzimmer paddeln, um am Unterricht von Amanda Pöschl teilnehmen zu können, wie Angelika Stahl berichtete. Da hatten es die älteren Schüler besser. Sie waren im Feuerwehrhaus untergebracht. Gisela Strerath besuchte die noch existierende alte Volksschule in Hammelburg , wo "Fräulein Babette Heim" für warme Zimmer sorgte. Als die Lieblingslehrerin, Schwester Johannita, ging, brachen die Mädchen am Bahnhof in Tränen aus, erinnerte sie sich. Wenn Mädchen und Buben den Klassenraum wechselten, mussten Mädchen wegschauen, damit sie die Jungs nicht sehen. Weibliche und männliche Klassen waren seinerzeit häufig getrennt - auch um "unkeuschen Gedanken" vorzubeugen.

    Vom Schuldienst und seinen damaligen Gepflogenheiten weiß Frieda Assmann zu berichten, die unbedingt Lehrerin werden wollte, was ihr mit Unterstützung von "Maria Hilf" (Dr. Maria Probst ) gelang. Die Hammelburgerin kam nach Abschluss ihrer Ausbildung auf Schulrats-Order in den Schuldienst nach Karbach im Steigerwald, wo sie für einen erkrankten Lehrer die 5. bis 8. Klassen übernahm.

    Danach wartete eine feste Stelle in Schwebenried. Lehrer waren damals angesehene Leute, weiß sie - auch wenn das Monatsgehalt gerade mal 180 Mark betrug. Frieda Assmann gehörte dazu. Das belegt das öftere Klingeln an der Tür und die Frage ihrer Schülerinnen: "Fräulein, gehen Sie mit uns spazieren?" Erstklässler bekamen auch in den mageren Zeiten natürlich eine Schultüte. "Die war häufig mit viel Papier ausgestopft und obenauf lagen einige Süßigkeiten", feixte Reinhard Oswald aus Gauaschach.

    Mädchen mit Schulschürze

    Bei der Schulkleidung der Mädchen sah man häufig die "Schulschürze", die sofort nach dem Unterricht mit der Arbeitsschürze getauscht wurde, um das gute Stück zu schonen. Bei den Jungen war die Lederhose ein dankbares Kleidungsstück und zu - fast jeder - Gelegenheit passend. "Gute Hosen " kamen meist von älteren Brüdern oder sogar aus der Nachbarschaft. Gelegentlich arbeitete die Mutter auch Vaters Hose um, die ihm nicht mehr passte. Apropos Hosen . Bei den Lehrern waren sie für ein "braves, deutsches Mädel" verpönt.

    Ein Pausenbrot bekam Josef Kirchner nicht mit in die Schule. Da war er nicht der einzige. Das "zweites Frühstück", sofern es das gab, bestand vielfach aus einer Scheibe Brot und einem Apfel. Da bekam man keine fettigen Finger. Es gäbe wohl noch vieles zu berichten über diese Zeit, die Cilli Ziegler in ihrer Heimatstadt Nürnberg erlebte, wo sie doch etwas unterschiedlicher war. Den hiesigen jedenfalls sind die Erlebnisse mit Schule und Lehrern noch im Kopf, die kleine aber resolute Frau Weber, Rektor Ludwig Kamm, den man artig grüßte oder Lehrer Walter Kühnl, der seine Pappenheimer immer im Auge hatte. Zu NS-Zeiten wurden Schulen auch bespitzelt. Der Unterricht begann mit einem dreimaligen "Sieg Heil" denn unter den Pädagogen fanden sich auch "Verehrer des braunen Kults", wie sich Frieda Assmann erinnert. Der Religionsunterricht durfte nicht in der Schule sein. Pfarrer Martin fand eine Lösung. Er unterrichtete sie im Pfarrhaus.

    Winfried Ehling

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