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    Sulzthal

    Poet mit fränkischen Wurzeln

    Wenn der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude an Rudolf Schmitt-Sulzthal denkt, muss er schmunzeln: "Da stand ein dürres, kahlköpfiges Männchen mit einigen silbernen Haaren im Nacken", erinnert er sich an Auftritte des Literaten, und: "Er war Kettenraucher, selbst am Pult hatte er immer einen Zigarettenstummel im Mund, hat ständig gehüstelt, weshalb man ihn auch kaum verstanden hat." Trotzdem sei er in der Schwabinger Szene hoch geachtet worden: "Er hat sich als Typ tief eingeprägt", sagt Ude über Schmitt-Sulzthal, der am 24. August 1903, also vor 115 Jahren in Sulzthal zur Welt kam.

    Viele Autoren angezogen

    Schmitt-Sulzthal wohnte in Schwabing, wo auch Christian Ude bis heute lebt. Der Vater des späteren Münchner Oberbürgermeisters, Karl Ude, arbeitete als Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und pflegte enge Kontakte in die Literaturszene. Deshalb war er auch regelmäßig Gast beim Tukan-Kreis. Als "Kristalisationspunkt des literarischen Lebens der Stadt München" beschreibt Ude den Tukan-Kreis noch heute. Allerdings sei er nur einer von vielen "Schwabinger Zirkeln" gewesen. Die "Traumstadt" oder die "Seerose" gehörten ebenso dazu, und: "Es gab manigfaltige Verflechtungen." Mehrere hundert Autoren holte Schmitt-Sulzthal zu Lesungen.

    "Er war aber eher konservativ, die Treffen waren oft überaltert, das aufregende literarische Leben spielte sich eher in der Gruppe 47 ab", fasst Ude die Ausrichtung zusammen. Trotzdem gab es große Namen unter den so genannten Ehren-Tukanen wie Hugo Hartung, Eugen Roth oder Erich Kästner. Außerdem habe er jüdische Schriftsteller wie den in München als Fritz Rosenthal geborenen Schalom Ben-Chorin zu Lesungen in die Stadt geholt.

    Die Rolle Schmitt-Sulzthals sei nach seinem Tod eher etwas verklärt worden. "In Wirklichkeit war der Tukan-Kreis ein Ein-Mann-Unternehmen von Rudolf Schmitt-Sulzthal", stellt Ude klar. Der Hauptgrund, einen Verlag zu gründen, habe darin bestanden, seine eigenen Werke zu veröffentlichen. "Aber er musste schnell feststellen, dass ein Verleger nicht viel verdient, wenn sich die Zeilen nicht verkaufen lassen."

    Von seinen Aktivitäten mit dem Tukan-Kreis dagegen habe er passabel leben können, das kommentierte Schmitt-Sulzthal nach Udes Worten auch immer wieder ironisch: "Es bereitete ihm Freude, dass er sich durchs Leben schlug, ohne jemals etwas Richtiges gemacht zu haben."

    Ganz anders sei Rudolf Schmitt-Sulzthals Frau Erica gewesen. "Sie hatte eine raubauzige Stimme wie eine Bardame und war nicht so versponnen wie er, die große Gemeinsamkeit war, dass beide Kettenraucher waren und jeden Raum verpesteten."

    Geradezu ein Antipode sei auch sein Nachfolger als Obertukan Hans Dieter Beck: Der mittlerweile 86-jährige Verleger und Gesellschafter des wichtigsten juristischen Fach-Verlags Europas organisierte den Tukan-Kreis ab 1985 komplett um. "Beck ist einer der ökonomisch erfolgreichsten Verleger Deutschlands und macht das als

    Hobby, während Schmitt-Sulzthal als Verleger völlig gescheitert ist", benennt Ude den Unterschied. Trotzdem will er die Rolle des "skurrilen und liebenswürdigen Männleins" Schmitt-Sulzthal nicht klein reden: "Er hat eine Institution geschaffen, nach der die Stadt München ihren Literaturpreis benannt hat", verweist er auf den bis heute bestehenden Tukan-Preis und die Bedeutung des Tukan-Kreises über viele Jahrzehnte hinweg.

    Nie über Heimatort gesprochen

    Über sein Privatleben habe Schmitt-Sulzthal eher wenig gesprochen. Christian Ude habe ihn immer als "Onkel Rudolf" angesprochen, erinnert sich der 70-jährige Ex-OB. "Er hat sich das gefallen lassen, vielleicht auch weil er selbst keine Kinder hatte."

    Über seinen Heimatort habe er ihn nie sprechen hören, deshalb geht Ude davon aus, dass die Namensänderung in Schmitt-Sulzthal eher praktische Gründe hatte: "Es gab damals viele mehr oder weniger bekannte Schmitts in München, es ging ihm sicher eher um die Individualisierung."

    Seinen Zwillingsbruder Winfried habe er ab und an erwähnt, selbst kennen gelernt habe ihn Ude aber nicht. Er wisse auch nicht, ob es Nachfahren der Familie gibt.

    Eine "ganz wesentliche Einsicht" habe er Rudolf Schmitt-Sulzthal aber zu verdanken, berichtet Ude: Auf der Fahrt zu einem Literaturkongress in Überlingen am Bodensee habe der studierte Philosoph ihm eine Lebensweisheit anvertraut, die er ein Leben lang beherzigt habe. Schmitt-Sulzthals Rat: "Lebe dein Leben so, als ob du mit absoluter Sicherheit wüsstest, dass du morgen stirbst, aber auch, als ob du mit der gleichen Sicherheit weißt, dass du hundert Jahre alt wirst", erzählt Ude.

    Diese Ausgewogenheit zwischen dem Genießen des Moments und der Vorsorge für später habe ihn bis heute beeindruckt.

    Und es erkläre vielleicht auch, weshalb der Tukan-Kreis so feierfreudig und gesellig und Schmitt-Sulzthal so selbstironisch und kauzig gewesen sei.

    Zur Person

    Leben Rudolf Schmitt und sein Zwillingsbruder Winfried wurden am 24. August 1903 als Söhne des Kirchenmalers Michael Schmitt (1878 bis 1943) geboren. Michael Schmitt malte unter anderem das Deckengemälde in der Sulzthaler Kreuzkapelle. Die Familie zog schon kurz nach der Geburt der Kinder von Sulzthal nach München. Rudolf Schmitt besuchte dort  die Schule und studierte danach Philosophie, Literaturgeschichte und Gesang.

    Tukan Im März 1930 gründete der 26-jährige Rudolf Schmitt zunächst den Tukan-Verlag. Der so genannte Pfefferfresser-Vogel diente wohl wegen seines riesigen Schnabels als Namensgeber. Kurze Zeit später bildete sich der Tukan-Kreis als Plattform für Autoren. 1937 verboten die Nazis die Aktivitäten des Literaturzirkels. Nach der Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft ließ Schmitt-Sulzthal den Tukan-Zirkel 1950 wieder aufleben. Mehrere hundert Autoren, darunter auch viele große Namen, folgten seiner Einladung. Rudolf Schmitt-Sulzthal blieb bis zu seinem Tod am 7. März 1971 Obertukan. Ihm folgte zunächst seine Frau Erica,

    seit 1985 ist Hans Dieter Beck Obertukan.

    Autor Rudolf Schmitt-Sulzthal brachte mehrere Bücher und Gedichtbände heraus. In "Die Faschingsochsen von Bordeaux und andere Histörchen" oder "Unterm Maibaum" geht es immer wieder auch um das einfache Landleben.

    Verdienste Schmitt-Sulzthal war unter anderem Präsident des Verbands deutscher Schriftsteller, gehörte dem Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks an und erhielt das Bundesverdienstkreuz. In seiner Heimatgemeinde erinnert nichts an ihn. In den 1970er Jahren lehnte der Gemeinderat die Benennung einer Straße nach dem bekannten Sohn des Ortes ab. Damals wurde entschieden, dass grundsätzlich keine Straßen nach Personen benannt werden. In München erinnert eine Bronzetafel am Haus Leopoldstraße 74 an den Obertukan Rudolf Schmitt-Sulzthal.

    Ralf Ruppert

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